Kosovos Medien brauchen die Unabhängigkeit
Demokratie und Frieden haben sie bisher eher verhindert als gefördert: Für die kosovarischen Medien wird die Unabhängigkeit schon jetzt als Befreiung aus den Mauern ethnischer Zugehörigkeit gefeiert. Endlich wird Kritik an den eigenen Leuten möglich.
Mehr als 58,6 Millionen Euro haben Organisationen, Stiftungen und NGOs von 1996 bis 2006 in die Medienhilfe im Kosovo investiert - mediale Unabhängigkeit galt als zentrale Vorraussetzung zur Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft.
Bis heute sind die Medien jedoch alles andere als friedensstiftend: ethnisch-nationalistisch gefärbte Berichterstattung lässt differenzierte Sichtweisen nicht zu und stachelte immer wieder aufkommende Konflikte zwischen der serbischen und albanischen Bevölkerung an. Wird das jetzt besser?

Ob die prognostizierten Veränderungen auch in der Praxis positives bringen, hängt von existentiellen Verbesserungen für die extrem arme und perspektivlose Bevölkerung ab.
"Prishtina ist eine serbenfreie Stadt", sagt die deutsche Journalistin und Übersetzerin Saskia Drude, die mit ihren Kindern und ihrem Mann, einem UNO-Delegierten, seit drei Jahren dort lebt. Offizielle Amtssprachen sind zwar Serbisch und Albanisch, "es gibt aber überhaupt keinen Anlass, hier Serbisch zu sprechen." Es stimmt: etwa 140 Serben leben noch in der 550.000 Einwohner großen Hauptstadt. Überhaupt sind von den rund zwei Millionen Bewohnern des Kosovo über 88 Prozent Albaner und nur sieben Prozent Serben - 1981 waren es noch 13 Prozent.
Für das tief sitzende Misstrauen zwischen Serben und Albanern sind die kosovarischen Medien ein plakatives Beispiel. Extrem "Wir-Gruppen" fixiert, ist die Berichterstattung sehr einseitig und lieferte zuletzt 2004 sogar mit hetzerischen Berichten den Anstoß für weitere tödliche Gefechte.
"In den albanischen Medien kommt die serbische Seite nicht vor", so Drude. Auch die wenigen Qualitätszeitungen wie die 1997 mit Hilfe der Soros-Foundation gegründete "Koha Ditore" gehen nicht vollständig einen anderen Weg, meint sie. Deren intellektueller Verleger Veton Surroi gab den Besitz der seit 1999 finanziell eigenständigen und als die glaubhaftest geltende Tageszeitung ab an seine Schwester Flaka Surroi; laut dem Medienmagazin des bayrischen Rundfunks wird er als Mitglied der ORA-Partei eventuell künftiger Außenminister.
Zu viele Medien, zu wenig Vielfalt
Die Serben im Kosovo haben keine eigenen landesweiten Medien und informieren sich meist über Radio und TV aus Belgrad, wo wiederum gegen die Albaner gehetzt wird. Drude glaubt, dass auch nach der Unabhängigkeit "jeder nur seine eigene Presse lesen wird".
Wichtigste Informationsquelle für die Kosovaren ist das Fernsehen. Unter den drei landesweiten Sendern ist auch der im Jahr 2000 mit Hilfe der Europäischen Rundfunkunion (EBU), der OECD und der UN gegründete öffentlich-rechtliche Radio Television Kosovo (RTK), dessen einziger Sender cirka 70 Prozent der Bevölkerung erreicht. Laut EBU-Präsident Fritz Pleitgen gegenüber dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist dessen Aufgabe, unparteiisch zu informieren, bis heute nicht erfüllt.
Life in Kosovo
Zumindest eine Sendung kann damit aber punkten: In "Life in Kosovo" erfährt man jeden Freitag zur Prime Time auf RTK etwas von der "anderen Seite": das Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) lädt hier ungewöhnliche Gäste zum Gespräch.
"Die serbische Regierung war eine Woche vor der Unabhängigkeit in unserer Sendung", erzählt die BIRN-Journalistin Jeta Xharra. "Bis dahin war man hier der festen Überzeugung, Serbien würde mit erneutem Krieg reagieren. Und dann sprach der Minister während der Sendung lediglich von finanziellen Blockaden - und nicht von Krieg! Das im RTK zur Prime Time zu sagen, zerstört Stereotype, ist ungemein wirksam."
Die wichtigste Weichenstellung für die Zukunft sieht sie nicht in der Frage ob sich Serben und Albaner im Kosovo versöhnen werden, "sondern ob die Medien in der Lage sein werden, eine gesellschaftliche Wächterfunktion zu übernehmen."
Kritikunfähig
Zwar gibt es mittlerweile das mehrsprachige Radionetzwerk CerpiK und die multiethnische Redaktion der auf serbisch erscheinenden Zeitung "Civic Herald", von den großen Zeitungen "versucht aber keiner, wirklich kritisch und neutral zu sein", so Drude.
Xharra erklärt: "Bis jetzt war es unmöglich für ein albanisches Medium, die eigene Seite zu kritisieren. Das bedeutete automatisch, das Ziel der Unabhängigkeit in Frage zu stellen. Die serbische Seite stellt es dann als Zugeständnis des Versagens der Albaner hin, das war ständig in den Hinterköpfen der Journalisten. Aber das wird jetzt anders. Die Medien werden jetzt freier sein, dieser Schritt war sehr wichtig für uns."
Vorraussetzungen für solidarische Gesellschaft fehlen
Ob die prognostizierten Veränderungen auch in der Praxis positives bringen, hängt im Wesentlichen auch von existentiellen Verbesserungen für die im Schnitt 25 Jahre alte, extrem arme und perspektivlose Bevölkerung ab, denn "eine gute Mahlzeit und ein ruhiger Schlaf erleichtern die politische Verständigung", bringt es der Chefredakteur der "Koha Ditore" in der "Neuen Zürcher Zeitung" auf den Punkt.
04.03.2008
Links
euro topics - Kosovo
BIRN
Koha Ditore
IREX über Civic Herald
RTK
Neue Zürcher Zeitung - Ein zerbrechliches Kind hat das Licht der Welt erblickt