Das Haus

Kevin Vennemann, Autor von (zum Beispiel) "Mara Kogoj", hat "House of Leaves" von Mark Z. Danielewski schon vor einigen Jahren durch einen Zufall kennen gelernt - und war zutiefst beeindruckt. Jetzt rezensiert er für Ö1 die deutsche Ausgabe.

Im Frühjahr 2001 stapelt sich in überfrachteten Regalen, auf und unter Bürotischen und scheinbar überall zwischen Laptops, Kaffeetassen und sonstigem liebenswürdigen Chaos eines kleinen Kölner Literaturverlages in allen denkbaren Zuständen nur eines: Papier. Ich bin zu Besuch und muss auf etwas oder jemanden warten oder habe grad nichts Besseres zu tun, und also ziehe ich gelangweilt ein oberarmdickes Buch in englischer Sprache aus einem der Stapel. Ich weiß nichts über seinen Inhalt und habe noch kein einziges Wort gelesen, aber stelle schon nach wenigem Blättern mit von Seite zu Seite größer werdendem Staunen fest: Meine Wunschvorstellungen von dem Buch sind umgesetzt worden.

Gute vier Jahre später verwandelt sich der kleine Kölner in einen mittelkleinen Berliner Verlag und geht im Herbst 2007 in einem großen Stuttgarter Verlagshaus auf. Als erste verlegerische Großtat nach der Fusion geschieht das, womit ich während der vergangenen sechseinhalb Jahre gar nicht mehr gerechnet hatte: Eben jenes so spektakulär aufgemachte wie geheimnisvolle Buch von damals, Mark Z. Danielewskis unfassbarer Roman "House of Leaves", liegt endlich auf Deutsch vor beziehungsweise auf dem, was "Das Haus" - so der diskussionswürdig verkürzte Titel der Übersetzung - von der deutschen Sprache übrig lässt. Sechseinhalb Jahre seit der ersten Kenntnisnahme, mehr als sieben seit Veröffentlichung hat es gedauert, bis der Mut offenbar groß und die Finanzen stabil genug waren, dieses singuläre Werk zu stemmen.

Auf dem Kopf und spiegelverkehrt

"Stein gewordener Poststrukturalismus" ist eines der Kritikerworte, die in den letzten Monaten und Jahren so ungewöhnlich geschlossen über "Das Haus" gejubelt haben. Und tatsächlich: "Das Haus" ist ein Lehrbuch für alle, die wissen, dass es postmoderne Literatur gibt, aber nicht verstehen, wie die Dekonstruktion des konventionellen Romans eigentlich genau vonstatten geht.

Haben Sie schon einmal mehr als 40 Seiten lang nur die rechte obere Ecke einer jeden Seite oder 9 Quadratzentimeter große Quadrate in ihrer Mitte lesen und dann eben jene 40 Seiten auf dem Kopf oder spiegelverkehrt lesend zum Ausgangspunkt zurückkehren müssen? Sind Sie schon einmal ein ganzes Buch lang vor allem auf bibliografische und erzählende Fußnoten angewiesen gewesen, um die Narration nachvollziehen zu können? Und am Ende einen mehr als 130 Seiten starken Anhang vorzufinden, dessen Index nicht nur "pyroklastisch", "Trompetenbaum" und "Konsequenzialismus" führt, sondern auch Wörtchen wie "so", "mit", "ohne" und "als"?

Schnickschnack sagen Sie und sagen es zu Recht. Denn die so spektakuläre Aufmachung des "Hauses" ist allenfalls erstinstanzlich interessant: Der im englischen Original vier-, auf Deutsch aus unerfindlichen Gründen nur zweifarbige Text; die seitenlang das Geschehen und aber auch die gewundene Architektur des Titel gebenden Hauses visuell nachahmende Textanordnung, die extrem künstliche doppelt fiktive Herausgeberschaft, die anarchische Erzählform, die zeitweise nur von Zitaten einer großteils erfundenen Geisteswissenschaft vorangebracht wird – all das ist Oberfläche, sieht auf eine sehr spezielle Weise sehr einzigartig aus und lädt heute genauso sehr zum Staunen ein wie vor sechs oder sieben Jahren. Aber all das ist nicht alles.

Haus mit Leben

Natürlich ist es insgesamt viel zu viel. Unter anderem ist "Das Haus" die Geschichte des weit gereisten und preisgekrönten Fotografen Will Navidson und seiner Familie. Nach Jahren, die Navidson in den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt fernab von seiner Familie und umgeben von Tod und Verzweiflung mit den an die Oberfläche getretenen Verwerfungen der Menschheit verbracht hat, will er sich nun "einfach nur einen gemütlichen kleinen Vorposten für mich und meine Familie schaffen. Irgendwas, wo man sich auf die Veranda setzen kann, eine Limonade trinken und zusehen, wie die Sonne untergeht." Er kauft ein altes Haus auf dem Land, aber kann doch nicht recht von seinen alten Leidenschaften lassen: Ein ausgeklügeltes System von überall im Haus angebrachten Videokameras dokumentiert jeden einzelnen Moment der Versöhnung mit seinem jahrelang außer Acht gelassenen bürgerlichen und widerspruchsfreien Leben.

Doch der Schaden ist angerichtet, Navidson kehrt zu spät zurück: Das alte Haus erwacht zum Leben und zwingt die Familie zu einem Horrortrip tief hinein in sich selber, auf den mit in den Adern frierendem Blut zu reagieren noch nicht einmal metaphorisch abgeschmackt wäre. Das Haus führt Navidson buchstäblich vor Augen, was aus ihm und seinem Leben geworden ist und was zu werden er doch zu verhindern erhofft hatte. Es stürzt ihn hinab in die Untiefen jenseits der oberflächlichen Sehnsucht nach Glück und Überschaubarkeit, tief hinein in eine Leere, Traurigkeit und Zerrissenheit eines Lebens, das Navidson bei anderen über Jahre hinweg dokumentiert, bei sich selber aber nicht erwartet hat. Der Schaden ist angerichtet, der Hauskauf allein kann ihn nicht beheben, im Gegenteil.

Abgründe von Sein und Seele

Die Metapher des Menschen als Gebäude, der Architektur als Konkretisierung der Abgründe von Sein und Seele geht bis auf den frühneuzeitlichen englischen Schriftsteller John Donne zurück. Thomas Bernhard hat sie von Donne aufgegriffen und seiner Erzählung "Amras" zu Grunde gelegt. Danielewskis Entwurf ist in dieser Reihe der umfangreichste, ein Entwurf, den ganz nüchtern zu beurteilen kaum möglich ist: "Das Haus" lässt nicht zu, dass man sich ihm einfach so entzieht, schon gar nicht als Leser.

Danielewskis Kollege Bret Easton Ellis hat dennoch geurteilt und etwas sehr Unnüchternes über "Das Haus" gesagt, vor dem wir, bei aller Zustimmung, in der Öffentlichkeit zurückgeschreckt wären: "Das Haus", so Ellis, "lässt fast alle anderen Werke bedeutungslos erscheinen."

Die Übersetzung allerdings ist zuweilen ein Ärgernis. Dass zum Beispiel dem Ich-Erzähler und fiktiven Herausgeber Johnny Truant ein sehr albern klingendes Jugenddeutsch aufgepropft wird, das das Englisch seines Originals durch nichts rechtfertigen kann und Truant viel kindlicher und dümmer macht als er in Wahrheit ist, nimmt dem Text viel und ließe den Kauf des Originals empfehlen. Wenn nicht "Das Haus", andererseits, noch viel häufiger ein Meisterwerk für sich wäre, das vor dem "House of Leaves" nur selten zurücksteht.

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipps
Mark Z. Danielewski, "Das Haus", aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke, Klett Cotta Verlag

Kevin Vennemann, "Mara Kogoj", Suhrkamp Verlag

Mehr dazu in oe1.ORF.at