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Arien für alle!

Felix Stalder über ein Projekt kulturellen Ungehorsams

Die Zürcher Mediengruppe Bitnik! ermöglicht Kunstgenuss für alle Zürcher via Telefon, indem sie Opernaufführungen live überträgt und an zufällig ausgewählte Telefonnummern sendet. Damit werden Fragen zu Urheberrecht und Kulturförderung aufgeworfen.

Camille, die acht Monate alte Tochter meiner Züricher Mitbewohner, liegt auf dem Bett und spielt schon seit 20 Minuten mit dem Telefon, aus dem eine Live-Übertragung von Mozarts "Die Zauberflöte" aus der Oper Zürich zu hören war. Damit ist Camille eine von Tausenden von Zürchern und Zürcherinnen, die dieser Tage ungewöhnliche Telefonanrufe bekommen. Eine Stimme vom Band, mit reizendem italienischem Akzent, lädt sie ein, einer Live-Übertragung aus dem Opernhaus Zürich beizuwohnen. Einfach dran bleiben, das kann sogar ein Kleinkind!

Diese Anrufe sind Teil des aktuellen Projekts "Opera Calling" der Zürcher Mediengruppe Bitnik! zusammen mit Sven König, welches aktuell im Züricher Cabaret Voltaire zu sehen und am Telefon zu hören ist. Das Projekt versteht sich als eine Intervention in das kulturelle System "Oper Zürich". Mittels mehrerer im Zuschauerraum versteckter Wanzen wird die Oper live nach draußen übertragen und von dort mittels einer im Cabaret Voltaire installierten Telefonanlage an zufällig ausgewählte Nummern in Zürich gesendet. Das Ziel ist es, bis zum Ende des Projektes jede Person in Zürich einzeln anzurufen.

Die Nutzung des Telefons zur Übertragung von Live Musik referenziert jene Anwendungen, die die Pioniere des Telefons vor knapp 130 Jahren im Sinn hatten, als sie die Technologie entwickelten. Damals dachte niemand daran, dass die Apparatur zur Übertragung von Gesprächen zwischen Privatpersonen gebraucht werden könnte.

Jenseits dieses medienhistorischen Insiderwitzes ist heute der Aspekt der Aneignung der Oper für eine neue künstlerische Arbeit von besonderem Interesse. Wie fast immer in solchen Fällen entsteht auch hier die Spannung zwischen den urheberrechtlich definierten Rechten auf Kontrolle (hier der aufführenden Künstler) und der verfassungsmäßig verankerten Freiheit der Kunst. Nicht ganz überraschend vertritt das Opernhaus die Position, dass die Rechte der Musiker unrechtmäßig verletzt werden und hat in einem Brief an das Cabaret Voltaire verlangt, das Projekt sofort einzustellen. Richtige Dadaisten sind aber nicht so leicht einzuschüchtern und das Projekt läuft nach wie vor. Nun werden die Juristen ihre komplexen Argumente entfalten, wie genau hier die Rechteabwägung zu machen sei.

Für Nicht-Juristen ist die Situation hingegen ganz einfach. Das Opernhaus besteht nur dank sehr umfangreicher öffentlicher Unterstützung (wogegen nichts zu einzuwenden ist). Damit hat die Öffentlichkeit ein Recht, sich diese Aufführung anzueignen. Weil das Opernhaus nicht zu 100 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert wird, muss es allerlei andere Einkommensquellen generieren, insofern sind die Ticketpreise durchaus gerechtfertigt. Dass aber darüber hinaus versucht wird, andere von der Nutzung dieser Aufführungen abzuhalten, ist nun wirklich nicht zu rechtfertigen.

"Opera Calling" greift in keiner Weise die finanzielle Grundlage der Oper an, sondern bemüht sich eigentlich nur darum, den Kreis derjenigen, die in den Genuss der Oper kommen, auf alle diejenigen zu erweitern, die sie auch bezahlen. Oder wie die Künstler sagen: "Arias for All!"

Diese Auseinandersetzung zwischen Dadaisten und dem Opernhaus mag auf den ersten Blick als ein marginales Problem erscheinen, aber es wirft ein Schlaglicht auf ein viel grundsätzlicheres. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das Urheberrecht, das einst den prekären Künstler in die Lage versetzen sollte, von den Früchten seiner Arbeit zu profitieren, heute in sein Gegenteil umzukippen droht. Je stärker das Urheberrecht ausgebaut wird und je aggressiver die Rechteinhaber - zumeist große Medienunternehmen oder nachlassverwaltende Stiftungen - diese Rechte durchsetzen, desto schwieriger wird es für aktuelle Kulturschaffende, sich mit ihrer semiotischen Umwelt selbst bestimmt auseinander zu setzen.

Besonders akut ist das Problem im Kontext digitaler Kultur, die wesentlich von der Transformation bestehender Inhalte lebt - mit Samplings, Remixes und Mashups. Hier steht das Urheberrecht auf dem Kopf. Es garantiert, dass die Rechteinhaber effektiv bestimmen können, wer im vollen Umfang aktiv kommunizieren darf und wer nur als (zahlender) Konsument passiv empfangen darf. Die angemessene Reaktion des Opernhaus wäre es, ab sofort alle Opern live im Radio oder wenigstens per Internet Stream zu übertragen und unter einer Lizenz, die allen freien Zugang garantiert, zu archivieren.

Wohl eher nicht bedacht haben die Künstler, dass mit diesem Projekt und dem Slogan "Arias for all" auch aktuelle pädagogische Erkenntnisse, die auf die positive Wirkung von klassischer Musik auf Kleinkinder hinweisen, in die Tat umgesetzt werden. Das sind die schönen Überraschungen der freien Kommunikation.

02.05.2007

Felix Stalder ist freier Forscher im Bereich Medien und Gesellschaft und lehrt Medienökonomie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich.

Links
Opera Calling
kunstfreiheit.ch

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