Eine Jahrhunderterscheinung zwischen Rossini und Verdi

Saverio Mercadante

Mit jeder "Ausgrabung" einer seiner Opern stellt sich heraus, dass Saverio Mercadante mehr war als nur "Zeitgenosse" italienischer Größen von Rossini über Bellini und Donizetti bis Verdi. 2008 begeisterte in Martina Franca sein letztes Bühnenwerk, "Pelagio".

Wie Saverio Mercadante 1821 seine "Maria Stuarda" schrieb - 14 Jahre vor Donizetti! -, war Rossini noch der neapolitanischer Star-Komponist, ohne Paris erobert zu haben. Wie 1866 in Neapel Mercadantes "Virginia" Premiere hatte, war Verdi mit seinem Pariser "Don Carlos" beschäftigt und trug sich mit Rückzugsgedanken. Mercadante war nicht nur "Zeitgenosse" von Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi, sondern mit stilistischer Wandlungsfähigkeit deren kreativer Widerpart. Dass sein Spätwerk musikalisch sogar bereits in Richtung Verismo geht, zeigte sich letzten Sommer, als beim Opernfestival in Martina Franca Mercadantes "Pelagio" aufgeführt wurde: eine spannende Wiederentdeckung.

Mehr als nur "missing link"
"Kompliment! Ihr junger Schüler Mercadante beginnt dort, wo wir aufhören", schrieb Gioachino Rossini prophetisch an Mercadantes Lehrer Niccolo Zingarelli. Nach entschieden "rossianischen" Anfängen in den 1820er Jahren fand Mercadante bald zu einem pathosgeladenen Stil, der auf Bellinis "Pirata" und "Capuleti", auf Donizettis "Anna Bolena" und "Lucia di Lammermoor" hinführt. Mercadante schüttelte den Rossini-Einfluss ab - und beeinflusste damit selbst Bellini und Donizetti.

Dass der 1795, also nur ein paar Jahre nach Rossini und eine Generation vor Verdi geborene, 1870 verstorbene Komponist viel mehr war als nur ein das "missing link" zwischen diesen beiden Großen der italienischen Operngeschichte, kommt mit jeder Mercadante-Opern-Neuausgrabung heraus, wie sie gerade beim Festival della Valle d'Itria in Martina Franca immer wieder angesetzt worden sind, von "Il giuramento" über "Il bravo" und "Caritea, Regina di Spagna" bis jetzt zu "Pelagio"'.

Mercadantes letzte Oper: "Pelagio"
So wie "Caritea" hat auch der 1857 uraufgeführte "Pelagio" Spanien als Schauplatz, Spanien, wohin es Mercadante in den 1830er Jahren selbst verschlagen hatte, unter anderem als Leiter der italienischen Oper in Madrid. 1857 - damit steht das Stück zwischen "Les vepres Siciliennes" und der "Simon-Boccanegra"-Erstfassung bei Verdi, und nach dessen "Rigoletto"-"Troubadour"-"Traviata"-Phase. Dennoch enthält "Pelagio" auch schon Melodien, für die sich ein Amilcare Ponchielli, oder, wenn es lyrisch wird, vielleicht sogar der ganz junge Giacomo Puccini nicht hätten genieren müssen. Die Premiere in Neapel wurde denn auch ein rauschender Erfolg.

Eine Verdi-Parallele in Mercadantes Biographie: so wie Verdi nach seinen "Galeerenjahren" war auch der "späte" Mercadante kein Vielschreiber mehr. Bei ihm hatte das mit gesundheitliche Gründe: Er verlor zunächst die Sehfähigkeit auf einem Auge, danach erblindete er völlig.

Wie bei Verdi: Kraftvolle Vater-Tochter-Duette
Nach der Premiere wurde "Pelagio" bald vergessen. Bis 2005 gehörte das Werk zu den großen Unbekannten der italienischen Operngeschichte, dann setzte sich Dirigent und Musikologe Mariano Rivas für eine konzertante Wiederaufführung in Gijon in Asturien, also am Schauplatz, ein.

"Pelagio" spielt im 7. und 8. nachchristlichen Jahrhundert in Asturien, zur Zeit der Araber-Angriffe und des christlich-spanischen Widerstands gegen sie. Die Handlung gibt dem Komponisten Gelegenheit, neben großen Tableaus auch ausgedehnte Vater-Tochter-Auseinandersetzungen in Musik zu setzen, wie auch Kollege und Konkurrent Giuseppe Verdi sie liebte.

Als es in den späten 1860er Jahren um ein von den führenden italienischen Komponisten gemeinsam erarbeitetes Requiem für Gioachino Rossini ging, stand für Verdi, der die Unternehmung organisierte, Mercadante ganz oben auf der Wunschliste der Musiker, die er dafür gewinnen wollte - doch er bemühte sich bereits vergeblich um einen Beitrag des Älteren. 1870 starb Saverio Mercadante, hochgeehrt, mit einem Werkkatalog von 60 Opern, 21 Messen, vier Balletten, und jeder Menge symphonischer und Kammer-Musik: Eine Jahrhundert-Erscheinung.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Donnerstag, 22. Jänner 2009, 15:06 Uhr