Englisch als Lingua Franca

Die Mehrsprachigkeit der Wissenschaft

Englisch ist auch in Österreich zur Wissenschaftssprache Nummer eins geworden. Um aber einem Verlust der eigenen Sprache vorzubeugen ist eine konsequente Pflege der Zweisprachigkeit im Wissenschaftsbetrieb notwendig.

Auf der Suche nach der Mehrsprachigkeit der Wissenschaften begegnet man auch in Österreich vor allem der Tatsachenmitteilung von Wissenschaftlern, dass in ihrem Fach, zumindest wenn es um den Austausch von Forschungsergebnissen geht, einzig Englisch gewünscht und gepflegt wird.

Englisch um beachtet zu werden

Wer bemerkt werden will, veröffentlicht in englischsprachigen Fachzeitschriften. Die Naturwissenschaften stellen daher konsequenterweise möglichst auf eine englischsprachige Durchführung des gesamten Wissenschaftsbetriebes um, und haben damit ganz allgemein recht wenig Probleme. Ihre Wissenschaftsdisziplin basiert auf eine gemeinsame Wissenschaftslogik, die der Arbeit zu Grunde liegt, gleich in welcher Sprache sie letztendlich formuliert wird.

Bei den Geistes- und Sozialwissenschaften ist das Abwenden vom Deutschen vor allem dann bemerkbar, wenn sich nur einige Wissenschaftler im Land mit einem Forschungsgebiet beschäftigen - zum Beispiel bei den Dolmetscherwissenschaften. Wer international gehört werden will, muss sich des Englischen bedienen. Hier ist aber der Gegenstand der Forschung selbst vom Sprachwechsel betroffen, denn die Sprache schafft geisteswissenschaftliche Wirklichkeiten.

Sprache schafft Wirklichkeit

Ein Beispiel ist die Rechtswissenschaft, denn das Recht entsteht erst durch eine gezielte und in einer bestimmten Sprache bewusst gepflegten Terminologie. Hier ginge tatsächlich Wissen verloren, wenn zu sehr in andere Sprachen - sprich: ins Englische geschwenkt wird.

Forschungsanträge beim FWF, Österreichs größten Geldgeber für Forschungsprojekte, müssen interessanterweise in allen Fächern - bis auf die Germanistik - auf Englisch gestellt werden, auch wenn die Forschung selbst dann auf Deutsch betrieben wird. Das hat den Grund, dass internationale Gutachten eingeholt werden, bei nichtdeutschsprechenden Gutachtern.

Ein verstärktes Einbinden internationaler Studierender bewirkt ebenso die Notwendigkeit, Englisch als Verkehrssprache zu verwenden. Wer mehrere Sprachen pflegt, hat Kosten - Mehrsprachigkeit braucht Übersetzer, Kurse, braucht universitäre Sprachzentren, die den Beteiligten grundsätzlich und auch im Notfall sprachlich unter die Arme greift.

Verlorene Landessprache

Einer internationalen Verständigung im Wissenschaftsbetrieb ist grundsätzlich nichts einzuwenden, sofern die Terminologie der Nationalsprachen weiter gepflegt wird. In Schweden aber beklagt man in jüngerer Zeit zunehmend einen so genannten "Domänenverlust".

Das bedeutet, dass man sich über ganze Wissenschaftsgebiete nicht mehr auf Schwedisch unterhalten kann. Hier entstehen dann Kosten der Einsprachigkeit, die keine ökonomischen Kosten sind, sondern soziale Kosten, denn die demokratischen Grundlagen der Wissenschaften gehen so verloren.

Gepflegte Zweisprachigkeit

Insgesamt wird in Österreich der Ruf auf eine vermehrte Pflege der Zweisprachigkeit in den Wissenschaften immer stärker, die neben positiven Auswirkungen auf soziale Faktoren auch eine verbesserte Qualität der Forschung möglich werden lässt, denn wer auf zwei Sprachen denkt und zwischen ihnen übersetzt, wird kreativ immer wieder die eigenen Ansätze des Denkens hinterfragen und verbessern.

Wird Englisch verwendet, empfehlt die Lingua Franca Forschung durchaus nicht, nach dem höchsten Niveau der Sprache zu streben, sondern nach einem "angepassten Niveau" des Englischen mit einem Maximum an Verständlichkeit.

Englisch sollte daher nicht wie alle anderen Kultursprachen unterrichtet werden, sondern als eine funktionale Sprache, die der internationalen Verständigung dient.

Hör-Tipp
Dimensionen, Donnerstag, 16. Oktober 2008, 19:05 Uhr

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