Die Abgründe, die jeder Mensch in sich trägt
In seinem neuen Roman schildert Graham Swift einen Tag im Leben seines Protagonisten, allerdings einen besonderen Tag: Der Tag, an dem George nicht nur Sarah besucht, sondern auch Blumen auf das Grab ihres Mannes legt - Blumen für Sarahs Mordopfer.
Es gibt kein Sprechgitter, keine Barriere. Ein einfacher Tisch, am Fußboden befestigte Stühle. Man darf sich berühren, man darf sich umarmen. Einmal alle vierzehn Tage eine Umarmung. Natürlich ist man nicht für sich, da sind all die anderen, und man wird beobachtet. Die Aufseherinnen können genau sehen, was du tust, können, wenn sie wollen, jedes Wort hören. Mit Hilfe der Fernsehüberwachungsanlage. Aber nach einiger Zeit macht einem das nichts mehr aus. Es unterscheidet sich eigentlich nicht so sehr von einem Krankenhausbesuch.
Zweimal im Monat kommt Privatdetektiv George Webb ins Frauengefängnis, um Sarah zu besuchen. Sarah ist George Webbs große Liebe und gleichzeitig eine verurteilte Mörderin, die ihren Gatten mit einem Küchenmesser erstochen hat.
Diese ungewöhnliche Konstellation bildet das Herzstück von Graham Swifts neuem Roman. Der Autor schildert nur einen Tag im Leben seines Protagonisten - allerdings einen besonderen Tag, den zweiten Jahrestag des Mordes, an dem George nicht nur Sarah besucht, sondern auch Blumen auf das Grab ihres Mannes legt - Blumen für ein Mordopfer. Vor allem die Frage nach Gut und Böse und nach der Grenze zwischen diesen beiden Extremen ist für Swift das zentrale Motiv seines Buches:
Eigentlich passiert nicht besonders viel in Swifts Roman. Entscheidend ist die gedankliche Ebene, auf der sich der Großteil des Buches bewegt. Während George Blumen für das Grab des Ermordeten kauft, erst zum Friedhof und danach zum Frauengefängnis fährt, lässt er die Ereignisse Revue passieren, die ihn hierher geführt haben.
Er erinnert sich daran, wie er Sarah als Klientin kennen lernt, wie sie ihm den Auftrag erteilt, ihren Mann Bob zu beschatten, der eine Affäre mit der kroatischen Studentin Kristina hat. Tatsächlich ist die Liaison beinahe vorbei, als George sich einschaltet: Kristina fliegt heim nach Kroatien, Bob verabschiedet sie am Flughafen und fährt heim zu Sarah. An diesem Abend passiert der Mord, ein Mord, der letztlich allen Beteiligten unbegreiflich bleibt.
Graham Swift ist nicht angetreten, um die Geheimnisse zu enträtseln. Und so ist sein Roman auch alles andere als ein Krimi, sondern vielmehr eine psychologisch feinfühlige Reise in die Abgründe, die jeder Mensch in sich trägt. Nicht um Erklärungen geht es Swift, sondern um die Frage nach Vertrauen und Loyalität und um die Subjektivität von George Webbs Erinnerungen.
Sprachlich wie auch dramaturgisch spielt Swift in seinem neuen Buch seine ganze Kunstfertigkeit aus. Langsam lässt er die Handlung voranschreiten, befasst sich intensiv mit George Webbs Vergangenheit, mit seiner gescheiterten Ehe und dem Skandal, der Webbs Karriere als Polizist ein jähes Ende setzte.
Swift hat drei bis vier Jahre an dem rund 300 Seiten starken Buch geschrieben. Herausgekommen ist ein langsames und reflexives Buch, das stellenweise beinahe poetische Passagen aufweist und sich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich scharf von der bekannten Kriminalliteratur abhebt. Ein Buch, das grundlegenden Fragen des menschlichen Daseins nachgeht, und das dem Leser bei der Bewertung alle Richtungen offen lässt.
Text: Irene Binal · 13.12.2003
Buch-Tipp
Graham Swift, "Das helle Licht des Tages", übersetzt von Barbara Rojahn-Deyk, Hanser Verlag 2003, ISBN 3446203583