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Gesellschaft

Koglmann verbindet Haydn und Cioran

Spaziergänge in Hermannstadt

Der österreichische Beitrag zur Europäischen Kulturhauptstadt 2007, Sibiu/Hermannstadt, vereint Joseph Haydn mit dem pessimistischen Philosophen E. M. Cioran. Die Verbindung entsteht in Stücken des Musikers Franz Koglmann, die auf CD erschienen sind.

Ausschnitt aus "Nocturnal Walks"

Auf den ersten Blick ist überhaupt nicht klar, was sie gemeinsam haben sollen: der langjährige Kapellmeister der Fürsten Esterházy und Mitbegründer der Wiener Klassik, Joseph Haydn (1732-1809) und der rumänisch-französische Philosoph Emile Michel Cioran (1911-1995).

Sicher, Cioran wurde als Sohn eines orthodoxen Popen in der Nähe von Hermannstadt geboren, und Haydns Symphonie Nr. 27 heißt "Hermannstädter" - doch nur, weil dort eine Abschrift gefunden wurde. Der Instrumentalist und Komponist Franz Koglmann macht aus der zufälligen Verbindung eine geradezu harmonische.

Besuch in Ciorans Geburtshaus

Auf Cioran war Koglmann zunächst durch einen Essay von Jean-Luc Godard und durch Sendungen von Alfred Koch, Leiter der Ö1 Sendereihe "Tonspuren", aufmerksam geworden. Bei einem Besuch in Sibiu/Hermannstadt besuchte er Ciorans Geburtshaus in dem nahegelegenen Dorf Rasinari.

Die CD "Koglmann-Haydn: Nocturnal Walks. 'Es war die andere Seite des Lebens'" präsentiert zunächst Haydn pur - fern von trocken, geradezu beschwingt interpretieren Dirigent Gustav Kuhn und das Haydn-Orchester von Bozen und Trient die Symphonie in G-Dur Nr. 27, die Hermannstädter. Motive daraus verarbeitet Franz Koglmann in acht "nächtlichen Spaziergängen" beziehungsweise "Nocturnal walks", gespielt vom ensemble xx. jahrhundert unter der Leitung von Peter Burwik. (Koglmann selbst spielt Trompete und Flügelhorn.) In einige der Stücke eingearbeitet sind Auszüge aus Gesprächen mit E. M. Cioran, die Alfred Koch 1986 und 1988 in Paris aufgenommen hat.

Ein skeptischer Denker

E. M. Cioran gilt als einer der "schwärzesten", skeptischsten Denker des 20. Jahrhunderts. "Vom Nachteil, geboren zu sein", heißt seine bekannteste Aphorismen-Sammlung, "Lehre vom Zerfall" sein essayistisches Hauptwerk. Dabei hatte Cioran in der Nähe von Hermannstadt eine, nach eigener Erinnerung, glückliche Kindheit verbracht.

Die Katastrophe kam mit Beginn der Studienzeit - in Form chronischer Schlaflosigkeit. Sie zerstörte Ciorans Glauben an Gewissheiten. "Keine Idee kann Trost sein im Dunkel, kein System hält den durchwachten Nächten stand. Unter der Analyse der Schlaflosigkeit fallen die Gewissheiten auseinander." In stundenlangen nächtlichen Spaziergängen in Hermannstadt entsteht das Fundament von Ciorans Philosophie, erstmals formuliert in seinem Jugendwerk "Auf den Gipfeln der Verzweiflung".

Paradoxer Trost

Aber ... Konsequenz Selbstmord? So einfach ist es nicht. "Kein Thema ist beruhigender: Sobald man sich ihm nähert, atmet man auf. Darüber zu meditieren, macht beinahe so frei wie die Tat selber. Wie oft habe ich mir gesagt, dass man sich ohne die Idee des Selbstmordes augenblicklich töten würde!" Ciorans Werk spendet paradoxen Trost.

Distanziertheit und Humor

In den Aufnahmen, die Koglmann in seine Haydn-Verarbeitungen einbettet, spricht Cioran über seine Jugendzeit in Hermannstadt, Religion und Skepsis, die Erfahrung von Langeweile und Einsamkeit - mit Ernst, aber immer wieder auch hintergründigem Witz.

Auch darin, so scheint es, liegt eine Gemeinsamkeit zwischen Haydn (den Koglmann, vielleicht nicht nur im Scherz, als Vorläufer des Cool Jazz bezeichnet), E. M. Cioran und Koglmann selbst: eine Distanziertheit, die Humor aber nicht ausschließt. Die nächtlichen Spaziergänge dieses Albums sind ein vielschichtiges, facettenreiches Hör- und Denkerlebnis.

23.11.2007

Mehr dazu in oe1.ORF.at
Bilanz Sibiu 2007
Koglmann-Uraufführung für Sibiu

Hör-Tipp
Tonspuren, Freitag, 23. November 2007, 22:15 Uhr

CD-Tipp
CD "Koglmann-Haydn: Nocturnal Walks. 'Es war die andere Seite des Lebens'", col legno, WWE 1CD 20273

Link
Sibiu - Europäische Kulturhauptstadt 2007

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