Standort: oe1.ORF.at

Wissen

Die Hausnummer

Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung

Als die habsburgischen Behörden im 18. Jahrhundert erstmals Hausnummern an die Häuser pinseln, regt sich in der Bevölkerung Widerstand. Zu offensichtlich ist es, dass das neue Symbol des Staates zur besseren Kontrolle der Untertanen dienen soll.

Im März 1770 fällt durch einen Entscheid der habsburgischen Behörden der Startschuss für die größte Volkszählung, die es in der Monarchie bis zu diesem Zeitpunkt je gegeben hat. Um sicher zu stellen, dass kein Einwohner und keine Einwohnerin unverzeichnet bleibt, ordnen die Behörden gemeinsam mit der so genannten "Seelenkonskription" noch eine zweite Maßnahme an: die Nummerierung sämtlicher Häuser in Österreich und in Böhmen.

Teils heftiger Widerstand

Monatelang streifen fünfköpfige Kommissionen, zusammengesetzt aus Militär- und Zivilbeamten, durch die Dörfer und Städte, ziehen - bewaffnet mit Farbkübeln und Pinseln - von Haus zu Haus, malen oberhalb der Eingänge Nummern an die Wand und gehen anschließend in die Häuser hinein, um die darin lebenden Menschen in ihren Konskriptionstabellen zu verzeichnen.

Nicht überall stoßen die neuen Symbole des Staates auf Sympathie. So wird in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1771 im mährischen Iglau die an der Kapuzinerklostermauer angebrachte Nummer 1 derart mit "Unflath" beworfen, dass sie "gäntzlich unkehnbahr" gemacht wird. Der Kreishauptmann lässt darauf hin per Trommelschlag die Bewohnerinnen und Bewohner dazu aufrufen, die Bösewichte zu verraten. Doch selbst die in Aussicht gestellte Belohnung von zehn Reichstalern und die Zusicherung der Wahrung der Anonymität des Denunzianten zeigen keine Wirkung: die Täter bleiben unentdeckt.

Ein vermeintliches Detail der Geschichte

Dass die Hausnummer bei ihrer Einführung teils heftige Widerstände auslöste, würde ihr auf den ersten Blick niemand anmerken: Sie wirkt so selbstverständlich, als hätte es sie schon immer gegeben. Als vermeintliches "Klein-Klein" der Geschichte hat sie lange Zeit kaum Beachtung in den Geschichtsbüchern gefunden - ein Versäumnis, wie der an der Universität Wien arbeitende Historiker Anton Tantner meint.

Angeregt von Michel Foucaults Buch "Überwachen und Strafen" und den Überlegungen des französischen Philosophen zur Bedeutung von Registrierungstechniken für die Disziplinierung der Gesellschaft hat sich Anton Tantner auf die Suche nach den Hintergründen für die Einführung von Hausnummern in Europa gemacht.

Die Erleichterung der Orientierung war, so der Historiker, nirgendwo das vorrangige Ziel. Vielmehr ging es um handfeste politische Überlegungen: Hausnummern sollten die Einhebung von Steuern effizienter machen, im Fall von Truppenbewegungen die Militäreinquartierung vereinfachen oder - wie im Fall der Einführung der Hausnummern in der Habsburgermonarchie 1770 - die Rekrutierung erleichtern.

Demokratisierung und Diskriminierung

Wenig überraschend also, dass es Widerstand gab - und zwar quer durch alle sozialen Schichten. Während das einfache Volk den Zugriff des Militärs fürchtete, störte sich so mancher Adelige an der Tatsache, dass sein Schloss gleich den einfachen Behausungen des Pöbels eine Nummer verpasst bekommen sollte. "Die Hausnummer hat also eine gleichsam demokratisierende Wirkung", sagt Anton Tantner. "Vor ihr sind - in der Theorie - alle Häuser gleich."

In der Praxis setzten die Beamten die Hausnummer jedoch auch als Mittel der Diskriminierung ein: So wurden in Prag die so genannten "Judenhäuser" nicht - wie alle anderen Häuser - mit arabischen, sondern mit römischen Zahlenzeichen versehen. Der gelbe Fleck, den Jüdinnen und Juden in Prag bis zum Jahr 1781 auf ihrer Kleidung zu tragen hatten, wurde damit auch an ihre Häuser geheftet.

Aneignung und Subversion

Im 19. Jahrhundert flaut der Widerstand gegen die Hausnummer zusehends ab. Die Bevölkerung entdeckt, dass die neuen Ordnungszeichen auch Vorteile bieten: Die Orientierung in der Stadt wird leichter, Briefe lassen sich zielsicherer zustellen als zuvor.

Dass Hausnummern nicht nur als Instrument der staatlichen Kontrolle, sondern auch als Mittel der Selbstermächtigung eingesetzt werden können, zeigt für Anton Tantner das Beispiel der "Botschaft besorgter Bürgerinnen und Bürger". Sie wurde im Zuge der Proteste gegen die Bildung der Koalitionsregierung von ÖVP und FPÖ im Jahr 2000 am Ballhausplatz in Wien eingerichtet - und gab sich selbst die Adresse "Ballhausplatz 1a".

Die Globalisierung der Hausnummer

Noch existieren auch im 21. Jahrhundert Städte, deren Häuser nicht nummeriert sind. Sie werden jedoch weltweit immer weniger. Luftbildfotografie und Geoinformationssysteme, so Anton Tantner, tun heute das ihrige dazu, um sicherzustellen, dass sich kein Haus mehr dem Blick der Behörden entziehen kann. "Wie die Menschen mit dieser neuen Situation umgehen werden, welche Strategien der Aneignung und der Subversion sie finden werden, bleibt allerdings weiter spannend."

Gestaltung: Martina Nußbaumer · 27.07.2009

Service

Anton Tantner, "Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung", Jonas Verlag

Anton Tanter, "Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie", Studienverlag

Anton Tantner - Galerie der Hausnummern

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick