Multilinguale Milieus

Das Mehrweltgefühl

Europa ist ein vielsprachiger Kontinent. Und Vielsprachigkeit muss man nicht als Hindernis begreifen, wenn man global als wirtschaftlicher und politischer Faktor gelten will. Denn nach außen kann ja nur wirken, was im Inneren zusammenhält.

Babylon war gestern. Die Angst vor der Sprachenverwirrung ist längst dem Modell einer Gesellschaft gewichen, für die Mehrsprachigkeit die Grundlage der Kommunikation ist. Die multilinguale Gesellschaft gilt es zu formen, lautet eine zentrale Forderung europäischer Bildungspolitik, interdisziplinäre Projekte beschäftigen die Universitäten quer über den Kontinent.

Der Grund dafür ist allerdings nicht primär in der kulturellen und damit auch sprachlichen Vielfalt zu suchen, sondern in den Erfordernissen der globalen Ökonomie. Einerseits geht es darum, sich innerhalb Europas, genau genommen: innerhalb der Europäischen Union, ohne sprachliche Barrieren verständigen zu können und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Andererseits verlangt eine weltumspannende wirtschaftliche Vernetzung möglichst wenige Kommunikationsbarrieren.

Sprachkompetenz als Bedrohung

Mehrsprachigkeit als kulturelles Phänomen wird unter diesen Voraussetzungen kaum wahrgenommen. Im Gegenteil: die durch Migration bedingte erweiterte Sprachkompetenz wird, wenn sie nicht ökonomischen Zwecken untergeordnet werden kann, von der Mehrheitsbevölkerung nicht selten als Bedrohung verstanden.

Vor allem das in der Jugendkultur seinen Niederschlag gefunden habende code-switching - den Wechsel zwischen verschiedenen Sprachvarietäten multilingualen Sprechern je nach Erfordernissen der Kommunikationssituation -gilt vielfach als Zeichen des Sprachverfalls.

Multilinguale Sprecher

Dieser Wechsel ist typisch sowohl für Migranten als auch für Menschen, die einer sprachlichen Minderheit angehören (in Österreich etwa Slowenen oder Kroaten), wobei jede Kommunikation im Kopf des Sprechers in mindestens zwei Sprachen gleichzeitig vollzogen wird. Im privaten Gespräch führt das zu einer ununterbrochenen Durchmischung der Sprachen. Ein Satz oder auch bloß Satzteil wird in dieser, ein anderer in einer anderen Sprache gesprochen, ohne dass der Kommunikationsfluss ins Stocken geraten würde.

Auch die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bezieht wichtige Impulse aus multilingualen Milieus. Der gebürtige Bulgare Ilija Trojanow, die gebürtige Kroatin Marica Bodrožić, der gebürtige Türke Feridun Zaimoglu - das sind nur drei Beispiele für deutsche Schriftsteller, die die eine Sprache in die andere einfließen lassen und damit dem Deutschen eine neue Färbung verleihen.

Grenzen aufbrechen

Wenn man in der Geschichte weiter zurückschaut, so lässt sich etwa nachweisen, was die Emigration deutscher und österreichischer Künstler für die englische Sprache bedeutet hat. Gerade Hollywood hat vom Sprachwitz eines Ernst Lubitsch oder Billy Wilder enorm profitiert.

Mehrsprachigkeit kann also jenseits der Bedürfnisse eines globalen Marktes als Möglichkeit begriffen werden, enge kulturelle Grenzen aufzubrechen und den Nationalkulturgedanken des 19. Jahrhunderts abzustreifen. Ob es sinnvoll ist, bereits Babys mit Sprachkursen zu beglücken, um sie vom ersten Wort an fit für die globalen Herausforderungen zu machen, sei dahingestellt. Bildungspolitisch sinnvoller ist es wohl, die gesamten Möglichkeiten der Mehrsprachigkeit zu vermitteln.

Hör-Tipp
Radiokollge, Montag, 18. Februar bis Donnerstag, 21. Februar 2008, 9:05 Uhr