Lebenswichtige Ökosysteme in Gefahr
Ein Viertel aller Wälder auf der Erde liegen in Gebirgsregionen. Sie beheimaten eine Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten und sind Lebensraum für 600 Millionen Menschen. Außerdem sichern Bergwälder die Wasserversorgung für die halbe Weltbevölkerung.
Bergwälder beheimaten nicht nur eine ungeheure Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, sondern sind auch Lebensraum für 600 Millionen Menschen, die sie mit Holz und anderen Grundstoffen versorgen. In Zeiten von Klimawandel, Überbevölkerung und steigendem Bedarf an Biomasse als Energiequelle geraten diese hochsensiblen Ökosysteme unter sozialen und wirtschaftlichen Druck.
Eine internationale Konferenz an der Universität für Bodenkultur in Wien hat sich vergangene Woche mit dem Thema "Bergwälder" intensiv beschäftigt: mit deren lebenswichtigen Funktionen ebenso wie mit Strategien gegen ihre Zerstörung.
Eine wesentliche Gefahr ist die Klimaerwärmung: Schon jetzt nimmt die Schneebedeckung in den Gebirgen kontinuierlich ab, die Gletscher schrumpfen um durchschnittlich siebzig Zentimeter pro Jahr. Das führt zu Störungen des gesamten Wasserhaushalts. Durch das Steigen der Baumgrenze verändern sich die pflanzlichen und tierischen Populationen - in den Wäldern nehmen Schädlinge überhand. Kranke Wälder wiederum können weder ihre Funktion als Wasserspeicher noch als physische Barriere aufrecht erhalten: Es kommt zu mehr Felsstürzen, Lawinen- und Murenabgängen.

Bergwälder sichern die Wasserversorgung für die halbe Weltbevölkerung.
Konkrete Auswirkungen der Klimaerwärmung gibt es bereits, überall: In der Himalaya-Region zum Beispiel, in Ländern wie Bhutan und Nepal, drohen die durch Eisschmelze überlasteten Dämme riesiger Gletscherseen zu brechen - ganze Talschaften mit zehntausenden Bewohnern wären überflutet.
Weil durch rasches Bevölkerungswachstum der Bedarf an Nahrung stetig steigt, frisst sich neues Agrarland vornehmlich in Bergwaldgebiete. Was großflächige Rodungen in so einem empfindlichen System anrichten können, zeigt sich etwa in Ostafrika: in Uganda herrscht immer öfter bedrohlicher Wassermangel, weil die Pegelstände der Flüsse und Seen dauernd sinken: Die teils aus Not, teils aus Profitgier zerstörten Wälder fehlen als Wasserspeicher - die Folge sind Dürren oder - bei starkem Regen - Überschwemmungen. Dadurch, wie durch den generellen Mangel an sauberem Wasser - steigt natürlich auch die Gefahr von Krankheiten und Seuchen.
Mit der Überbevölkerung nimmt der Energiebedarf zu: er wird, nach seriösen Prognosen, im Jahr 2050 etwa dreimal so hoch wie heute sein. Da fossile Energiequellen - vor allem Erdöl - um die Mitte des Jahrhunderts schon knapp und daher sehr teuer sein werden, wird die Nachfrage nach Biomasse als alternative Energiequelle rasant steigen - und, wenn nicht gegengesteuert wird, auf eine Erhaltung der Ressourcen kaum Rücksicht nehmen.
Eine der Möglichkeiten, die natürlichen Reserven als Existenzgrundlage für die Bevölkerung zu schützen und zu nutzen, ist die Dezentralisierung der Bergwaldbewirtschaftung. In den mittleren Gebirgsregionen Nepals konnte die ökonomische Nutzung zunehmend lokalen Gemeinschaften übertragen werden.
Diese "Forest Users´ Groups" entscheiden örtlich und eigenverantwortlich über Rodungen und Aufforstungen - und haben einen Teil des Geldes, das durch den Verkauf von Holz und anderen Grundstoffen lukriert wird, in den Ausbau ihrer Infrastruktur und in Bildungseinrichtungen zu investieren. Dieses Modell wird auch im benachbarten Bhutan sowie in einigen Regionen Indiens und Afrikas bereits erprobt.
Die Zukunft der Bergwaldregionen insgesamt aber, und damit das Schicksal von Millionen Menschen, wird weitgehend vom Erfolg interdisziplinärer Forschung und, vor allem, gemeinsamer internationaler Praxis abhängen.
Text: Sabrina Adlbrecht · 11.04.2008