Vom sozialen Abstieg
Das Leben beginnt in der Wiege, denn da werden wir zum ersten Mal verschaukelt, meint der Kabarettist Ludwig Müller, und stellt seine neues Solo unter das Motto: Gemeinsam sind wir schwach, aber alleine können wir alles schaffen.
Wer spricht schon gerne von Geld - vor allem, wenn es in der eigenen Brieftasche längst nur mehr als Zitat vorhanden ist: in Form einer überbelasteten Kreditkarte. Ludwig Müller präsentiert sich als derzeit nicht liquid - und wie es dazu kam, das kann er in knapp zwei Stunden auf der Kabarettbühne skizzieren.
"Total brachial" nennt er sein neues Solo, für das er im Mai mit dem Salzburger Stier für Österreich ausgezeichnet wird. Unter der Regie von Marion Dimáli begibt sich Ludwig Müller auf das heikle Terrain der finanziellen Unwegsamkeiten; in einen Bereich, wo - wie der Volksmund zu sagen pflegt - die Freundschaft aufhört. Ein Abend über den Finanzcrash eines an sich maßvollen Zeitgenossen.
"Der Protagonist meines neuen Solos ist von mir nur zwei Zentimeter entfernt", so Müller. "Als freier Künstler - was hast Du schon? Du gibst aus, was du verdienst, die Pension ist klein und wenn du mit 40 Jahren nur mehr Minus am Konto hast, dann musst du dir ernsthafte Fragen stellen. Diese Gedanken macht sich meine Figur auf der Bühne."

Gemeinsam sind wir schwach, aber alleine können wir alles schaffen.
Zählt man die Reprisen dazu, so ist "Total brachial" das dreizehnte Solo von Ludwig Müller. Während er sich im vorangegangenen Programm noch auf die Suche nach dem Glück machte, so ist er 2007 thematisch in die Niederungen der finanziellen Alltagsbewältigung hinabgestiegen. Viele Rechnungen, keine Lösungen, lautet die unerfreuliche Devise.
Auch das Bühnenkostüm - und so wollen wir das grünbraune Textil einmal nennen, das zu einem Anzug vernäht wurde - signalisiert schon den sozialen Abstieg des Protagonisten. Plötzlich weiß er genau, wie viel billigere Supermarktketten für die gängigen Lebensmittel verlangen. Im Laufe dieser Geschichte über das Elend chronischen Geldmangels nimmt Ludwig Müller unterschiedliche Fährten auf, was dieser Misere zu Grunde liegen könnte.
Im Laufe der heiteren Bestandsaufnahme über seine angespannte Finanzlage trifft Ludwig Müller auch auf einen Freund aus den lang zurückliegenden Zeiten der Konsumverweigerung und des aufrechten Kampfes gegen die ungerechte Verteilung des Volksvermögens, Ernesto: der Mann mit nur einem Pullover, der in den frühen 1980er Jahren den Besitz einer eigenen Zahnbürste als spießig abtat. Magister Ernesto lebt heute im laminatbeschichteten Eigenheim, ist verheiratet mit Dürte, lädt zu Grillabenden - auch derart eigenwillige Transformationen des Lebens beschäftigen Ludwig Müllers Bühnenfigur.
Ludwig Müller lebt seit über zwei Jahren in München. In Sachen Kabarett ist er zum Pendler zwischen Bayern und Österreich geworden. Mit "Total brachial" hat er einen ernsthaften Versuch gestartet, sich von seinem bisherigen Stil, Programme zu gestalten, vorsichtig zu emanzipieren. In vielen seiner vorangegangenen Produktionen galt es, für bereits ersonnene Sprachspielereien und Reime erst eine Rahmenhandlung zu erfinden. Mit seiner in die finanzielle Schräglage geratenen Bühnenfigur, hat Ludwig Müller einen Erzähler geschaffen, der das Publikum durch einen Abend und durch den Abschnitt einer Biografie führt.
"Meinen Idealszustand sehe ich so, dass ich als Mensch, mit dem was ich zu sagen habe, so interessant bin, dass sich die Nummern im Programm erübrigen", meint Müller. "Das ist ein Wunschtraum, vielleicht muss ich dafür älter werden. Ich denke da an (Gerhard) Polt, wie er spricht, das regt einfach zum Zuhören an. Vielleicht kann man sagen: Die Bühnenfigur Müller ist noch eine suchende."
Gänzlich konnte der Kabarettist das Reimen nicht lassen. Die kleine Marotte sieht man ihm umso eher nach, weiß man um Ludwig Müllers Mitgliedschaft im Verein der Freunde des Schüttelreimes Bescheid. Ein exklusiver Club, dem auch die Kabarettisten Simon Pichler und Christoph Krall angehören. Und wahrscheinlich ist den Vereinsmitgliedern der Reim, was dem Clown die rote Nase ist.
Für sein Solo "Total brachial" hat Ludwig Müller spöttisch die Finanzierbarkeit einer künstlerischen Existenz hinterfragt. Mit viel Spaß am Detail zeigt er die satirische Gratwanderung des Kabarettisten zwischen Bedürftigkeit und Gier, zwischen Existenzangst und Lebenstüchtigkeit. Und Ludwig Müller stellt wichtige Fragen, wie "Bekomme ich meine Maut zurück, wenn ich auf der Autobahn zurückschiebe?"
Text: Silvia Lahner · 27.01.2008
Hör-Tipp
Contra, Sonntag, 27. Oktober 2008, 22:15 Uhr
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Ludwig Müller
Salzburger Stier 2008
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