Die Supermacht USA auf dem Abstieg in ihrem "Hinterhof"
Brasilien und Argentinien wollen eine Fabrik für angereichertes Uran bauen - eine Schlüsselindustrie, die bisher in der Hand von US-Firmen lag, die ihr Monopol hüteten. Uran kann für Atombomben verwendet werden. Das Abkommen hat in Washington Bestürzung ausgelöst.
Bei der nationalen Atomkommission in Buenos Aires ist man stolz auf den Abschluss des bilateralen Vertrages über die Urananreicherungsanlage. Er sei ein Meilenstein in den Beziehungen zwischen Argentinien und Brasilien.
Über Jahrzehnte hinweg konkurrierten die beiden Staaten miteinander, wer auf dem Subkontinent den Ton angibt und wer den besseren Draht zur Supermacht USA hat. Heute wehen andere Winde, Winde der Kooperation. Viele Beobachter vergleichen die Annäherung von Brasilien und Argentinien mit der Versöhnung Frankreichs und Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur im wirtschaftlichen Bereich.

Argentinien will in zukunft nicht nur Getreide und Fleisch exportieren, sondern auch Atomtechnologie im großen Maßstab. Das Foto zeigt den Hafen am Rio Paraná der Firma Cargill.
Die brasilianische Regierung hat gerade eine gemeinsame kontinentale Verteidigung und einen südamerikanischen Verteidigungsrat vorgeschlagen. Er soll an die Stelle der Interamerikanischen Verteidigungsjunta treten, in der die USA einen Sitz hat.
USA im Hintertreffen
Ärgern werden sich die USA. Sie haben in Südamerika, ihrem "Hinterhof", an Einfluss verloren. Sein einziges Augenmerk richtet George W. Bush auf seinen "Krieg gegen den Terror" und aus diesem Krieg haben sich die Südamerikaner heraus gehalten. Sie haben zugleich das entstandene Machtvakuum genutzt, um ein neues Machtzentrum zu bilden. Ohne die USA.
So machte zum Beispiel die Bush-Administration ihre Militärhilfe von dem Versprechen abhängig, US-Soldaten während ihres Aufenthaltes auf lateinamerikanischem Boden Immunität zu gewähren und dem Zugriff des Internationalen Strafgerichtshof zu entziehen. Fast alle südamerikanischen Regierungen lehnten dies ab, mit Ausnahme von Kolumbien und dem von der rechten Colorado-Partei regierten Paraguay.
Als Strafe entzog das Pentagon den "Rebellen" die Militärhilfe. Aber die waren darüber gar nicht traurig. Denn die Chinesen sprangen in die Bresche und boten Waffen und Ausbildung für Offiziere an. Natürlich protestierten die US-Botschafter, aber in den südamerikanischen Amtsstuben interessiert dies immer weniger.
Auch Schurkenstaaten sind mit von der Partie
Die Regierungen in Brasilia und Buenos Aires ließen sich nicht davon abbringen, zu sogenannten "Schurkenstaaten" wie dem Iran und einigen arabischen Staaten Beziehungen aufzubauen.
Die argentinische Linke wittert Morgenluft. Sie interpretiert die neuen Winde von Integration als einen neuen Anti-Imperialismus. Es soll eine "multipolare Weltordnung" entstehen, heißt es in Buenos Aires. Der Ost-West-Konflikt sei vorbei, der Süden müsse eigene Strukturen aufbauen. Das Handelsbündnis Mercosur sei ein wichtiger Schritt gewesen. Die neue "Bank des Südens" finanziert gemeinsame Entwicklungsprojekte. Den Internationalen Währungsfonds will man nicht dabei haben. Argentinien und Brasilien haben ihre Schulden beim Währungsfonds beglichen und verbitten sich seitdem jegliche "Einmischung". Manche träumen schon von einer gemeinsamen Währung nach dem Vorbild des Euro. Bis dahin wird wohl noch viel Wasser den Paraná-Fluß herunterfliessen, aber man will die wichtigsten Probleme zusammen angehen. Und da steht an oberster Stelle: der Zugang zu Spitzentechnologie.
Text: Gaby Weber · 26.06.2008
Hör-Tipp
Journal Panorama, Donnerstag, 18:20 Uhr