Latzhosen und Lange Haare

Am 16. November 1982 wurde der Verein Friedensbewegung offiziell angemeldet. Es gab Kundgebungen mit Zehntausenden Teilnehmern, einen Friedenszug mit unterschiedlichsten Künstlern. Und die Frage: Was blieb davon?

"Danke fuer diese Entwaffnende Charakterisierung der grauslichen '68er, die uns derzeit in Oessistan in allen Parteien beherrschen." So lautet eines der Postings auf meinen Artikel im "Presse"-Spectrum zur österreichischen Friedensbewegung

Wenn unsre Brüder kommen...
Die Geschichte der österreichischen Friedensbewegung ist eine ungern gehörte. Weder reden die, die dabei waren, heute noch viel drüber - noch will das öffentliche Österreich Dankbarkeit oder gar Kenntnisnahme zeigen.

Auf der Homepage Harry Belafontes staunten Fans über das, was da 1982 in Österreich möglich war: "Just when you are beginning to think you have seen it all - along comes an extra ordinary discovery that makes all the dogged sleuthing worthwole." Der Fan lobt das wunderbar gestaltete Album, die Doppel-LP "Künstler für den Frieden", zeigt sich begeistert über die Teilnahme Belafontes und Letta Mbulus.

Konstantin Wecker ist einer der wenigen, die noch vom Frieden reden. Wecker sang damals, 1982, für die österreichische Friedensbewegung:

Wenn unsre Brüder kommen
mit Bomben und Gewehren,
dann woll'n wir sie umarmen,
dann woll'n wir uns nicht wehren.
Sie sehen aus wie Feinde,
sie tragen Uniformen,
sie sind wie wir verblendet
und festgefahr'n in Normen.
Auch wenn sie anders sprechen,
wir woll'n mit ihnen reden.
Es soll'n die Präsidenten
sich doch allein befehden!
Jedoch, bevor sie kommen,
wär's gut, sich zu besinnen.
Ein jeder muss die Liebe
mit sich allein beginnen.


Kritische Distanz?
Sie sangen unentgeltlich, wie die Platte auch vermerkt, sie organisierten unentgeltlich, sie fuhren eine Woche lang im Friedenszug unentgeltlich herum, sie nahmen unentgeltlich auf, sie schnitten unentgeltlich, Organisatorin Margit Niederhuber erzählt von Studionächten, in denen aus zehn Stunden Konzert eine Doppel-LP wurde. Otto Tausig erzählt von Honorarangeboten der Berliner Friedensbewegung, die natürlich abgelehnt wurden.

Trotzdem wurde es ihr nicht geglaubt: 25 Jahre später artikulieren Meldungen im Internet auf meinen Artikel in der österreichiscen Tageszeitung "Die Presse" die ganze Skepsis.

Gast "Simple" nannte die Friedensbewegung "im besten Fall" einen "nützlichen Idioten ... und im realistischen Fall als fünfte Kolonne des Ostblocks". "Giftpilze!" nennt er die Mitmarschierenden - die doch gegen die Atompilze angesungen hatten.

"Kritische Distanz?" - wünscht sich ein Kölner Internet Besucher der Presse. "Wirklich romantisch, dieser Artikel über die Friedensbewegung. Aber als Befürworter der Frankfurter Schule vermisse ich die kritische Distanz, die Fähigkeit, sich auch einmal selbst in Frage zu stellen."

Gibt es mehr Distanz als jene, nicht dabei gewesen zu sein?

Und wer muss sich immer noch rechtfertigen, wenn der Vorwurf kommt, die Friedensbewegten seien der verlängerte Arm des Ostblocks gewesen? Ist der Makel der Friedensbewegung wirklich so groß, dass die ganze Sache nicht Geschichte werden darf. Geschichte darf nur werden, was den Maßgebenden als Geschichte erscheint.

Ich erlaube mir ein Resümee
Der künstlerische Gewinn der Friedensbewegung ist unbestritten: da wurde im Fahrwasser von Brecht und Suttner Bestes von Jandl, Zykan und Wecker kreiert, Erika Pluhar und Erwin Steinhauer sangen ihre brillantesten Lieder, Kerschbaumer und Pluch dichteten.

Die Friedensbewegung ist auch ein Stück Mediengeschichte: Gefäße der Aufmüpfigkeit wie die ORF-Fernsehsendung "Ohne Maulkorb" filmten damals mit, dokumentierten das andere Österreich, einmal trafen gar Vertreter der Jugendredaktion mit dem Bundeskanzler zusammen. "Das nächste Mal müsst ihr euch gründlicher vorbereiten", sagte Kreisky vor 25 Jahren zum Friedensmarsch-Organisator Alexander Wrabetz.

"Es hat früh seine Unschuld verloren", sagt Erika Pluhar.
"Es ist in der österreichischen Geschichte ein Punkt voller Widersprüche", sagt Anton Pelinka, der Politologe, der trotz Grundsymapthien nicht dabei war. "Ich würde es wieder tun", sagt Otto Tausig. "Und Kreisky war dann mit Stock und Bart beim Konzert in der Stadthalle - das ist schon ein Erfolg der Friedensbewegung."

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Download-Tipp
Journal Panorama, Donnerstag, 15. November 2007, 18:25 Uhr

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