Neue Trends und Entwicklungen
Der Prix Ars Electronica ist eine der international wichtigsten Auszeichnungen für digitale Medienkunst an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft und ein Barometer für die Vorhersage neuer Trends bei digitalen Ausdrucksformen.
Auch heuer werden im Rahmen des Ars Electronica Festivals Anfang September in Linz wieder sechs goldene Nicas für herausragende Werke und Projekte aus den Bereichen interaktive Kunst, Hybridkunst, Animation, digitale Musik und digital communities vergeben, in der Kategorie U19 werden Leistungen des Nachwuchses prämiert.
Das Festival selbst beschäftigt sich heuer mit den Problemen rund um Copyright, geistigem Eigentum, Patenten und Verwertungsrechten im digitalen Zeitalter.

Eine Kategorie, die ebenfalls von Anbeginn Teil des Prix Ars Electronica ist, ist digital music.
Weil der Prix Ars Electronica für die ausgezeichneten Künstler einen wichtigen Meilenstein in ihrer Karriere bedeutet und für die Kunst- und Technologiewelt neue Trends vorgibt oder aufzeigt, lastet auf den jeweils fünfköpfigen Jury-Teams der einzelnen Kategorien eine besondere Verantwortung.
Sie bekommen die Arbeiten erst vor Ort in Linz zu sehen und müssen dann in relativ kurzer Zeit aus Hunderten Werken die drei besten bestimmen. Der Lohn dafür ist, dass die Jurymitglieder - es sind immer internationale Künstler und Experten aus den jeweiligen Bereichen - neue, interessante Arbeiten zu sehen bekommen.
Rund 220 Einreichungen hatte die Jury für den Prix Ars Electronica in der Kategorie computer animations, Film und special effects während der drei Tage dauernden Sitzung im April zu begutachten, zu bewerten und schließlich die Gewinner auszuwählen.
Die Kategorie computer animation besteht seit Beginn des Prix Ars Electronica - also seit 1987. Den absoluten Rekord unter den Gewinnern hält John Lasseter - er hat die goldene Nica in dieser Kategorie drei Mal erhalten: 1987 für Luxo junior, die ballspielende Schreibtischlampe, die noch heute den Vorspann jedes Films von Pixar ziert, 1988 für Red's Dream, das einsame Einrad, und 1996 für Toy Story, den ersten abendfüllenden Spielfilm, der ausschließlich im Computer hergestellt wurde.
Das Rennen machte der 17-minütige kanadische Animationsfilm "Madame Tutli-Putli" von Chris Lavis und Maciek Szczerbowski. Die beiden betreiben seit elf Jahren in Montreal, Kanada, die Firma Clyde Henry Productions und sind spezialisiert in Multimedia, stop-motion Animation und visual effects. Produziert wurde ihr erster Film vom National Film Board of Canada, Jason Walker sorgte für die visuellen Spezialeffekte.
Madame Tutli-Putli ist ein Animationsfilm in klassischer Manier: Die Puppen wurden aus Draht und Silikon geformt, ihre Kleidung und alle Gegenstände von Hand gefertigt und jeder Filmkader als Einzelfoto aufgenommen. Für das Material hat das Team Flohmärkte geplündert oder besonders schön reflektierende Glasscherben von der Straße aufgelesen.
Madame Tutli-Putli ist gleichzeitig völlig neu und noch nie dagewesen. Denn die animierten Puppen erhielten nachträglich die Augen echter Menschen, die zuvor entsprechend der Handlung gefilmt worden waren. Das ergibt eine so eindringliche Lebendigkeit, dass man als Zuschauer in Kürze nicht mehr weiß, ob diese Figuren und Gegenstände nun gefilmt, gemalt, modeliert oder gar nur phantasiert sind.
Eine Kategorie, die ebenfalls von Anbeginn Teil des Prix Ars Electronica ist, ist digital music. Die ersten Ehren-Nicas für digitale Musik haben 1987 Peter Gabriel und Jean-Claude Risset erhalten, in der Zwischenzeit hat sich in der digitalen Musik extrem viel verändert.
Für Künstler wie Paul Miller aus New York, der über Musik schreibt und Musik als DJ Spooky auflegt und produziert, sind digitale Werkzeuge aus der Musikproduktion einfach nicht mehr wegzudenken. Was heute in diese Prix-Kategorie fallen darf und soll, ist also gar nicht so einfach zu beantworten.
"Ich suche vor allem nach Beziehungen zwischen Musik und der Netzkultur, nach Verbindungen zur Online-Welt, wie Musik die kulturellen Werte beeinflusst. Hiphop zum Beispiel oder auch Techno, das sind die globalen Stile derzeit, sie sind überall. Es ist interessant zu sehen, wie verschiedene Kulturen diese Werte übernommen und verändert haben. Nach so etwas suche ich, nach grundlegender konzeptueller Kreativität, nach Stücken, die aus vorgefertigten Formen elektronischer Musik ausbrechen - und über all dem nach einem frischen Zugang zu Kultur."
Schließlich gelang es der fünfköpfige, geographisch und fachlich breit gestreuten Jury dann aber doch, aus den 560 Einreichungen die Siegerprojekte zu nominieren. Die Goldene Nica geht an Sergi Jordá und Marcos Alonso aus Spanien sowie Günther Geiger und Martin Kaltenbrunner aus Österreich für ihr Werk "reactable".
"reactable" ist ein Tisch, ähnlich einem großen runden Touchscreen, der auf Bewegungen von kleinen Objekten reagiert, die auf ihm stehen. Ein reacting table also. Die Musiker, Komponisten, Zuhörer stehen und gehen rund um den Tisch, drehen und verschieben die Objekte, tauschen sichtbar Algorithmen aus und gestalten so die Musik. Damit wird jede Aufführung zu einem einzigartigen Kunstwerk.
Theoretisch hätte dieses Projekt genau so gut in der Kategorie interactive art eingereicht werden können. Auch in der dortigen Jury wurde darum gerungen, welche Kriterien an die Projekte angelegt werden sollen - ein Ringen, das beim Prix Ars Electronica ganz bewusst mehr oder weniger jedes Jahr aufs Neue stattfinden soll, damit der Prix nicht still steht.
Jurymitglied Stephen Kovats, Medienforscher, Architekt und künstlerischer Direktor der Transmediale, über die Diskussionen in seiner Jurygruppe: "In einer Jury über Interaktivität ist man natürlich ständig mit der Frage konfrontiert, was Interaktivität eigentlich ist. Wir haben deshalb sehr viel Zeit damit verbracht, unsere eigenen Positionen zu diskutieren, denn in gewisser Weise ist Interaktivität auch eine Überzeugung. Es ist sehr schwer, eine gültige Definition von Interaktivität zu finden und einige Arbeiten, die wir bewerten mussten, waren überhaupt nicht interaktiv, aber die Künstler hatten wohl einen Grund, sie in dieser Kategorie einzureichen."
Die Goldene Nica in der Kategorie interactive art erhält der in Berlin lebende Künstler Julius von Bismarck für seinen image fulgurator - ein geheimnisvolles Projekt zur Agitation und zur Verwirrung von Touristen. Nur soviel sei vorab verraten: Ein Fulgurator ist üblicherweise ein Zerstäuber, mit dem man zur chemischen Analyse eine Salzlösung in eine Flamme sprüht.
Waren unter den Einreichungen irgendwelche Trends erkennbar, in die die interaktive Kunst geht? Andy Cameron, britischer Designer und creative director for interaction design bei Fabbrica in Treviso in Italien, dem Kommunikationsforschungszentrum der Firma Benetton:
"Es geht sicher weg von bildschirmbasierten Arbeiten, aber diesen Trend gibt es schon seit vielen Jahren und das ist gut. Wir haben heuer viele Arbeiten gesehen, die auf Robotik basieren, auch eine der besseren Arbeiten arbeitet damit - vielleicht ist das ein Trend. Andererseits, was für mir interessant erscheint ist, dass man eigentlich keinen technischen Trend erkennen kann. Vielleicht bedeutet das, dass das Feld erwachsen wird, dass wir uns nicht mehr - wie in den 1990er Jahren - den Kopf über die neuesten technischen Tricks zerbrechen, sondern uns damit beschäftigen, was passiert, wenn man das Schaffen von Bedeutung mit dem Publikum teilt."
Text: Sonja Bettel · 15.06.2008
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 15. Juni 2008, 22:30 Uhr
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