Die kollektive Praxis im Zentrum

Moira Hille, bildende Kunst

Die Möglichkeit, Dinge in Frage zu stellen, brachte sie zur Kunst: Moira Hille, Jahrgang 1976, die seit 2002 an der Wiener Akademie studiert. Derzeit arbeitet die gebürtige Hamburgerin an ihrer Diplomarbeit über die indische Stadt Chandigarh.

"Es ist das Interesse an Problematisierung, das mich zur Kunst gebracht hat. Denn in der Kunst gibt es die Möglichkeit, Sachen in Frage zu stellen. Und dabei entscheidend ist die Problematisierung der Form, die unmittelbar mit dem Inhalt verknüpft ist. Davor habe ich mir andere Studienbereiche angeschaut. In der Kunst kann ich mit verschiedenem Material arbeiten, nicht nur auf der Bild-, sondern auch auf der Text-Ebene, wo Form und Inhalt dicht miteinander verknüpft sind. Für mich war es entscheidend zu sehen, dass es nicht nur darum geht, was ich mache, sondern wie ich es thematisiere und problematisiere", erzählt Moira Hille, gebürtige Hamburgerin, Jahrgang 1976, die im Jahr 2000 an der Hochschule für bildende Künste Hamburg mit dem Studium der Visuellen Kommunikation begonnen hat und seit Herbst 2002 an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Marina Grzinic Konzeptuelle Kunst und nun bei Dorit Margreiter Video und Videoinstallation studiert.

Nach Wien kam die Nachwuchskünstlerin durch ein Erasmus-Stipendium, das sie für den Bereich Bildende Kunst bei Renee Green erhielt. "Nach dem Abitur war ich zunächst ein Jahr in Indien, habe danach in Hamburg mit dem Studium der Sprache und Kultur des neuzeitlichen Indien begonnen und gleichzeitig auch Philosophie und Politologie inskribiert. Ganz wichtig war in dieser Zeit für mich auch politische Arbeit - meine künstlerische Arbeit ist immer damit verknüpft", berichtet Hille.

Für die Richtung Video und Videoinstallation hat sie sich 2006 entschlossen: "Ich arbeite mit verschiedenen Medien wie Zeichnung, Fotografie, digitale Bildbearbeitung und Performance. In letzter Zeit habe ich mich zunehmend mit dem Video auseinandergesetzt. Zudem kam, dass ich Dorit Margreiter als Künstlerin sehr schätze - nicht zuletzt wegen ihrer Kunst-Vermittlung und Kunst-Praxis", so die junge Künstlerin, die im November 2007 ihr Studium abschließen wird.

Kollektive Arbeit im Zentrum

"Meine Arbeiten haben immer mit kollektiver Praxis zu tun. Denn ich arbeite sehr viel mit anderen zusammen, was mir sehr wichtig ist. Und das beinhaltet die Fragen: was kann Kollektivität sein, wie ist es möglich, in einem kollektiven Prozess Machtverhältnisse zu erkennen, zu dekonstruieren oder aufzulösen? Das ist natürlich nie absolut möglich. Andererseits geht es mir immer darum, mit welchem Medium ich arbeite. Konkret: was macht zum Beispiel eine Videokamera, was ein Fotoapparat, also mit welchem Machtinstrument arbeite ich?", erläutert Hille ihren künstlerischen Zugang.

Projekt Sommerakademie

Im Jahr 2003 rief Moira Hille gemeinsam mit Katharina Lampert und Katrin Bahrs eine Sommerakademie für Künstlerinnen und Künstler aus Wien und Hamburg ins Leben. "Dabei wurden Arbeiten vorgestellt und diskutiert. Es war ein Rahmen, in dem Sachverhalte kritisch-reflexiv erörtert wurden", schildert Hille das Anliegen der Initiative.

Ein Jahr später fand die Sommerakademie dann in Greifenstein in Niederösterreich statt. Und derzeit gibt es Überlegungen, ob das Projekt fortgesetzt wird.

Diplomarbeit "Chandigarh/Biomacht"

Hilles aktuellstes Projekt ist ihre Diplomarbeit über die indische Stadt Chandigarh, die in den 1950er-Jahren von Le Courbusier erbaut wurde. "Was mich daran interessiert, ist das Zusammenspiel zwischen funktionalistischer Architektur und dem Focaultschen Begriff der Biopolitik. Dabei möchte ich mit der Kamera festhalten, welche Kategorien der Lebendigkeit und des Lebens in der Kunst vorzufinden sind. Courbusier, der bei seiner Architektur auch filmisch gearbeitet hat, entwarf diese Stadt in der Form eines menschlichen Körpers", erklärt Hille.

"Hier bewirkt der Funktionalismus eine Disziplinierung des Lebens, so dass er die stringente Aufteilung in Arbeit, Leben und Freizeit impliziert. Aber ich glaube, dass in Chandigarh nicht nur die Disziplinierung des Lebens ins Spiel kommt, sondern eben die Behauptung der Architektur, selbstlebend zu sein. Es stellt sich die Frage: was bedeutet das für die Kategorie des Lebendigen - sowohl in der Kunst als auch im politischen Kontext. Ich war bereits 2006 ein Monat in Indien und habe mir die Stadt angesehen. Daraus hat sich mein Konzept entwickelt", berichtet Hille, die im Sommer wieder nach Indien reisen wird.

Zahlreiche Projekte, ...

Seit ihrem Studium an der Wiener Akademie hat die Nachwuchskünstlerin bereits zahlreiche Projekte verwirklicht:

So u. a. "Euphoricum. Ein Symposium über die Zukunft der Kunstuniversitäten" in Zusammenarbeit mit Eva Egermann, Marlene Haring, Katharina Lampert und Christian Hessle (2003), die Künstlerinnen-Plattform "A room of one's own", bei dem feministische Diskurse und Praxen in der Kunst thematisiert, erforscht und erweitert werden (seit 2003), die Initiative "Kete", zusammen mit Katharina Lampert, Martin Kahofer, Paul Anxionnaz, Christian Hessle und Stephan Ludescher gegründet, die kulturelle Programme wie z.B. Filmreihen, Performances und Konzerte bietet, wo Themen wie Feminismus, Homosexualität, Alter und Krankheit diskutiert werden.

... Ausstellungen ...

In den letzten Jahren war Moira Hille u. a. bei "Go Johnny Go!" in der Kunsthalle Wien mit "A room of one's own" (2003), beim 10. Mednarodni festival računalniš kih umetnosti (MFRU) in Maribor (2004), bei der Berlin Biennale (2004), bei "Real Presence" in Zusammenarbeit mit Anabela Angelovska und Katharina Morawek in Belgrad (2005), bei "Remapping mozart, Konfiguration II: Frisch zum Kampfe! Frisch zum Streite!" zusammen mit Katharina Lampert, bei "Mothers of Invention" in der MUMOK Factory in Wien sowie bei "Born to be a star" im Künstlerhaus Wien ebenfalls mit "A room of one's own" (2005), sowie bei der Schau "Das neue Europa" wieder mit "A room of one's own" in der Generali Foundation Wien (2006) vertreten.

... und Publikationen

eit 2003 publiziert die junge Künstlerin auch im Magazin "Malmoe" sowie in "Derive. Zeitschrift für Stadtforschung".

"Das ist noch ein Lernprozess. Was mich daran interessiert, ist das Medium Sprache. Wie kann man mit diesem Medium Diskurse, Sensibilitäten schaffen - und vielleicht auch Blickwinkel verändern."

Ohne ökonomischen Druck arbeiten

Wie der berufliche Zukunftswunsch der Nachwuchskünstlerin mit großem politischen Bewusstsein lautet?

"Im Berufsleben muss man sich immer einer bestimmten Ökonomie unterwerfen, was ich kritisiere. Ich denke, diese Gesellschaft sollte einmal Qualitäten in Dingen erkennen, die ihr bisher verborgen blieben. Im Moment geht es mir jobmäßig gut, da ich beim Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen an der Akademie eine fixe Stelle habe. Und diese Tätigkeit lässt mir Zeit genug für meine künstlerische Arbeit. Mein Wunsch wäre es, einmal von meiner künstlerischen Tätigkeit leben zu können", so Moira Hille.