Ritchie Pettauer über Identitäts-Management im Netz
Soziale Netzwerke öffnen sich
Zielten noch vor wenigen Monaten alle großen Social-Networks darauf ab, ihre Claims für sich allein abzustecken, so weht der Wind seit Beginn dieser Woche aus der entgegengesetzten Richtung: Öffnung nach außen lautet die neue Devise.
8. April 2017, 21:58
Seit das Zauberwort im Netz 2.0 Interaktion lautet und kaum eine Seite ohne Freundesverwaltung oder zumindest Kommentarfunktion auskommt, kennt jeder Surfer die Crux mit den vielen verschiedenen Logins und Passwörtern aus leidvoller eigener Erfahrung - spätestens bei der zehnten Registrierung vergeht die Neugier so plötzlich, wie sie nie gekommen ist. Man könnte fast geneigt sein, Rilke zu paraphrasieren: "doch hinter tausend Logins keine virtuelle Welt..."
Nach dem Willen Googles soll das Zauberwort, das die Passwort-Misere endgültig löst, hinkünftig Open Social heißen: wie von Big Gs eigenen Services gewohnt, könnte eine einzige Usernamen-Passwort-Kombi der magische Schlüssel zu allen beteiligten Partnerseiten sein.
Doch die großen Social Networks Myspace und Facebook wollen dem Platzhirsch der Informationssuche eines der wichtigsten zukünftigen virtuellen Geschäftsfelder keineswegs so ganz kampflos überlassen. Und mit dem neuesten Vorpreschen ist das Thema digitales Identitätsmanagement drauf und dran, sämtliche nationalen Privacy-Gesetzgebungen ganz pragmatisch in der Innenkurve zu überholen.
Neben Googles Initiative existiert schon seit längerer Zeit das Betreiber-unabhängige OpenID-System, ein Framework für das Austauschen der eigenen Identität quer über verschiedene Webseiten hinweg. Wer das Bedürfnis dazu verspürt, einen OpenID Server zu betreiben, kann dies tun - hat man sich einmal bei einem solchen Server registriert, gibt man in weiterer Folge einzelnen Websites, die OpenID unterstützen, die dezidierte Erlaubnis, auf die eigenen Daten, die zentral auf besagtem Server gespeichert sind, zuzugreifen.
Dennoch war weder OpenSocial noch OpenID bislang Erfolg auf breiter Basis vergönnt - doch diese Woche kündigte Myspace sein neues "Data Availability" Programm an: Bereits in Kürze soll es möglich sein, die eigenen Myspace-Accountdaten mit zusätzlichen Services wie Twitter oder Photobucket zu synchronisieren - also ein bereits bestehendes Profil zu verwenden, anstatt sich irgendwo neu zu registrieren.
Diese Ankündigung löste hektische Aktivität bei der Konkurrenz aus. Nur zwei Tage später kündigte Facebook ein weitgehend identisches System namens "Connect" an, an dem derzeit ebenfalls mit Hochdruck gearbeitet wird. Martin Weigert schreibt dazu in seinem Blog Webzweinull.cc:
Ging es bisher hauptsächlich darum, innerhalb eines mehr oder weniger abgeschlossenen Raumes mit anderen Menschen zu kommunizieren, so sind Myspace, Facebook und Google (bzw. OpenSocial-Partner) dabei, diese Räume zu öffnen, so dass Personen ihre Kommunikation auch andernorts fortführen können. Das Motiv dabei ist klar: Wer jetzt nicht mitzieht, hat später keine Chance mehr, selbst zum "Mutternetzwerk" zu werden. Dieser Status ist aber (für die großen Player) notwendig, um Mitglieder langfristig an sich zu binden und eine bestmögliche Ausgangsposition für die Monetarisierung des Social Webs zu haben.
Ein genauer Startzeitpunkt ist weder für Facebook Connect noch für Myspace Data Availability bekannt. Eines aber zeigen die eilig verschickten Pressemeldungen ganz überdeutlich: von der Vorstellung, jemals eine allein-selig-machende all-in-one Lösungen sein zu können, haben sich die großen Player längst ebenso verabschiedet wie seinerzeit Ende der neunziger Jahre alle großen Portale einsehen mussten, dass eine einzige URL niemals das ganze Internet ersetzen kann - also stürzen sich Myspace, Facebook und Google nun jeweils mit größtem Nachdruck darauf, zum "Mutternetzwerk" der digitalen Identitätsverwaltung zu avancieren.
Ritchie Pettauer ist selbstständiger Medienberater und Autor in Wien
Links
Martin Weigert: Myspace, Facebook oder Google: Wer wird der Personalausweis im Netz?
Facebook Entwickler Blog - Bericht über "Connect"
Meinguter.name - deutscher OpenID Provider
