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Die ethnischen Säuberungen Palästinas

Systematische ethnische Säuberungen in Palästina

Viele Probleme im Nahen Osten haben ihre Wurzel in der Vergangenheit. Der israelische Historiker Ilan Pappe zeichnet in seinem Buch ein Bild der Ereignisse zwischen 1947 und 1948, das der offiziellen Geschichtsdarstellung Israels widerspricht.

Der israelische Historiker Ilan Pappe fährt starke argumentative Geschütze gegen die zionistische Mythenbildung auf. Als radikalster Vertreter der "neuen Historiker" greift er eines der umstrittensten Themen der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen auf: die Frage, ob es nach dem Scheitern des UN-Teilungsplanes vom November 1947, der einen jüdischen und einen palästinensischen Staat mit Wirtschaftsunion vorsah, zu einer systematischen ethnischen Säuberung der gemischten Dörfer und Städte von Seiten der jüdischen Kampfverbände kam oder ob, wie es der offizielle Zionismus bis heute behauptet, die Palästinenser aufgrund arabischer Aufforderungen im Radio in den Kriegswirren mehrheitlich geflohen sind.

Selbst von kritischen Forschern wird diese Frage heute mit "sowohl als auch" beantwortet. Übergriffe werden eingeräumt, gelten aber, wie etwa bei Benny Morris, als "kriegsbedingt" und nicht als Teil einer ausgeklügelten politischen Homogenisierungsstrategie. Für Ilan Pappe war es eine von langer Hand geplante ethnische Säuberung, Grauzonen ausgeschlossen. Er wirft selbst seinen kritischen Kollegen bewusste Verschleierung vor, da sie sich nur auf israelische Militärberichte stützen und palästinensische Oral-History-Quellen für grundsätzlich unglaubwürdig halten.

Eine Chance zur Entarabisierung

Mitte der 1930iger Jahre hätten, so Ilan Pappe, entscheidende zionistische Führer klar erkannt, dass das Ende der britischen Herrschaft eine Chance zur Entarabisierung Palästinas bieten könne, ein grundsätzlicher Wunsch, der bereits in den zionistischen Programmen der Jahrhundertwende zu finden wäre. Unter Leitung des späteren Staatspräsidenten Ben Gurion fassten sie den Plan, diese Chance auch zu nutzen.

Im Mittelpunkt steht dabei der "Plan Dalet" der größten jüdischen Untergrundmiliz Hagana von 1947. Er legte die geografischen Parameter des zukünftigen jüdischen Staates fest, der nicht nur das vom UN-Teilungsplan vorgesehene Gebiet, sondern 87 Prozent von Palästina umfassen sollte. Plan Dalet hielt fest:

Die Operationen lassen sich folgendermaßen durchführen: entweder durch Zerstörung von Dörfern, indem man sie in Brand setzt, sprengt und die Trümmer vermint und insbesondere in den Wohngebieten, die auf Dauer schwer zu kontrollieren sind, oder durch Durchsuchungs- und Kontrolloperationen nach folgenden Richtlinien: umstellen und Durchkämmen der Dörfer. Im Fall von Widerstand sind die bewaffneten Kräfte auszuschalten und die Einwohner über die Landesgrenzen zu vertreiben.

Der "Plan Dalet"

Die zentrale These des Autors lautet: Zionistische Verbände führten unter dem Deckmantel von Vergeltungsaktionen von höchster Stelle geplante und systematisch durchgeführte ethnische Säuberungen durch - und zwar vor dem offiziellen Einrücken der arabischen Armeen, die überdies nur einen "Scheinkrieg" führten und bis auf wenige Ausnahmen keinen wirklichen Kampfeswillen zur Rettung der Palästinenser zeigten.

Obwohl "Plan Dalet" erst nach dem Verlassen der britischen Mandatsmacht zum Einsatz kommen sollte und defensiv war, erhielten die Einheiten offensive Befehle zur Vertreibung der Palästinenser, Massaker an Zivilisten inbegriffen. Die Vertreibungen fanden auch auf jenen Gebieten statt, die der UN-Teilungsplan einem arabischen Staat zugesprochen hatte und trugen zur Gebietserweiterung bei.

Vor allem die gemischten Dörfer sollten terrorisiert werden, um die Bevölkerung zu vertreiben, obwohl bekannt war, dass das ländliche Palästina keinen Kampf- oder gar Angriffswillen zeigte und mehr oder weniger wehrlos war.

Großbritannien billigte Säuberungen

Ilan Pappes Vorwürfe richten sich auch gegen die britische Mandatsmacht und die Vereinten Nationen. Die Briten werden nicht nur des Wegschauens, sondern der Billigung der Säuberungen beschuldigt, fanden sie doch zu einer Zeit statt, als das Land noch voll britischer Soldaten war. UN-Beobachter erhielten laut Ilan Pappe nur begrenzte Zugang zu den Gebieten, ihre Berichte fanden kaum Berücksichtigung.

Großbritannien ließ die ethnische Säuberung vor den Augen seiner Soldaten und Beamten noch während seiner Mandatszeit zu, die am 14.Mai 1948 um Mitternacht endete, und behinderte die UN-Bemühungen um eine Intervention, die manche Palästinenser hätte retten können. (...) Tausende Palästinenser wurden bestialisch von israelischen Soldaten aller Schichten, Ränge und Altersgruppen ermordet. Trotz der überwältigenden Beweise wurde keiner dieser Israelis je wegen Kriegsverbrechen verurteilt.

Einseitige Betrachtung

Ilan Pappes Vorwürfe sind heftig, starker Tobak für eine Gesellschaft, die sich selbst seit 60 Jahren als permanent bedroht wahrnimmt, eine Gesellschaft auch, die zum Gutteil aus Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen besteht. Sie hat den Autor ausgegrenzt, ihn von der Universität verbannt. Er lebt heute in England, doch sind seine Vorwürfe haltbar?

Auffallend sind die starken Schwarz-weiß-Bilder in seinen Schilderungen - und das tut keiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung gut. Pappe stützt sich oft auf mündliche Zeugenaussagen, bei nicht wenigen Vorwürfen aber fehlen die Quellenangaben. Englische Archive oder UN-Archive wurden nicht herangezogen, wohl aber israelische und gelegentlich Berichte des Roten Kreuzes.

Ilan Pappe riskiert dabei, selektiv zu interpretieren und als Wissenschafter seiner - wohl berechtigten - Wut gegen die Leugnung der ethnischen Säuberungen zu unterliegen. Vielleicht ist ihm die wissenschaftliche Distanz weniger wichtig als die Solidarität mit den Opfern, in deren Namen er Geschichte schreibt, denn er ist, wie er selbst betont, ein Produkt der Gesellschaft, über die er berichtet.

05.12.2007

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Ilan Pappe, "Die ethnischen Säuberungen Palästinas", aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Bischoff, Verlag Zweitausendeins

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