Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Frauen und Politik sind zwei Begriffe, die erst seit dem 20. Jahrhundert zusammengehen. 100 Politikerinnen, die zum Teil abseits der Weltbühne standen und stehen, werden von Luise Pusch und Andrea Schweers in ihrem Buch porträtiert.

Luise Pusch hat sich noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Durch ihre frauenpolitische Tätigkeit ist sie höhnische Bemerkungen gewohnt, beeindruckt weniger. Die Linguistin hat über "Das Deutsche als Männersprache" geschrieben, eine Datenbank und ein Webportal zur Frauen-Biografieforschung gegründet, verschiedene Vorschläge für eine gendergerechte Schreibung und Sprache publiziert und eine Reihe von Büchern herausgegeben, die die Biografien von Töchtern, Schwestern und Frauen berühmter Männer in den Mittelpunkt stellen. Jetzt hat sie sich, gemeinsam mit ihren Mitautorinnen, erwähnens- und beschreibenswerter Frauen angenommen.

Der vorliegende Band "Ohne Frauen ist kein Staat zu machen" beschäftigt sich mit den Biografien von Herrscherinnen, Frauenrechtlerinnen oder Mätressen wie der Marquise de Pompadour. Der Weg zur Macht führte bei einigen Frauen über das Bett einflussreicher Männer, andere wie die Schriftstellerin und Revolutionärin Marie-Jeanne Roland, mussten auf eine politische Karrieren verzichten, weil eine Frau für den Posten des Innenministers "nicht geeignet" galt. Berufen wurde ihr Mann.

Aus aller Welt

Es ist wohltuend, einmal nicht nur von europäischen und amerikanischen Frauenrechtlerinnen zu lesen, wenngleich die amerikanische Frauenrechtlerin Clara Zetkin und die britische Königin Victoria nicht fehlen. Die Herausgeberinnen haben bewusst darauf geachtet, auch einen eurozentristischen Blick möglichst auszusparen: Da ist zum Beispiel Rigoberta Menchú zu nennen, die guatemaltekische Friedensnobelpreisträgerin, Corazon Aquino, die philippinische Präsidentin, oder Sirimavo Bandaranaike, die 1960 weltweit als erste Frau das Amt der Premierministerin übernahm. Sie ist übrigens nur ein Beispiel für Frauen aus den sogenannten Schwellenländern, die unter den einflussreichen Politikerinnen zu finden ist.

Auch Salote Tupou III., die 47 Jahre lang die Geschicke ihres Königreiches Tonga im Pazifik lenkte: Mit 18 Jahren kam sie hochschwanger auf den Thron und setzte sich erfolgreich gegen einheimische Aristokraten wie auch britische Regierungsbeamte durch. Als sie 1965 starb, verfügte Tonga über mehr Regierungskompetenzen als jemals zuvor.

Blütezeiten für ihre Länder

Frauen, die an die Macht gekommen sind, behauptet Luise Pusch, hätten einfach besser regiert als Männer. In Europa gelten die Regierungszeiten von Frauen als Blütezeiten, meint Pusch im Gespräch mit Ute Maurnböck, und zählt auf: In Spanien das Zeitalter der Isabella, sie hat Kolumbus da rübergeschickt", dann Maria Theresia für Österreich, das Elisabethanische Zeitalter in England, und in Russland Katharina die Große.

"Diese vier Herrscherinnen definieren die Blütezeiten ihrer Länder. Ich fand das interessant, dass wir das im Geschichtsunterricht nie gehört haben, das ist aber ein Faktum", so Pusch, "und wir sehen das jetzt auch in Deutschland, nachdem unser Ex-Kanzler Schröder laut geschrien hat, Merkel kann das doch gar nicht - was ich eine unglaubliche Unverschämtheit fand -, beweist sie stillschweigend und mit großem Geschick, dass sie's sehr wohl kann."

Die Freiheitskämpferin von Mayotte

Die Lieblingspolitikerin von Luise Pusch ist hierzulande unbekannt: nicht Madeleine Albright und auch nicht Indira Gandhi, es ist Zéna M'Déré, eine Freiheitskämpferin von der winzigen Insel Mayotte im Indischen Ozean. Sie setzte sich in den 1960ern - gegen die Bestrebungen der umliegenden Komoreninseln - für einen Verbleib bei Frankreich und gegen eine Islamische Republik Komoren ein. Und sie wählte ein ungewöhnliches Mittel, um ihre politischen Ziele durchzusetzen: Sie war die Anführerin der "Chatouilleuses", der "Kitzlerinnen".

"Diese kluge Frau hat erkannt, eine islamische Republik ist nicht gut für Frauen", so Pusch. "Da ist es schon besser, im laizistischen Frankreich zu bleiben, auch wenn das unser früherer Kolonialherr war. Die islamischen Politiker, die die Insel an sich reißen wollten, wurden von den Frauen um Zena M'Déré überfallen", erzählt Pusch weiter, "zum Teil ausgezogen und vor allem gekitzelt, sodass sie dann schreiend die Insel verließen und nie mehr wiedergekommen sind."

Dieser ungewöhnliche Freiheitskampf lohnte sich für Mayotte: Heute finden sich auf der Insel kostenlose Schulen, Verhütung und Abtreibung wurden legalisiert und ein gesetzlicher Mindestlohn vereinbart.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Luise Pusch, Andrea Schweers, "Ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Hundert Politikerinnen", Suhrkamp Verlag