Lukas Wieselberg über Onlinejournalismus
Nach gängiger Meinung findet Qualitätsjournalismus im deutschen Sprachraum nur in Zeitungen statt. Müssen wirklich Bäume für guten Journalismus sterben? Auch im Internet lässt sich Gutes lesen. Ein Plädoyer für die Brüderlichkeit in der Schreibzunft.
Die Alten Medien haben es nicht leicht. Sie sind ständig bedroht, vor allem wirtschaftlich: Während der Anzeigenmarkt in den USA im ersten Halbjahr 2007 gegenüber dem Vorjahr geschrumpft ist, gab es laut einer TNS-Media-Studie online ein Plus von 17 Prozent. Die News-Kompetenz wandert langsam, aber sicher ins Netz, wie eine Uni-Harvard-Studie vor kurzem zeigte. Zusätzlich sagen Experten, dass Nachrichten im Vergleich zum sozialen Miteinander der User im Web 2.0 weiter an Wichtigkeit verlieren werden.

Müssen wirklich Bäume für guten Journalismus sterben?
Als Lösung wird vielerorts, nicht unbedingt in Österreich, "Qualitätsjournalismus" gefordert. Jürgen Habermas hat plädiert, auch in Deutschland öffentliche Gelder dafür zu benutzen. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat in einer nunmehr berühmten und hierzulande erstaunlich wenig rezipierten Rede zur Verleihung des Jacob-Grimm-Preises festgehalten, dass es dabei ohne das Abholzen von Bäumen nicht geht.
Nur die Holzindustrie und Zeitungen könnten nach Schirrmacher für den nötigen Qualitätsjournalismus sorgen und eine "Haltbarkeit" der Meldungen "von mindestens 24 Stunden" sichern. Die "Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten" im Internet hingegen mache ihre Unterscheidbarkeit schwierig, junge Menschen würden wegen des Internets nicht mehr oder fast nicht mehr lesen und seine Bilderflut wirke "wie eine Körperverletzung".
Erfreulich ist Schirrmachers Einsicht noch während seiner Rede, dass dies ein wenig kulturpessimistisch klingt. Ist nicht so gemeint, fuhr er fort. Mit Sicherheit ist der Standpunkt klimatechnisch unsensibel (Stichwort "Kohlenstoffspeicher") und auch sonst wenig plausibel. Dafür wurde Schirrmacher schon zu Recht kritisiert, sowohl von den "Mainstream-Medien", wie es im US-Blogger-Jargon heißt (etwa in "Spiegel Online"), als auch von den Bloggern selbst (z.B. "Sendungsbewusstsein").
Muss qualitativ hochwertiger Journalismus wirklich auf Papier gedruckt werden? Dass dem nicht so ist, wissen alle, die schon einmal im Internet waren, nicht zuletzt auch die Leser und Leserinnen dieser Webseite. Die Rückseite hehrer Ansprüche an den Journalismus ist allerdings die Realität - und wie sieht die aus im Online-Bereich?
Das "Medienhaus Wien" hat vor kurzem eine empirische Erhebung österreichischer Medien gemacht. Erstaunlicherweise arbeiten bloß vier Prozent der über 7.000 Journalisten des Landes (was machen die alle?) im Online-Bereich - ausgespart wurden allerdings alle, die nicht in traditionellen Medienunternehmen beschäftigt sind wie z.B. Telekom-Betreiber.
Weniger erstaunlich sind Online-Journalisten im Schnitt jünger und besser ausgebildet als ihre Printkollegen, es gibt mehr Frauen, sie sind weniger oft fix angestellt, arbeiten eher Teilzeit und verdienen somit auch weniger.
Weniger statistisch ausgedrückt: Die allermeisten der Online-Journalisten des Landes sind nach wie vor das zweite bis dritte Rad am Wagen ihrer jeweiligen Stammmedien. Kollektivvertraglich sind Online-Journalisten pauschal schlechter gestellt, viele arbeiten in ausgegliederten Gesellschaften mit Marketing-Verträgen.
Dass dabei dennoch gute journalistische Produkte - innerhalb und außerhalb der klassischen Medienunternehmen - herauskommen, ist in erster Linie dem Engagement der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu verdanken. Den Hauptvorwurf vieler Offline-Kollegen, bloßen "Copy-and-Paste-Journalismus" zu betreiben, entkräften sie tagtäglich. Wie überall im Leben aber gilt: Mit den entsprechenden ökonomischen Ressourcen und symbolischer Anerkennung ginge alles noch besser.
Das Bewusstsein dafür ist aber bis dato wenig verbreitet. Und eine Stimme, wie die des New-York-Times-Herausgebers Arthur Sulzberger, ist im gesamten deutschsprachigen Raum nicht zu vernehmen: Ob es das Flaggschiff des internationalen Qualitätsjournalismus in fünf Jahren noch als Printprodukt gibt, sei ihm egal, verriet Sulzberger vor einigen Monaten. Das Internet als einziges Medium ist für ihn eine realistische Option - und zwar sowohl für guten Journalismus als auch um Geld zu verdienen.
21.11.2007
Lukas Wieselberg arbeitet für science.ORF.at und als freier Autor.
Links
Mediengruppe Online - Unsere Forderungen
Medienhaus: Journalisten-Report
spiegel.de - "Ob die NYT in fünf Jahren noch gedruckt wird..."
TNS Media Intelligence - News
Uni Harvard - Internet is Redistributing News Audience
FAZ - Wie das Internet den Menschen verändert
Spiegel Online - Das Internet ist an allem schuld
Sendungsbewusstsein - Schirrmacher-Debatte verblasst
NZZ - Experten über die Zukunft der Zeitungen
NZZ - Die Qualitätspresse im Gewirr der Medienrevolution
Süddeutsche Zeitung - "Keine Demokratie kann sich das leisten"