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Gesellschaft

Aufkauf im Osten

Medienvielfalt=Meinungsvielfalt? - Teil II

Kann man viel Geld mit Medien verdienen und gleichzeitig Qualitätsjournalismus betreiben? Das geht, meint Bodo Hombach, Geschäftsführer des deutschen Medienhauses WAZ. Auch in Osteuropa. Die WAZ mischt sich jetzt dort auch inhaltlich ein.

Ausländische Investoren brachten jenes Kapital und Know-how, das die heutige Vielfalt und politische Unabhängigkeit der Medien im Osten Europas erst ermöglichten. Heute gehören ihnen dort allerdings 85 Prozent der Medien.

Geht Geld verdienen mit Qualitätsjournalismus und Medienfreiheit einher oder unterwandern die Medienkonzerne mit undurchschaubaren Vernetzungen schleichend die Demokratie?

Beispiel WAZ

Zur Strategie der deutschen WAZ gehört es, "in Länder zu gehen, in denen das Kartellrecht nicht so weit entwickelt ist. Wir versuchen Marktanteile einzukaufen bevor diese Bestimmungen verschärft werden," so WAZ-Mitarbeiter Andreas Ferlings im Interview mit "Medien-Monitor".

Hauptsächlich kauft die WAZ bestehende Zeitungen auf oder beteiligt sich über 50 Prozent. 1987 startete man in Österreich mit der "Neue Kronenzeitung" und "Kurier". Rumänien, Ungarn, Kroatien, Montenegro, Serbien, Bulgarien und Mazedonien folgten - in letzteren beiden Ländern mit über 70 Prozent Marktanteil.

In inhaltliche Fragen mischt sich die Konzernführung normalerweise nicht ein. Dass redaktionelle Freiheit aber sehr schnell an ökonomische Grenzen stößt, zeigte das Beispiel der regierungskritischen Zeitung "Romania Libera", die mehrheitlich der WAZ gehört.

Freiheit ökonomisch begrenzt
2004 setzte man den Chefredakteur trotz vehementer Proteste der Redaktion ab. Man wolle das Blatt aus dem Auflagenverlust bringen, hieß es seitens der WAZ.

Im Gegensatz zur Zeitung hat der Eigentümer einen guten Draht zur Regierung: Geschäftsführer Bodo Hombach gehört der Rumänischen Agentur für Auslandsinvestitionen (ARIS) an, einer Organisation der rumänischen Regierung, die unter anderem das Landesimage aufbessern soll.

Da die Regierung große Teile der Werbeschaltungen vergibt, "dürfte es für die WAZ schlicht und einfach auch ums Geld gehen", so Keno Verseck zu dem Fall damals in der "taz" vom 4. November 2004.

WAZ als starker Partner
Hombach sieht das anders: "Wenn wir Partner sind, dann trauen sich die Regierungen nicht an die Medien heran", schildert er seine Erfahrung auf der Hamburger Konferenz des Netzwerk Recherche 2007. Ohne die WAZ hätten schon einige Blätter Konkurs gemacht.

2007 unterzeichnete die WAZ als erste ein Rahmenabkommen zur Verteidigung und Förderung von Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus mit der Internationalen Journalistenvereinigung (IFJ) zur Kontrolle von WAZ-Medien im Ausland.

Natürlich stehen für Hombach nicht ideologische, sondern geschäftliche Interessen im Vordergrund. Das widerspreche aber nicht der Förderung von Qualitätsjournalismus und Medienvielfalt. Auch wirtschaftlich sei es unsinnig, zwei Blätter politisch gleich auszurichten - man wolle ja eine Marktabdeckung erreichen.

Missachtung der Persönlichkeitsrechte
Künftig werde die WAZ ihren bisherigen Grundsatz, sich nicht in die Redaktionen einzumischen, aber aufgeben, sagte Hombach im November. Zu viele negative Erfahrungen habe es gegeben, vor allem in der Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards.

Ein aktuelles Beispiel liefern die WAZ-Zeitungen "24 Chassa" und "Trud" in Bulgarien: Sie beteiligten sich führend an der medialen Hasstirade gegenüber der Historikerin Martina Baleva, die die Zahl der Toten in der mythischen bulgarischen Gründungsschlacht von Bataka relativierte. Der WAZ brachte das extreme Auflagensteigerungen. Baleva hält sich auf der Flucht vor gewaltbereiten bulgarischen Nationalisten bis jetzt in Deutschland auf.

Strukturelle Gefahr
"Grundsätzlich wird das Mediensystem von kommerziell denkenden Unternehmen dominiert. Und hier sehe ich eine strukturelle Gefahr", meint Silvia Huber, Leiterin des Internationalen Journalismus Zentrums der Donau-Universität Krems und Projektleiterin der Studie Medienmärkte in Mittel- und Osteuropa, die die genauen Medieneigentümer in den zehn neuen EU Staaten erforschte, im Interview mit "Freitag" schon im Jahr 2006.

An erster Stelle der reichweitenstärksten Medienunternehmen Osteuropas steht der polnische Staat, gefolgt von der Bauer Verlagsgruppe, der Axel Springer AG und der Gruner+Jahr AG.

Gefährlich sei die "strukturelle Unwahrscheinlichkeit kritischer Medienberichte": Medien, die hauptsächlich kommerziellen Interessen dienen, bringen natürlich auch nur bestimmte Inhalte und auch nur in bestimmter Form.

Man geht davon aus, dass es bei Beteiligungen auch zu Absprachen zwischen den großen Medienunternehmen kommt und peu à peu zu einer Vereinheitlichung der Interessen kommerzieller Medien.

Initiative für mehr Transparenz
Für mehr Transparenz im internationalen Mediengeschäft steht die neue Online-Datenbank des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM): Dort werden Strukturen und Strategien der 50 größten Medienkonzerne transparent gemacht. Die WAZ ist bisher noch nicht darunter.

08.01.2008

Links
WAZ Mediengruppe
Evangelischer Presse Dienst - WAZ wird Verlagspolitik ändern
Telepolis - Zum Fall Romania Libera
Medien Monitor - Interview mit Andreas Ferlings
IfM Mediendatenbank
n-ost - Dokumentation von Netzwerk Recherche (pdf)

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