von krok & petschinka

Metall. Engel. Zungen

von krok & petschinka

... Da gibt es einen Krieg, einen Krieg der Dörfer...

Als er noch jung war, konnte Shenya betörend auf der Flöte spielen, denn nur wer die Flöte spielen konnte, wurde von den Mädchen erhört. Bei einem Überfall einer rivalisierenden Bande werden Shenya jedoch die Zähne ausgeschlagen und ein Schlag auf den Kehlkopf raubt ihm die Stimme. Nie mehr, das weiß Shenya, wird ihn ein Mädchen erhören. Den Rest seines langen Lebens wird er allein bleiben müssen.

Um dieses Unheil zu kompensieren, beginnt er an einem Instrument zu bauen, das er ohne Zähne spielen kann: Er erfindet das Akkordeon. Die letzten Jahre seines Lebens - er mag bereits hundert sein oder noch mehr - zieht sein Neffe Grigori zu ihm ins Haus, um ihn zu waschen, zu füttern und in den Tod zu begleiten.

Eines Tages beginnt Shenya zu erzählen: Er erzählt von seiner ersten und einzigen Liebesnacht, damals, in dem kleinen Dorf in den Karpaten, als er noch Zähne und eine helle Stimme hatte, er erzählt von dem wunderschönen Mädchen am Fenster, das niemals außer Haus ging und davon, dass er mit seinem Akkordeon die Liebe dieses Mädchens gewinnen wollte. Shenya erzählt, wie er mit dem, der ihm Zähne, Stimme und damit die Liebe raubte, um das Herz dieses Mädchens buhlte, wie sein Rivale unter ihrem Fenster die Flöte spielte und wie das Mädchen, das sich aus Neugier aus dem Fenster lehnte, aus dem Fenster fiel - das Mädchen hatte keine Beine, und als Shenyas Rivale sie so vor sich liegen sah, floh er feige. Es war Shenyas Aufgabe, das sterbende Mädchen in ihr Zimmer zurückzubringen und noch einmal entdeckte er die Liebe für einen kurzen Augenblick. Den nach dem ersten Schock nochmals zurückkehrenden Rivalen erschlägt er und während er ihn begräbt stirbt auch das Mädchen in seinem Zimmer - allein, obwohl Shenya doch versprochen hatte, bei ihr zu bleiben.

Der junge Grigori zeichnet alle diese Erzählungen seines Onkels auf. Der Onkel stirbt, nachdem er zu Ende erzählt hat, und Grigori begräbt ihn. Dann fährt er, wie Shenya es ihm aufgetragen hat, nach Wien, um das Akkordeon bei einem gewissen Cyrillus Demian abzugeben und streift durch die Stadt.

Als Grundlage für dieses "Konzert für Akkordeon, Ziegenglocken und blutenden Mund" hat Eberhard Petschinka drei kratzende Schellacks gewählt. Deren Knistern verleiht diesen großen "kleinen", aber nichtsdestotrotz hoch poetischen Erzählungen aus den Dörfern in den Karpaten den entsprechend stimmigen Hintergrund.

Eberhard Petschinka wurde 1953 in Großmugl, Niederösterreich, als ältestes von acht Kindern geboren. Er lebt und arbeitet in Wien als Maler, Schriftsteller und Regisseur. Als Verfasser und Regisseur von Hörspielen wurde er mehrfach ausgezeichnet. An preisgekrönten Hörspielen sind unter anderem "Null Bytes" (Special Commendation beim Prix Futura 1993), "Krok" (gemeinsam mit Helmuth Mössmer, Prix Futura 1995), sowie "Rafael Sanchez erzählt 'Spiel mir das Lied vom Tod'" (Co-Autor: Rafael Sanchez, ausgezeichnet mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 1999) zu erwähnen. 2006 errang "Tournante" den 4. Platz beim "Prix Europa", 2007 wurde sein Hörspiel "Santo Subito" mit dem "Prix Europa" ausgezeichnet.

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