Klassik locker und zwanglos genießen
Später Beginn, legere Kleidung, flexible Platzwahl. Der Dirigent Ingo Metzmacher hat für die aktuelle Spielzeit das neue Format der Casual Concerts in der Berliner Philharmonie eingeführt. Ein Gespräch über neue Präsentationsformen symphonischer Musik.
Manche meinen, ernste Musik sei etwas von gestern. Nur für die gemacht, die ein Konzert besuchen. Die glauben, etwas davon zu verstehen. Ich weiß es anders. Große Komponisten sprechen alle an. Ihre Musik ist jedem zugänglich, der sich ihr öffnet. Sie hat uns immer etwas zu sagen. Es lohnt sich, auf sie zu hören. Ganz sicher.
(Ingo Metzmacher in: "Keine Angst vor neuen Tönen")
Seit Herbst 2007 ist der deutsche Dirigent Ingo Metzmacher Leiter des Deutschen Symphonieorchesters Berlin. Das Zitat stammt aus seinem Buch "Keine Angst vor neuen Tönen". Metzmacher hat weder Berührungsängste mit neuer Musik noch mit neuen Programmkonzepten für die Klassik. Er hat für diese Spielzeit das neue Format der Casual Concerts - drei Konzerte pro Jahr - in der Berliner Philharmonie eingeführt.
Die Berliner Casual Concerts kommen nicht nur ohne Huster aus, sie sind auch billiger als herkömmliche Klassikkonzerte. Der Einheitspreis beträgt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro bei freier Platzwahl. Nach dem Konzert gibt es eine After Concert Lounge im Club 40seconds, einer Lounge Bar in der Nähe der Philharmonie, im achten Stock, mit wunderbarem Blick über Berlin und einem Live-Act eines im Konzert zuvor aufgetretenen Künstlers.
Das nächste Casual Concert mit dem DSO Berlin unter Ingo Metzmacher findet am 23. Juni 2008 statt. Auf dem Programm: Felix Mendelssohn Bartholdys "Ein Sommernachtstraum".

Ingo Metzmacher hat weder Berührungsängste mit neuer Musik noch mit neuen Programmkonzepten für die Klassik.
Renate Burtscher: Waren die Casual Concerts ihre Idee?
Ingo Metzmacher: Ja, das war meine Idee. Das war es aber nicht ursprünglich. Ich habe das in Los Angeles kennengelernt, als ich da auf Gastspiel war, da wurde ich aufgefordert ein sogenanntes "Casual Concert" zu machen. Hab ich gefragt: Was ist das denn? Die Antwort war: "Da können sie in Jeans kommen, das Orchester kommt auch in Jeans und ganz leger, erklären sie dem Publikum ein bisschen was über die Musik - es war die Fünfte Mahler - und dann spielen sie es wie in einem normalen Konzert aber ohne den ganzen festlichen Rahmen." Hab ich gesagt: interessant, mach ich! Und dann hab ich das gemacht, und war sehr beeindruckt vom Publikum, weil es in meiner Wahrnehmung ein ganz anderes Publikum war als üblicherweise. Und als ich jetzt nach Berlin kam, hab ich mir gedacht: Ich versuche das auch hier zu machen.
Casual hat mehrere Bedeutungen - beiläufig, gelegentlich, lässig, locker, salopp, zwanglos. Welches Attribut gefällt ihnen da am besten?
Locker und zwanglos. Es gibt da verschiedene Aspekte. Vor allem gibt es eine ganze Menge Menschen, die, wenn sie in der Lage wären, uns in sogenannten klassischen Konzerten spielen zu hören, sich sehr dafür interessieren würden, die aber dieses Ritual nicht mögen, oder diese Umgebung oder die Vorstellung, wie es da vielleicht ist, dass sich da alle fein anziehen, sich da auch eine bestimmte Schicht der Gesellschaft trifft. Manche Leute stört das und die kommen dann deswegen nicht. Der andere Aspekt ist: diese Veranstaltung konzentriert sich wirklich auf die Musik und weniger auf das Drumherum.
Die Erfahrung, die ich mache ist, dass wir ein ganz anderes Publikum haben, ein sehr viel jüngeres Publikum, das aus allen möglichen Richtungen der Gesellschaft kommt - Leute, die einfach einmal Lust haben, ein klassisches Konzert zu hören. Sind sehr neugierig, aufmerksam, in ihrer Reaktion viel spontaner, begeisterter als ein übliches Publikum. Das ist nicht nur ein Gewinn für ein anderes Publikum, sondern auch ein Gewinn für uns als Musiker, die auf der Bühne stehen und die ja doch auch immer davon abhängig sind, wie die Aufmerksamkeit im Saal ist, das spürt man ja. Ich hab bisher nur sehr positive Erfahrungen gemacht.
Wie ist diese andere, hohe Aufmerksamkeit für Sie auf dem Podium spürbar?
Es gibt zum Beispiel das Ritual des Hustens nicht, das gehört ja heutzutage mit dazu, dass man im Konzert hustet. Ich habe es zwar nie begriffen, warum am Ort, wo man Musik hört, man das Bedürfnis hat oder den inneren Zwang zum Husten verspürt. Dieses Publikum hat gar nicht gehustet, sondern sehr aufmerksam zu gehört. Am Ende - wir haben die "Turangalila"-Symphonie von Messiaen gespielt - war ein Riesenjubel, wie ich ihn selten erlebt habe, es war wie im Rockkonzert. Und natürlich mache ich, bevor wir das Konzert spielen, eine Einführung, das ist, glaube ich, sehr wichtig. Ich habe sehr viel Erfahrung damit aus meiner Hamburger Zeit, ich versuche, für mich entscheidende Merkmale der Musik herauszuholen und zu erklären ohne das zu überfrachten, weil es keinen Sinn hat, Menschen mit Erklärungen in die Defensive zu bringen, sondern man muss versuchen, ihnen die Musik so zu erklären, dass sie Lust kriegen, sie zu hören und die auch dann das Gefühl haben, sie erleben etwas, was sie vielleicht ohne die Erklärung nicht erlebt hätten.
Text: Renate Burtscher · 04.03.2008
Mehr zu Ingo Metzmacher in oe1.ORF.at
Hör-Tipp
Apropos Musik. Das Magazin, jeden ersten Sonntag im Monat, 15:06 Uhr
Buch-Tipp
Ingo Metzmacher, "Keine Angst vor neuen Tönen", Rowohlt Verlag
Links
Deutsches Symphonie Orchester Berlin
Ingo Metzmacher