Totenmessen gehören für die Sängerknaben zum Alltag

Totenmessen in Wien

1740 ist ein schwieriges Jahr für Österreich, in dem Politik wichtiger ist als Kultur. Vivaldi kommt nach Wien in der Hoffnung, seinen Ruhm zu erneuern. Er stirbt aber als armer Mann, bei seinem Begräbnis singt auch Haydn. Kennt er Vivaldi?

Haydn örtlich - Teil 8

1740 ist für Österreich ein problematisches, ein folgenschweres Jahr. Kaiser Karl VI. stirbt - er hat in seiner "Pragmatischen Sanktion" von 1713 im Zuge der Festlegung der Unteilbarkeit der Länder des "Hauses Österreich" auch die weibliche Erbfolge verankert und sich das Dokument von auswärtigen Mächten bestätigen lassen. Aber was nützt das im Ernstfall! Der Habsburger hinterlässt keinen Sohn und so tritt der vorgesehene Fall ein - Maria Theresia folgt ihm nach. Das bedeutet aber keineswegs ein Inkrafttreten des international ratifizierten Vertrages. Friedrich II. von Preußen wittert seine Chance und löst mit der Besetzung Schlesiens im Dezember 1740 den "Österreichischen Erbfolgekrieg" aus. In der Folge dringen bayerische und französische Truppen als Verbündete Preußens bis Niederösterreich vor.

Wenig Platz für Kulturelles

Am Wiener Hof ist man vollauf beschäftigt mit der Bewältigung der komplizierten außen- und militärpolitischen Situation. Viel Platz bleibt da jetzt nicht, um sich anderen Problemen, etwa kulturellen, mit letzter Hingabe zu widmen. Die politische Lage wirkt aber umgekehrt sehr wohl bis weit hinein in die Existenz kulturell tätiger Menschen. Und so trifft die Lage auch einen bis vor Kurzem Hochberühmten, der seinen langsam verblassenden Ruhm und damit seine Existenz noch einmal mit Glanz umgeben will - hoffend auf das musikliebende Wien: Antonio Vivaldi.

1740 kommt er in die Residenzstadt, um vielleicht beim hochmusikalischen Kaiser Karl VI. zu reussieren. Aber der stirbt. Und seiner Erbin Maria Theresia bleibt vorderhand keine Zeit, sich um ihn zu kümmern, was die ebenfalls in der Tonkunst wohlunterrichtete Frau sicher lieber getan hätte, als Krieg zu führen.

Vivaldi stirbt in Wien als armer Mann

Die durch die politischen Umstände getäuschte letzte Hoffnung entzieht dem 63-jährigen Vivaldi völlig jeden Boden. Er ist ohnehin schon nicht recht gesund nach Österreich gekommen, jetzt wird seine Krankheit jene zum Tode, der ihn im Juli 1741 denn auch ereilt. Der vor gar nicht allzu langer Zeit Vielbejubelte und Bestaunte, mit dem sich sogar Johann Sebastian Bach nachweislich produktiv auseinandersetzte, dieser einstmalige Stern am musikalischen Himmel Europas stirbt in Wien als armer Mann.

Als Fremder hat er aber immerhin ein Anrecht auf eine letzte Ruhestädte auf dem für solche Fälle vorgesehenen "Spitaller Gottesacker", außerhalb der Stadt, am gegenüberliegenden Ufer des Wienflusses situiert. Der Friedhof wird von der Dompfarre St. Stephan betreut. Also singen die Domsängerknaben auch das Requiem für Vivaldi. Und vielleicht begleiten sie den Kondukt auch noch hinaus vor die Stadtmauer.

Laut Pfarrregister ist Joseph Haydn einer der sechs Chorknaben, welche den armen fremden Musiker ins Grab singen und mit feierlichen Tönen das Erbarmen Gottes für den Hingegangenen erflehen.

Haydn singt bei Totenmessen

Bei Totenmessen zu singen, das ist für Haydn damals Alltag. Und der Tod ist, schon allein durch die Friedhöfe rund um die Kirchen - er kennt das ja auch vom heimatlichen Rohrau her - in Permanenz präsent. Berührt es den Knaben aber dennoch besonders, dass hier ein Musiker von Graden auf diese Weise dahingeht? Weiß er überhaupt, dass dieser arme Musikant aus Italien, für den er mit fünf anderen das "Libera me Domine de morte aeterna" singt, einmal eine für sich sprechende Größe gewesen ist? Er sagt uns nichts darüber - auch nicht zu seinen Biographen, als er vor ihnen sein Leben repetieren lässt. Hat er dieses Ereignis - als ein alltägliches unter vielen ähnlichen - vergessen?

Über dem "Spitaller Gottesacker" mit dem Grab des Antonio Vivaldi erhebt sich heute die Technische Universität, die einstmals, da dieses Institut "Polytechnicum" hieß, von Johann und Joseph Strauß besucht wurde. Es scheint, als hätten sich Tod und Leben gerade hier zur Erhaltung einer höchst vielschichtigen kulturellen Kontinuität vereinigt.

Hör-Tipp
Haydn örtlich, jeden Montag, Mittwoch und Freitag bis einschließlich 22. Mai 2009, jeweils 15:06 Uhr

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Links
austria.info - Joseph Haydn
Haydn 2009

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