Erfolgreich mit projektbezogenem Teamwork
In einer WG lernten sie einander kennen: Gunar Wilhelm, Jahrgang 1980, und Tobias Hagleitner, Jahrgang 1981, Architektur-Studenten an der Kunst-Uni Linz. Das von ihnen umgestaltete Linzer Eisenhand-Theater wird nun am 22. September 2007 eröffnet.
"Tobias hat bei mir in der WG gewohnt und wir haben durch Gespräche entdeckt, dass wir viele gemeinsame Interessen haben. Unsere Zusammenarbeit ist dann aus einer Freundschaft entstanden. Denn wenn die Interessen gleich sind, ist es eine ideale Ergänzung - und ein Schlüssel zum Erfolg", erklärt Gunar Wilhelm, gebürtiger Niederösterreicher aus Waidhofen/Ybbs, Jahrgang 1980, der seit 1999 bei Roland Gnaiger an der Kunstuniversität Linz Architektur studierte.

Gunar Wilhelm
"Dieses unterschiedliche Denken ist eine Bereicherung. Seit dem 'Max on top'-Studentenwettbewerb 2002, wo wir mit unseren 'Glühsäulen' am Linzer Hauptplatz den zweiten Preis gemacht haben, arbeiten wir projektbezogen zusammen", ergänzt Tobias Hagleitner, gebürtiger Bregenzer, Jahrgang 1981, der seit 2001 ebenfalls bei Roland Gnaiger Architektur studierte und 2004 bei Wolfgang Tschapeller inskribiert war.

Tobias Hagleitner
Im April 2008 hat das junge Architekten-Team nun sein Studium mit der gemeinsamen Diplomarbeit "Islamische Begräbnis- und Begegnungsstätte für Vorarlberg" erfolgreich abgeschlossen.
Das Projekt wurde Ende Juni mit dem Kunstpreis der Diözese Linz ausgezeichnet. Dazu ist eine Ausstellung im kommenden Herbst geplant.

Hagleitner/Wilhelms "Islamische Begräbnis- und Begegnungsstätte für Vorarlberg" wurde bei "Archiprix international" zum Hunter Douglas Award 2009 für die weltbeste Diplomarbeit aus den Bereichen Architektur/Städtebau in Montevideo/Uruguay nominiert.
"Ich habe anfänglich auch überlegt, Malerei zu studieren. Aber ich denke, dass man mit Architektur mehr bewegen und sichtbar machen kann", beschreibt Wilhelm seine Entscheidung für die Architektur.
"Bei Architektur geht es um verschiedene Anforderungen wie den ästhetischen, den funktionellen Anspruch. Aber auch um Vernetzung vieler Wissensgebiete. Und ich finde es spannend, den Lebensraum zu gestalten. Ein Kunstwerk nicht für Sammler, sondern für Durchschnittsmenschen zu machen", definiert Hagleitner seinen Zugang. Als größtes Problem sieht er den wirtschaftlichen Druck, unter dem die Branche steht und daher freies Gestalten kaum möglich ist.
Derzeit arbeiten Hagleitner und Wilhelm an Projekten im Umfeld des Kulturhauptstadtjahres Linz 2009. Das Vorprojekt "Herzstück", das Gunar Wilhelm gemeinsam mit Andreas Buttinger-Caspar und Lorenz Potocnik entwickelt hat, ist sowohl Raumskulptur als auch Klangkörper.
Ein pneumatischer Schlauch wickelt sich in organischer Form um die Linzer Martinskirche. In zwölf aufeinander folgenden Kammern sind Herztöne verschiedener Lebewesen hörbar. Mit den sehr unterschiedlichen Charakteristiken der Herztöne ist jede Kammer auch von einem Wesenszug geprägt, der auf das Befinden der Besucher/innen einwirkt.
Im Rahmen des Projekts "hörstadt" von Peter Androsch haben Hagleitner/Wilhelm gemeinsam mit Richard Steger das Centralkino in der Linzer Landstraße in einen "Ruhepol" für die Besucher/innen des Kulturjahres umgestaltet. Die bei den Umbauarbeiten frei gelegten Strukturen des Foyers, zum Teil Originalausstattung aus dem Errichtungsjahr 1911, wurden durchgängig mit schilfgrüner Farbe überzogen.
Als Raum im Raum zieht sich nun ein heller Vorhangkokon durch die farblich veredelte Rohsubstanz. Im früheren Kinosaal hängt sich ein lockeres Gewebe aus Sperrholzplatten vor die Wände des Bestands. Sitzsäcke laden hier zum Sitzen, Liegen und in den Raum Lauschen ein. Der "Ruhepol" ist bis Ende 2009 von Dienstag bis Sonntag jeweils von 12:00 bis 21:00 Uhr geöffnet.

Modellbild zum "Ruhepol" von Wilhelm/Hagleitner, der zusammen mit Richard Steger im Linzer Centralkino entstanden ist.
2007 erhielten Wilhelm und Hagleitner den ersten Preis beim Wettbewerb zur Neugestaltung des Linzer Eisenhand Theaters. Dieses Projekt, das sie erfolgreich realisierten, wurde mit der Premiere von Volker Schmidts "Man muss dankbar sein" am 22. September 2007 eröffnet.
"Dieser Raum, der früher ein Kino war, wird nun als Spielstätte des Landestheaters genutzt. Die temporären Einbauten für dieses Theater haben die Saison 2007/08 hervorragend überstanden - und wurden vom Publikum sehr gut angenommen", resümieren Wilhelm und Hagleitner.

"helix drama room" von T. Hagleitner und Gunar Wilhelm (2007): Eine spiralförmige Balkonrampe mit Barmöbel umschließt die Bühne. Ein Studiotheater mit besonderen Sicht- und Raumbezügen, das auch Barsalon oder Abendclub sein kann.
"Das unkonventionelle, spiralenförmige Raumkonzept konnte trotz anfänglicher Widerstände beinahe 1:1 umgesetzt werden. Es brachte der kleinen Spielstätte das gewünschte Mehr an Atmosphäre und Theatererlebnis, forderte aber auch dramaturgische Raffinesse und vollen Schauspieleinsatz, was die Aufführungen ungewohnt spannend und lebendig machte."
Mehr dazu in ooe.ORF.at

Innenraum des Linzer Eisenhand Theaters nach dem Umbau: "Besonders schön an diesem Projekt war, dass wir es auch zusammen mit den Planern des Landestheaters realisieren konnten", so die jungen Architekten.
Mit ihrem Entwurf "helix drama room" waren Tobias Hagleitner und Gunar Wilhelm bei der Ausstellung "walk in - students go public" im Herbst 2007 im Vorarlberger Architektur Institut vertreten.
Ein provokantes Projekt ist Hagleitner-Wilhelms Papamobildom, eine Entwurfsübung zum Thema pneumatische Konstruktionen aus dem Jahr 2003: "Wir haben eine mobile, aufblasbare Kathedrale für den Papst entwickelt. Die Idee des bisher unveröffentlichten Projekts ist, mit schlauchförmigen Luftkonstruktionen einen Dom zu schaffen, der in einen LKW verpackt und bei Feldmessen aufgebaut werden kann", schildert Tobias Hagleitner.

Papamobildom von T. Hagleiter und G. Wilhelm (2003): Als Vorbild für diese "Mitnehmkirche" für Papst-Reisen dienten gotische Kathedralen. Die Türme in Kondomform könnten eine künftige Öffnung der Kirche gegenüber Liebe und Sexualität symbolisieren.
"Wir mögen dieses Projekt sehr, weil es für unsere gemeinsame Arbeit sehr wichtig ist - denn wir versuchen, auch Humor in unsere Arbeiten zu integrieren", so Hagleitner.
Zusammen mit den Kolleginnen Anna Heringer und Petra Rager waren die Jungarchitekten 2002 zwei Monate lang in Bangladesch, wo sie eine Dorfanalyse erstellten, die sie in der Publikation "Ort-Beziehung-Funktion" festhielten. Aufgrund dieser Studie wird nun eine Schule errichtet. Weiters entstand damals auch die Filmdokumentation "Ach, Bangladesch".
Weitere Preise erhielten Hagleitner und Wilhelm, die auch einzeln mehrfach ausgezeichnet wurden, für folgende Arbeiten:
Ende November 2008 die Talentförderungsprämie des Landes Oberösterreich, den 2. Preis für die Fassadengestaltung der Welser Abfallverwertung (2007) sowie den 2. und 3. Preis für Kunst am Bau der Landeskinderklinik Linz (2004).
Ein Soloprojekt von Tobias Hagleitner ist der Werbepylon für die Firma Miete an der A1 in Asten, für den er 2007 den 2. Preis bei einem Uni-internen Wettbewerb erhielt.

"Werbelift und blaue Bäume" von Tobias Hagleitner (2007): Ein hydraulischer Panorama-Aufzug gewährt einen schnellen Überblick über das Angebot an mietbaren Maschinen auf dem Areal.
Während seiner Fahrt hinterleuchtet der Panorama-Lift das Firmenlogo gleichsam als Laufschrift. Die vorgeschriebene Bepflanzung übernehmen blaue Polyesterbäume, die nach und nach von natürlichem Grün umrankt werden.
Wie lauten die Zukunftswünsche der beiden Nachwuchsarchitekten, die auch nach ihrem Studien-Abschluss projektbezogen zusammenarbeiten wollen?
"Zu zweit möglichst viele interessante Projekte realisieren zu können - und kein Wirtschaftsbüro zu werden", sagt Tobias Hagleitner. "Und möglichst soviel Eigenständigkeit zu entwickeln, um nicht Durchschnitt zu produzieren", ergänzt Gunar Wilhelm.
Text: Matthias Osiecki · 21.09.2007
Kontakt
Gunar Wilhelm
Tobias Hagleitner
Links
Kunstuniversität Linz
Kunstuniversität Linz - belle ami
Kunstuniversität Linz - Living Tebogo
Archiprix
Architekturforum Oberösterreich - Gezeitenwechsel – Perspektiven zum Machland
Hubraum
Landestheater Linz
Linz 2009
Lorenz Potocnik
Pipifein
School handmade in Bangladesh
Time's Up
Vorarlberger Architektur Institut