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Digitales Gezwitscher

Ein Schelm, wer böses denkt

Immer mehr finden Gefallen an Microblogging-Services und beziehen einen beträchtlichen Teil ihrer aktuellen News aus 140-Zeichen-Nachrichten. Die Nachfolger der Blogs legen die technologische und redaktionelle Einstiegslatte für Neulinge noch tiefer.

Betrachtet man die aktuellen Entwicklungen des Web 2.0, so scheinen sich zwei alte Sprichwörter zu bewahrheiten: "In der Kürze liegt die Würze" und "Kleinvieh macht auch Mist": denn immer mehr User finden Gefallen an Microblogging-Services und beziehen einen beträchtlichen Teil ihrer aktuellen News aus 140-Zeichen-Nachrichten. Besonders reizvoll dabei: die proklamierten Nachfolger von Blogs legen sowohl die technologische als auch die redaktionelle Einstiegslatte für Online-Neulinge ein Stück tiefer.

Netzkultur (c) ORF, Meinhart

Das digitale Gewitschere ist der neue Trend beim Micro-Blogging.

Die Entwicklung des Web 2.0 erinnert unweigerlich an die Genese des "ersten" World Wide Web Anfang der Neunziger Jahre: war es zu Beginn nur eine kleine Technik-Elite von Computernerds, die große Begeisterung über das neue weltumspannende Kommunikationsnetz zeigten, so schwappte die Welle einige Jahre später auf den sogenannte Mainstream über. Eine ganz ähnliche Entwicklung lässt sich derzeit im Social Web beobachten - und einige neue Tendenzen, die in erster Linie technologischen Weiterentwicklungen geschuldet sind.

Waren Webseiten früher weitgehend statische, untereinander verlinkte Texte mit eingestreuten Bildern, so dominieren im Web 2.0 dynamische Anwendungen: durch den flächendeckenden Einsatz von Datenbanken, Programmiersprachen wie PHP und UI-Frameworks wie Ajax werden die einzelnen Seiten im Moment des Aufrufs durch den User generiert. Das ermöglicht so simple Funktionen wie ein Kommentarfeld, aber auch so komplexe, im Browser ablaufende Anwendungen wie etwa Gmail. Zu großer Popularität gelangte in den letzten drei Monaten neben dem Social Network Facebook in erster Linie das Kurznachrichten-Service Twitter: obwohl oder gerade weil die veröffentlichten Beiträge lediglich 140 Zeichen lang sein dürfen, leiden die Server permanent unter der immens hohen Zahl eingehender Kurztexte.

Zum Gruppen-Kommunikationskanal wird Twitter durch die "follow"-Funktion, mit der man die Tweets - "das Gezwitschere" - seiner Kontakte im Auge behält. Jeglichem Minimalismus zum Trotz etabliert sich der Anbieter auch im deutschsprachigen Bereich immer stärker als bevorzugter Echtzeit-Kanal für alle, die den Metadiskurs über den Status des Netzes pflegen.
Twitter funktioniert geräteübergreifend: auf Wunsch werden die Tweets gratis via SMS aufs Handy zugestellt oder mit mittlerweile für fast jedes mobile Gerät erhältlichen speziellen Programmen gelesen, geschrieben und verwaltet - nur ein Businessmodell haben die Betreiber vorerst angeblich nicht.

Auf einem ähnlichen Prinzip basieren Microblogging-Systeme wie das amerikanische TumblR und dessen österreichisches Pendant Soup: mit wenigen Mausklicks lassen sich beim Surfen vorgefundene Links, Bilder, Textschnipsel, Videos und Kommentare zum persönlichen Surf-Logbuch zusammenmixen. Auch hier ist nicht klar, wie und wann die Valorisierung geschehen soll: aber genügend Beispiele aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass die kritische Usermasse per se zu teilweise abstrus hohen Börsenbewertungen führt.

Für die Nutzer dieser Services bleiben die glänzenden neuen Web 2.0 Spielzeuge vorerst kostenlos - wie etwa Friendfeed, das von amerikanischen IT-Journalisten als letzter Schrei in Sachen Web 2.0- Selbstdarstellung gefeiert wird: bei der Erstellung des eigenen Profils trägt man RSS-Feeds und Usernamen von Drittanbieter-Services wie Twitter, Facebook , FlickR, Last.fm und ähnlichen Social Media Seiten ein. Die virtuelle Freundschafts-Endlospapierrolle aggregiert sämtliche Aktionen und bastelt aus Foto-Uploads, Youtube-Beiträgen und Co. einen einzigen RSS-Feed, der alle Aktivitäten des Users protokolliert. Ein Schelm, wem sich der Gedanke aufdrängt, dass in Zeiten eines so blühenden Exhibitionismus die Internet-Benutzer dem Staat die mühsame Überwachung freiwillig abnehmen.

09.07.2008

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