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Musik

Nahost-Schwerpunkt beim musikprotokoll

... as seen from the middle of east ...

Es wirkt beinahe wie eine geheime Verschwörung, allerorts sind in diesem Jahr Künstlerinnen und Künstler aus dem Nahen Osten zu Gast, im Burgenland wie in Tirol. Das musikprotokoll im steirischen herbst bietet nun einen Perspektivenwechsel an.

Ganz offenbar war in den letzten Jahren nicht nur in der musikprotokoll-Konzeptschmiede so einiges rund um das Thema "Naher Osten" am Köcheln und ganz offenbar ist dieses Thema ein sehr brisantes. Klar, das weiß man ohnehin, doch durch die hier derzeit so außergewöhnlich hohe Veranstaltungsdichte wird dies noch einmal doppelt unterstrichen. Wir möchten in diesem Zusammenhang einen Perspektivenwechsel anbieten.

"… as seen from the middle of east …" lautet unser Nahost-Programmschwerpunkt, nicht die Frage was wir an den dortigen Ländern interessant finden, sondern die Auseinandersetzung dortiger Künstlerinnen und Künstler mit Europa und europäischer Kultur wird bei uns im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Staging the Conflict. Staging Peace.

Zu dem Titel "... as seen from the middle of east ..." inspiriert hat uns Sebastian Meissner. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zum mehrjährig angelegten Projekt "Lost Spaces", das beim heurigen musikprotokoll seinen Auftakt feiern wird, schreiben Meissner und Serhat Karakayali in dem Text "Staging the Conflict. Staging Peace. Ignoring One's Own History" im heurigen steirischen herbst Magazin, sei die im Kunstkontext immer wieder zu beobachtende Tendenz gewesen, Künstler aus dem Nahen Osten mit dem Auftrag nach Europa einzuladen, hier eine Kultur des Dialogs und des Friedens zu zelebrieren – und zwar unabhängig davon, ob sie zu Multikulti-Veranstaltungen und Diskussionen geladen oder mit expliziten Werken über den Bürgerkrieg präsentiert werden.

"Mit diesem ‚staging the conflict'", so Meissner und Karakayali weiter, "werden nicht nur die Künstler auf ihre nationalen Zugehörigkeiten und ihren vermeintlichen Gegensatz reduziert, mehr noch: Die europäischen Kulturinstitutionen machen es den europäischen Global Players in Politik und Wirtschaft nach, indem sie sich als neutrale und moderierende Instanz gegenüber der Barbarei ‚da unten' inszenieren. ‚Staging Peace' sozusagen. Vor diesem Hintergrund wollen wir die Aufmerksamkeit für einen Augenblick in eine andere Richtung lenken: auf die Geschichte der Verschränkungen und Verflechtungen zwischen den Kulturen, der nicht auflösbaren Verwandtschaft und der unmittelbaren Kausalbeziehungen zwischen dem Nahost-Konflikt und Europa."

Intensive Auseinandersetzung
Die Idee, die Perspektive zu wechseln, so wie das Sebastian Meissner nun beim heurigen musikprotokoll gemeinsam mit Serhat Karakayali tun wird, entwickelte sich Schritt für Schritt, in einer jahrelangen intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, in der auch immer wieder der eigene Standpunkt kritisch hinterfragt wurde. Seit nun schon mehr als sieben Jahren beschäftigt sich Sebastian Meissner eingehend mit dem Holocaust, dem Judentum und dem israelisch palästinensischen Konflikt.

Walking Jerusalem
Die grundlegende Idee der CD "Walking in Jerusalem", die 2002 erschienen ist, war eine Art akustischen Stadtplan zu schaffen, der ausgewählte Orte in Jerusalem mit neuen Bedeutungen versieht und dadurch vielleicht auch einen neuen Blick auf diese so konfliktgeladene Stadt ermöglicht. An der CD-Gestaltung haben auf Einladung von Sebastian Meissner Vertreter der israelischen Elektronikszene, aber auch Musiker aus anderen Ländern teilgenommen.

Die beteiligten Künstler in eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nahost-Konflikt zu involvieren und vielleicht auch über die gemeinsame Beschäftigung mit diesem Thema zusammenzuführen war bereits damals ein wichtiges Anliegen von Sebastian Meissner. Bei dem CD/DVD-Projekt "Bizz Circuits play Intifada Offspring", das zwei Jahre später veröffentlicht wurde, standen Kommunikation und Austausch dann im Zentrum.

Intifada Offspring
Das Projekt "Bizz Circuits play Intifada Offspring", so der Text im Booklet, versteht sich als eine Plattform für Künstlerinnen und Künstler aus Israel, Palästina und anderen geographischen Regionen, die ihre Arbeit der künstlerischen Dekonstruktion des so genannten Nahost-Konfliktes widmen. "Intifada Offspring" möchte Räume eröffnen, jenseits von Schutzmauern, Stacheldraht, dogmatischen Barrieren und Vorurteilen und eine Kommunikations- und Arbeitsbasis schaffen, die die Grenzen durchbricht, die durch die Einteilung der Menschen in Juden und Araber, in jüdisch und muslimisch Gläubige, in Israelis und Palästinenser entstehen.

Into the Void
Angekündigt hat sich der angesprochene Perspektivenwechsel aber bereits im Jahr 2003. Schon damals waren zwei Künstler aus dem Nahen Osten, aus Israel eingeladen ihrem Blick auf Europa Ausdruck zu verleihen. Das Gemeinsam mit Ran Slavin und Eran Sachs realisierte Sebastian Meissner damals das Projekt "Into the Void" und die hier angesprochene Leere meint das Vakuum, das sich angesichts der Wiederbelebung des jüdischen Viertels Kazimierz in Krakau auftut, die vornehmlich auf eine ökonomische Nutzbarmachung der Geschichte von Krakaus jüdischer Bevölkerung setzt, ohne sich dabei auch gleichzeitig der nötigen Vergangenheitsbewältigung zu stellen, wie Sebastian Meissner im Booklet zu dieser im Anschluss an das Projekt erschienenen CD anmerkt.

Lost Spaces
Die Erinnerung und der Umgang mit der Erinnerung, das Interpretieren, Verfremden und Umdeuten beschäftigte den Multimediakünstler also schon vor fünf Jahren. Und das Projekt "Lost Spaces", das im Auftrag des musikprotokolls in den nächsten Monaten immer mehr Form annehmen wird, knüpft genau hier an. Bezugnehmend auf die Praxis der Situationisten wird das Projekt den Anfang eines psychogeographischen Kartogramms der Beziehungen zeichnen, an ausgewählten Orten in Europa, die einerseits mit jüdischer und anderseits mit arabischer Geschichte verbunden sind, werden Stätten der künstlerischen Produktion geschaffen werden. Eine erste Ahnung von der Dimension des hier zukünftig Erarbeiteten wird die Klanginstallation "Lost Spaces" bieten, die ab kommenden Donnerstag in der ESC Galerie in Graz besucht werden kann, so viel sei schon einmal vorweggenommen: führen wird sie die Besucherinnen und Besucher nach Banja Luka.

Und am Freitag kommende Woche wird Sebastian Meissner dann selber über seine Arbeit erzählen, in der Diskussion zum musikprotokoll Nahost-Programmschwerpunkt "… as seen from the middle of east …" im Minoriten Café um 18:00 Uhr.

02.10.2008

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