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Der große kleine Unterschied

Gender-Medizin - Teil 2

Gender-Medizin ist ein junges Forschungsgebiet. Erst Mitte der 1980er Jahre begründete die amerikanische Kardiologin Marianne Legato diesen Wissenschaftszweig mit ihrem Buch "Evas Rippe". Bis zu diesem Zeitpunkt galten Frauen als "kleine Männer".

Männer und Frauen haben oft recht unterschiedliche medizinische Bedürfnisse. Solche geschlechtsspezifischen Aspekte werden aber immer noch zu wenig berücksichtigt.

So sind etwa Jahrzehnte lang weiblichen Patienten Kniegelenke eingepflanzt worden, deren anatomische Vorlage das Männerknie war. Dieses unterscheidet sich aber in wesentlichen mechanischen Parametern vom weiblichen Gelenk. Diese "Männerprothese" hatte für viele Patientinnen unangenehme Folgen - unverhältnismäßig lang andauernde postoperative Schmerzen und eine stark eingeschränkte Beweglichkeit.

Am Anfang war das "Genderknie"

Seit kurzem erst gibt es eine Prothese, die der weiblichen Anatomie entspricht und den Frauen die unangenehmen Folgewirkungen der Operation erspart.

Diese Knieprothese ist allerdings nur ein Beispiel dafür, wie wenig Beachtung die Medizin bisher den unterschiedlichen Bedürfnissen von Männern und Frauen geschenkt hat. Heute werden diese Unterschiede in vielen Fachbereichen zwar wahrgenommen - die Ursachenforschung steckt aber noch in den Anfängen.

Unterschiedliche Wirkung von Medikamenten
Eine Frage, die die Gender-Medizin besonders beschäftigt, ist die unterschiedliche Reaktion von Männern und Frauen auf bestimmte Arzneimittel, zum Beispiel Mittel gegen Krampfanfälle, zur Beeinflussung der Blutgerinnung oder auch auf einige Herzmedikamente. Einige dieser Unterschiede hängen mit den körperlichen Gegebenheiten zusammen: So haben Frauen nicht nur anatomisch einen anderen Körperbau, sondern auch die Enzymaktivität in der Leber ist höher, was den Abbau von Substanzen beschleunigt.

Hingegen verdaut - hormonell bedingt - ihr Magen langsamer. Auch ist im weiblichen Körper der Fett- und Wasseranteil höher. Deswegen verteilen sich Medikamente anders und werden entweder schneller oder auch langsamer abgebaut. Das führt - bei gleicher Dosierung - zu unterschiedlicher Wirksamkeit bestimmter Präparate bei Frauen und Männern.

Geschlechtsunterschiede manifestieren sich aber auch in unterschiedlichen Krankheitssymptomen und -verläufen. Auch hier steht die Gender-Medizin erst am Anfang. Die meisten bisherigen Untersuchungen dazu stammen aus der Kardiologie.

Falsch verstandene Signale
Herzinfarkt und Schlaganfall sind - wie man heute weiß - keine typischen Männerkrankheiten. Allerdings wird bei Frauen ein Herzinfarkt oft nicht oder zu spät erkannt; manchmal einfach deshalb, weil der Arzt diese Erkrankung bei ihnen einfach nicht vermutet.

Zudem sind einige der typischen, bekannten Symptome des Infarkts "Männersymptome": Druckschmerz unter dem Brustbein, ausstrahlend in Schulter und Arme zu Beispiel tritt bei Frauen kaum oder nur sehr abgeschwächt auf. Bei ihnen kündigt sich der Infarkt eher unspezifisch durch Schmerzen im Oberbauch und im Rücken an, durch Knöchelödeme, Abgeschlagenheit oder auch Schlafstörungen.

Geschlechterklischees mit Folgen
Es ist aber nicht nur die Schwierigkeit der Diagnosestellung allein: Internationale Studien über die medizinische Versorgung von Frauen haben auch gezeigt, dass Patientinnen deutlich weniger Chancen als Männer haben, zur Spitzenmedizin vorzudringen - so werden Männer im Akutfall deutlich "aggressiver" behandelt als Frauen: Das zeigt sich unter anderem daran, wie oft Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen, in welchem Ausmaß Arzneimitteln verwendet werden sowie in der intensivmedizinischen Betreuung. Dass es diese unterschiedliche Behandlung, die gewiss nicht beabsichtigt ist, gibt, weiß man jetzt. Die Gründe dafür sollen nun, in weiteren Studien ermittelt werden.

Gestaltung: Sabrina Adlbrecht · 14.07.2008

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Radiodoktor - Das Ö1 Gesundheitsmagazin, Montag, 14. Juli 2008, 14:05 Uhr

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