Der Zauber des Bekannten
Mythos Heimvorteil
Was macht der Heimvorteil aus? Bringt er die größere Garantie für einen Sieg oder bedient er nur den eigenen Aberglauben? Das Gastgeberland Österreich hat laut Statistik 55 Prozent Heimvorteil. Wird uns das bis ins Viertelfinale bringen?
8. April 2017, 21:58
Man kann sich darauf verlassen, man kann den Heimvorteil erzwingen und alles kann schief gehen. "Mit Statistik lässt sich alles beweisen, auch das Gegenteil", dieser Spruch steht fein säuberlich auf den Umschlag eines Heftes gestickt, in dem Gunnar Prokop, der legendäre Manager der Frauenhandballmannschaft von "Hypo Südstadt" penibel die Daten von über tausend Ergebnissen seines Teams verzeichnet hat.
Es gibt ihn!
Damit ist man schon im Bereich der Wissenschaft, das nennt man empirisch, die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, sagt Günter Amesberger, Prof. für Sportpsychologie an der Universität Salzburg und Mentaltrainer der Österreichischen Fußballnationalmannschaft.
"Da gibt es eine psychologische Wirkung", sagt Peter Kleinmann, rühriger Volleyball-Zampano und Manager der "Aon hotVolleys", dem österreichischen Volleyball-Rekordmeister mit beachtlichen internationalen Erfolgen. "Wichtig ist der Wohlfühlcharakter, die Halle, die man in- und auswendig kennt", ergänzt er. "Weil die Spielerinnen alle ein bisschen abergläubig sind", komplettiert Gunnar Prokop die Ergänzung, "sie wollen vor jedem Spiel im selben Hotelzimmer schlafen, sie brauchen den gewohnten Platz in der Garderobe, sogar die Toilette…"
"Vertraute Umgebung", nennt das der Wissenschafter Günter Amesberger, "dieser Faktor ist wichtiger, als der Einfluss des Heimpublikums, des positiv gestimmten natürlich." Das ist schon auch hilfreich.
Und dann gibt es noch den Bereich der Suggestion. Wie bitte? Na ja, das ist so was wie ein Placebo-Effekt. Das Medikament ist die Tatsache, dass "es ihn gibt" und obwohl man nicht weiß, woraus das Medikament besteht, es wirkt.
Beim Aufwärmen noch ein bisserl Testosteron
Bewiesen. Der britische Evolutionspsychologe Nick Neave hat belegt, dass vor Heimspielen die Konzentration des Sexualhormons Testosteron im Blut der Spieler deutlich ansteigt. Es ist verantwortlich für gesteigertes Revierverhalten und soll unter anderem die Reaktionsschnelligkeit und das räumliche Vorstellungsvermögen steigern. Vermutlich ist das nicht der Grund, dass die Spieler der österreichischen Nationalmannschaft während der EM kaserniert sind und nicht im eigenen Bett schlafen.
Stellen sie sich vor, beansprucht Peter Kleinmann das fantasielose Vorstellungsvermögen jedes Außenstehenden, da schläft einer zu Hause und wenn er am Match-Tag sein Heim verlässt, sagt die Frau zu ihm: "Du bist ein bleder Hund!" Da ist es vorbei mit dem psychologischen Effekt, das gilt übrigens auch umgekehrt, fügt er politisch korrekt hinzu. Von Testosteron keine Rede mehr.
Nachhilfe beim Heimvorteil
Was erlaubt ist, muss ausgenützt werden, sagt Gunnar Prokop. Bevor das Publikum einschläft, tritt er lieber einmal effektvoll gegen eine Wand, spielt den Springginkerl und provoziert die Schiedsrichter. Emotionelle Auftritte, weiß er aus Erfahrung, liebt das Publikum. Halle leer, gibt es nicht, betont auch Peter Kleinmann, wir haben Schulaktionen gemacht, damit eine Menge von schreienden Kindern, die Mannschaft unterstützt.
Österreich erreicht das Viertelfinale
Das erhoffte Viertelfinale ist keine Prognose von Günter Amesberger, das ist Zweck-Optimismus, falls es so etwas gibt. Die Hoffnung auf den Heimvorteil hilft dabei leider wenig. Bestätigt wird das durch eine aktuelle Studie zweier Sportpsychologen der deutschen Universität Münster.
Bernd Strauss und Markus Wellberg haben für Heimspiele der Gastgebermannschaften bei Europameisterschaften nur einen knappen Heimvorteil von 55 Prozent festgestellt. Berücksicht man die Tatsache, dass Österreich die in der Weltrangliste weitaus schlechteste Mannschaft des Bewerbes ist, darf man nicht allzu optimistisch sein. Vielleicht hilft den Österreichern aber ein eklatanter Anstieg des Sexualhormons Testosteron zum Erfolg.
Diskutieren Sie mit!
- Glauben sie, dass Österreich bei der Fußball-EM besonders erfolgreich sein wird?
- Wodurch ist der Heimvorteil am größten? Durch Publikum, vertraute Umgebung oder durch parteiische Schiedsrichter?
- Wo außer im Sport ist noch ein klarer Heimvorteil zu finden?
Hör-Tipp
Moment, Dienstag, 3. Juni 2008, 17:09 Uhr
