Ritchie Pettauer über ein Abstimmungswerkzeug

"ß" oder "ss"

Jede Rechtschreibreform generiert, das hat die Letzte gezeigt, die Notwendigkeit für noch mehr Reformen. Also warum nicht zukünftig das vielgelobte Web 2.0 nutzen, um ein für allemal zu entscheiden, ob kollektives Entscheiden Spaß oder Spass macht?

Das sogenannte Crowdsourcing bekommt schnell einen faden Beigeschmack, wenn die idealistischen Ideen einiger Pionier-Geeks mit Lichtgeschwindigkeit von findigen Marketingstrategen vereinnahmt werden: denn in der Hitze der Begeisterung verwechselt der eine oder andere schon mal gemeinnützige Wertschöpfung mit unbezahlter Sklavenarbeit...

Doch kaum ein Gebiet ist, sieht man mal von den Wörterbuch-Verlagen ab, derart frei von wirtschaftlichen Interessen wie die Rechtschreibung: Was im deutschen Sprachraum seit langer Zeit einem Expertengremium überlassen bleibt, könnte durch kollektive Entscheidungsfindung nun wirklich nicht mehr schlimmer werden.

Das scharfe S

Man nehme etwa das scharfe S her, dem seinerzeit bei der Rechtschreibreform ein für allemal die schmähliche Existenz am oberen "Alt-Gr" Rand deutscher Tastaturen entzogen werden sollte: anstatt fürderhin in den Gefilden von Schrifthistorikern einer bescheidenen Existenz zu frönen, setzte sich jüngst sogar das deutsche Normungsinstitut für eine Großvariante des Exoten ein, die demnächst den Zeichenschatz der Typographen bereichern soll.

Aber wenn schon die Schriftgelehrten das altbekannte Problem, dass aus grammatikalischer Sicht Deutsch die einzige indogermanische Sprache mit bis zu zwei Ausnahmen von der Ausnahme darstellt, nicht in den Griff bekommen können, dann wäre es wohl höchste Zeit, interessierte Bürger aktiv an der Weiterentwicklung der Sprache teilhaben zu lassen - im Zweifelsfall kann man ja über die beliebtere Schreibweise abstimmen lassen.

Social Media als Wahlkampfplattform?

Wie gut solche kollektiven Entscheidungsprozesse funktionieren können, zeigt das Lexikon-Projekt Wikipedia seit Jahren vor. Dass in staatlichen Vorstellungen von digitaler Kommunikation erstmals Probleme wie Sicherheit und digitales Identitätsmanagement auf der ToDo-Liste stehen, muss ja den begleitenden Einsatz von Social Media in der öffentlichen Debatte keineswegs ausschließen - nichts gegen Leserbriefseiten und Call-In Sendungen, aber jeder, der seine Informationen zu einem beträchtlichen Teil aus dem Internet bezieht, weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Echtzeit-Kommunikation Diskussionen anheizt.

Im Übrigen bieten derartige Plattformen auch eine reizvolle Möglichkeit in Zeiten von Neuwahlen: dass die Spitzenkandidaten nicht mit jedem Wähler persönlich stundenlang chatten können, ist wohl offensichtlich, aber schließlich wählt Österreich im September bekanntlich nicht Kanzler und Vizekanzler, sondern 183 Abgeordnete zum Nationalrat. Und die können sich entweder auf die Politstrategen ihrer Parteien und die Beratung durch Agenturen verlassen, oder Online-Medien und Social Networks nutzen, um mit ihren potentiellen Wählern und Wählerinnen direkt in Kontakt zu treten und ihre eigene Meinung ohne Ghostwriter im Hintergrund zu vertreten.

Was für manche derzeit wie unnötige Technikverliebtheit klingen mag, bietet auf mittelfristige Sicht eine Chance zur Belebung des politischen Diskurses - und das kann in Zeiten sinkender Wahlbeteiligung keinesfalls schaden.

Ritchie Pettauer ist selbstständiger Medienberater und Autor in Wien.

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