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1. Mai für die kreative Klasse

Thomas Bredenfeld über die Digitale Bohéme

"Digitale Bohéme, Prekariat, Freie Medienarbeiter, Kreative Klasse": Die Bezeichnungen, die sich freischaffende Kreative in den Bereichen Medienproduktion, Kunst, Kultur, Journalismus usw. selbst geben oder von anderen bekommen, sind vielfältig.

So diffus wie die Eigensicht der freischaffende Kreativen in den Bereichen Medienproduktion, Kunst, Kultur, Journalismus usw. ist, ist auch der Blick der Gesamtgesellschaft auf diese neue Gruppe in der Landschaft der Erwerbstätigen.

Die einen reden provokant und selbstermutigend vom "intelligenten Leben jenseits der Festanstellung" (Sascha Lobo), andere sehen eine neue gesellschaftliche Gruppe von extrem gut ausgebildeten Menschen am unteren Ende der Mittelschicht mit der Gefahr, ähnlich der "Generation Praktikum" in die Gruppe der Working Poor abzurutschen.

(c) ORF, Hummel

Die vielen Aspekte, unter denen diese "Class of the New" (Richard Barbrook) gesehen wird, spiegeln den hohen Individualisierungsgrad ihrer Mitglieder wider. Aber auch noch so einzigartige Persönlichkeiten unter den Freischaffenden können größere Projekte nur in Gruppen bewältigen.

Das hat zu verschiedenen Netzwerkstrategien geführt, mit deren Hilfe Auftragsakquise und Kontaktarbeit läuft. Diese Strukturen reichen von der Eckkneipe, dem Kaffeehaus, Webdesigner-Stammtischen, User Groups, Projektnetzwerken wie der "Zentralen Intelligenz Agentur" bis hin zu globalen Netzen wie Facebook, XING und ähnlichem.

Die Notwendigkeit und der Wunsch, zusammenzuarbeiten, hat in der kreativen Klasse mittlerweile zu einem Organisationsgrad geführt, der beachtlich und für viele ebenso lebensnotwendig wie tragfähig ist.

Sehr viel schlechter sieht es allerdings aus, wenn man sich anschaut, wie diese gesellschaftliche Gruppe organisiert ist, was ihre soziale und politische Interessenvertretung angeht. In vielen Unternehmen haben die Angestellten ihren Betriebsrat, der für die Freien Mitarbeiter nicht zuständig ist. Zudem herrscht in den meisten Unternehmen ein hoher Druck auf Freie Mitarbeiter, sowohl was die Bezahlung angeht als auch die weitere Beauftragung. Viele arbeiten zudem nicht in den Unternehmen selbst, sondern daheim.

Diese Vereinzelung macht zusammen mit dem oft ausgeprägtem Individualismus und dem erwähnten Existenzdruck eine mögliche Organisation Freier Mitarbeiter in Unternehmen schwierig bis unmöglich. Abgesehen von Ausnahmen wie bei den amerikanischen Filmschaffenden, die mächtig gewerkschaftlich organisiert sind, gibt es in diesem Bereich einen großen weißen Fleck auf der Landkarte der Interessenvertretungen.

Eine österreichische Initiative unter dem Namen "Contemporary Labour" will auf diesen Umstand aufmerksam machen und hat nun eine Veranstaltungsreihe gestartet, die vergangenen Montag im Museumsquartier mit einem Vortrag des englischen Kulturwissenschaftlers Richard Barbrook begann.

Der englische Netztheoretiker hat interessante Parallelen zwischen der "Creative Class" und den Fabrikarbeitern des 19. Jahrhunderts gezogen, die in ihrer Zeit Vorreiter eines neuen Arbeitsmodells waren. Ebenso lassen sich die "New Class of the New" auch als "Digital Artisans" bezeichnen, die abseits des Angestelltendaseins und fern von Konzern- und Industriestrukturen mit Dingen wie Web 2.0 die Kontrolle über die Produktionsmittel wieder übernommen haben, so wie traditionelle Handwerksbetriebe.

"Contemporary Labour" wird bis Ende 2008 Vorträge und Veranstaltungen bringen, die dieses Thema von vielen verschiedenen Seiten beleuchten sollen. Eingeladen ist u.a. im Herbst mit Sascha Lobo, dem Mitautor von "Wir nennen es Arbeit", einer jener Protagonisten, die den kollektiven Selbstfindungsprozess dieser neuen gesellschaftlichen Gruppe im deutschsprachigen Raum zu einer Flächendiskussion gemacht haben.

Aktuell klinkt sich "Contemporary Labour" in DEN Interessenvertretungs-Event des Jahres ein und veranstaltet am 1. Mai neben dem Burgtheater sein erstes "maispace". Auch hier wird Richard Barbrook eine Rede zu Thema halten.

Es wird schön langsam Zeit, dass sich diese "New Class of the New", die kreative Klasse, ein größeres Gehör verschafft. Was sie der Gesellschaft, der Stadt, dem Land an Wirtschaftkraft, an kulturellem und identitätsstiftendem Input liefert, steht in krassem Missverhältnis zu dem, was die Mitglieder dieser Klasse verdienen oder wo sie in der gegenwärtigen Sozialhierarchie verortet sind.

30.04.2008

Thomas Bredenfeld ist als Medienproduzent, Autor und Künstler unmittelbar Betroffener.

Links
Thomas Bredenfeld
The class of the new
contemorarylabour.wordpress.com
maispace.et
zentrale-intelligenz-agentur.de
Wir nennen es Arbeit.de

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