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Wissen

Tagebuch Ars Electronica

Thomas Bredenfeld über Musik und Netzwerk

Bei den Konzerten am Ende der Ars Electronica ergibt sich zum letzten Mal die Gelegenheit Netzwerke zu pflegen, Kontakte auszutauschen und über die Eindrücke der letzten Tage zu diskutieren. Zeit für den letzten Visitenkartentausch.

Viktor Mayer-Schönberger über das Vergessen

Wie meist bei der Ars Electronica sind die Konzerte im Brucknerhaus, dem Donaupark und dem Lentos Museum gegen Ende des Festivals Gelegenheit, alle Kollegen und Bekannten nochmals zu sehen, sein Netzwerk zu pflegen und sich über die Eindrücke der letzten Tage auszutauschen.

Beim Wechsel zwischen den Aufführungsorten wurden wir diesmal in witziger Art als Prozession von der MidiMarschMusik-Kapelle vom Lentos zum Brucknerhaus geführt, die mit umgehängten Notebooks und Lautsprechern auf dem Kopf als digitale Blasmusik durch den Donaupark zog.

Im Brucknerhaus dann das traditionell quer durch die Musikrichtungen gemischte Programm mit Orchestertiteln von Frank Zappa, der eindrucksvollen audiovisuellen Performance von Scenic Panner, den Elektro-Drums mit Computer-Animationen von The Sancho Plan und anderen.

Später in der Nacht haben wir dann noch Ronaldo Lemos (Prix-Gewinner mit dem Netzwerk "Overmundo") getroffen, der im "Grand Café zum Rothen Krebsen" Kostproben von "Tecno Brega" aus seiner Heimat aufgelegt hat.

9. September 2007: Faire Musik

Gestern Abend fand im Saal der Tanzschule Horn der Launch der Initiative fair music statt, die sich mit einem prominent besetzten Podium und mit dem zum ersten Mal vergebenen "fair music award" präsentiert hat und für einen Musikmarkt eintritt, der endlich faire Bedingungen für Musiker bei der Verwertung ihrer künstlerischen Arbeit erlaubt.

Ich habe eine hochinteressante Diskussion erlebt, in der mit Volker Grassmuck, Ronaldo Lemos, Joichi Ito, Danny O'Brien und anderen einige Exponenten der internationalen (Netz-)Kultur-Szene verschiedene Aspekte des Umgangs von Künstlern mit den Konsumenten und den zwischen beiden stehenden Verwertungs- und Rechtsstrukturen beleuchtet haben.

Fair music will zwischen Künstlern, Plattenlabels und Produktions- und Distributionsfirmen vermitteln und diese beraten, um fairere Bedingungen für die Entstehung und Verbreitung von Musik zu erreichen und eine Gegenbewegung zu einem Musikmarkt entstehen zu lassen, der von einigen großen Companies auf brutale Weise und in der Regel zum Nachteil der Künstler kommerzialisiert worden ist.

Der "fair music award", der an vier sehr interessante, alternative Projekte gegangen ist, betont diesen Anspruch. Ich kann der bereits zu Beginn viel versprechend vernetzten Initiative nur alles Gute wünschen!

8. September 2007: Mensch 2.0

Der "Second Life"-Hype ist natürlich an der Ars Electronica auch nicht vorbeigegangen, vor allem nicht an den beteiligten Künstlern. In der "Second City" in der Marienstraße geht es bei einem Großteil der ausgestellten Projekte um diese Parallelwelt.

Für mich tritt hier ein Moment zu Tage, das sonst im Zusammenhang mit "SL" kaum eine Rolle spielt: "Second Life" bietet eine Arbeitsplattform für Künstler, die billig und überall verfügbar ist, viele Aspekte des Lebens abbildet und nicht mal physikalischen Gesetzen zu gehorchen braucht. Das sehe ich an vielen Projekten, deren Bandbreite von nachdenklich bis witzig reicht.

Hier gibt es alles: Das Geld (Linden Dollars) liegt wirklich auf der Straße, man kann sich seinen Avatar-Namen für das Real Life auf einen Haarreifen montieren lassen, es gibt Mode und Body Shapes für "SL" und eine ganze Reihe anderer Mittel, um sein Dasein als Mensch 2.0 besser zu machen, bis hin zum (2nd)Lifestyle-Pharmazeutikum Havidol (gesprochen: have it all). Was will man mehr? Oder um die virtuelle Werbekampagne zu zitieren: "When more is not enough".

7. September 2007: "Second City"

Endlich hat es aufgehört zu regnen in Linz, und ich kann die Outdoor-Projekte der Ars Electronica besichtigen wie z. B. die Marienstraße, die "Second City". Diese kleine Gasse ist, typisch für Städte der Größenordnung von Linz, im Windschatten der Mainstream-Einkaufsstraßen und des Appetits der Immobilienfirmen buchstäblich dem Verfall preisgegeben.

Sie ist nun mit verschiedenen Projekten der Ars Electronica temporär wiederbelebt worden, von denen sich viele direkt auf "Second Life" beziehen und diese Online-Parallelwelt in die materielle erste Welt transportieren, wo mich ihre Skurrilität dann oft schmunzeln lässt. Von den wenigen Lokalen, die in der Gasse noch in Betrieb sind, hat eine Tanzschule der Installation mit dem wettermäßig sehr passenden Namen "Dancing in the rain" ihre Location und ihren speziellen Charme zur Verfügung gestellt. Dort tanzen die Regenschirme an der Wand, während schräg gegenüber die Selbstverteidigung mit Regenschirm-Lichtschwertern geübt werden kann.

Und wenn das Wetter noch besser wird, kann man sich am Wochenende vielleicht sogar mit dem Ars-Electronica-Handtuch auf den virtuell-realen Strand am Linzer Pfarrplatz legen.

6. September 2007: Erinnern und Vergessen

Die diesjährige Ars Electronica hat für mich schon am Mittwoch begonnen, mit einer Konferenz zum Thema "Grundrechte in der digitalen Welt", veranstaltet gemeinsam mit der Österreichischen Richtervereinigung. Eine beeindruckend einfache und klare Keynote von Viktor Mayer-Schönberger endete mit dem interessanten Vorschlag, digitale Daten mit Ablaufdatum zu versehen, um das in der digitalen Welt kaum noch vorhandene Vergessen wiedereinzuführen. Joi Ito gab danach in seiner bekannt pointierten Art der Richterschaft einen kurzen Roundtrip durch das Web 2.0.

Besonders interessant für mich als Nicht-Juristen waren die Workshops im Oberlandesgericht: Richter und Juristen haben mit IT-Menschen, Webspezialisten und -aktivisten die verschiedenen Aspekte wie Grundrechte, Datenspeicherung und -schutz und Videoüberwachung diskutiert. Hier habe ich die dringende Notwendigkeit gespürt, dass diese beiden Personenkreise viel mehr miteinander reden müssen. Man sieht große, vor allem technische Wissenslücken bei den Juristen und muss genauso die eigene Überraschung bei den rechtlichen Hintergründen von manchen Dingen zugeben, die unsereiner Tag für Tag im Netz unternimmt.

11.09.2007

Thomas Bredenfeld ist freier Medienproduzent, Künstler und Fachbuchautor

Hör-Tipp
Matrix, jeden Sonntag, 22:30 Uhr

Veranstaltungs-Tipps
Ars Electronica, Mittwoch, 5. September bis Dienstag, 11. September 2007, verschiedene Veranstaltungsorte

Zum ersten Mal ist Ö1 mit seinem neuen "Mobilen Ö1 Atelier" bei der "Ars Electronica 2007" präsent.

Mehr dazu im Ö1 Kulturkalender

Links
MidiMarschMusik-Kapelle
Scenic Panner
The Sancho Plan
Overmundo
fairmusic.net
Havidol
Ars Electronica - Programm
fm4.ORF.at - Ars Electronica
futurezone.ORF.at
Viktor Mayer-Schönberger

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