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Mit Ironie zum Ziel

Die "natürliche Ordnung" infrage stellen

Auf die Straße gehen, seine Meinung artikulieren, Protest äußern: dieses demokratische Grundrecht wird heute von den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen genützt. Ihnen allen muss es zunächst um eines gehen - aufzufallen.

Bei Protestäußerungen im öffentlichen Raum sind die äußere Erscheinung der Akteure und bestimmte Symbole von Bedeutung. Nicht weniger wichtig sind aber auch taktische Konzepte.

(c) APA

Mittel und Wege der Provokation

Stören und irritieren, die "natürliche Ordnung der Dinge" infrage stellen, Bekanntes in neue, ungewohnte Zusammenhänge stellen - all das ist wesentlich, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei spielen Ironie, Verfremdung und Parodie eine große Rolle. Mit diesen Stilmitteln und deren Einsatz als Mittel des Protests hat sich die Wiener Zeithistorikerin Anna Schober näher beschäftigt.

Obwohl diese Kunstmittel eine lange, bis in die Antike zurückreichende Tradition haben, wurde ihre politische Verwendung erst sehr viel später möglich - mit der Französischen Revolution. Sie ebnete, durch eine grundsätzliche Umgestaltung des politischen Machtgefüges, erst den Weg für die Demokratie in Europa. Und es entstand dadurch erstmals eine "politische Bühne" mit neuen Akteuren und Publikum.

Politische Avantgarde

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts versuchten dann künstlerische Avantgardebewegungen in Europa, in diesem politischen Neuland zu agieren. Der Futurismus in Italien und in der Sowjetunion nahm ebenso politisch Stellung wie die Dada-Bewegung, die, mitten im Ersten Weltkrieg, in Berlin und in Zürich aktiv wurde und sich dann über ganz Europa ausbreitete.

Den Dadaisten ging es darum, die Gesellschaft samt ihrem Wertesystem, inbegriffen die konventionellen Formen der Kunst, in Frage zu stellen - durch die Zertrümmerung jeglicher Logik und Sinnfälligkeit. Montage und Verfremdung waren dabei die bevorzugten Mittel.

Dada und kein Ende

Strategien dieser Avantgarde wurden in den 1920er und 1930er Jahren von der rechten wie der linken Seite des politischen Spektrums als Agitationsmittel aufgegriffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1960er und 1970er Jahren, wurden die bewährten Stilmittel des Protestes, Ironie und Verfremdung, als Methoden der Irritation erneut interessant - vor allem für den Experimentalfilm und die so genannte Expanded-Cinema-Bewegung in Deutschland und in Österreich. Gearbeitet wurde mit einer "Schock-Ästhetik", bei der pornografische und zum Teil obszöne Bilder verwendet wurden, um gegen Faschismus und Nachkriegsmief aufzutreten.

Die Belgrader Neoavantgardisten

In den 1990er Jahren griff die Demokratisierungsbewegung in Serbien, zunächst getragen von Künstlergruppen und Studenten, ganz explizit dadaistische Formen des Protests auf. So wurde zum Beispiel Slobodan Milosevic in Demonstrationszügen als Puppe in Sträflingskleidung oder als Dinosaurier mitgeführt, und der aufmarschierenden Polizei trat man mit riesigen Spiegeln gegenüber, um diese zu zwingen, sich selber zu betrachten.

Wenn Protest stumpf wird

Durch Nachahmung und Wiederholung können sich Proteststrategien wie Ironie, Verfremdung und Parodie aber auch sehr leicht abnutzen und ihre subversive Kraft verlieren. Und es ist auch vorher nie klar, wie diese Strategien aufgehen werden, so sehr jene, die zu diesen Mitteln greifen, diese Gewissheit zu haben glauben. Daher sei es, so die Historikerin Anna Schober, wichtig, vor allem zweierlei nicht aus den Augen zu verlieren: die Unkontrollierbarkeit des öffentlichen Raums und den Austausch mit dem Publikum.

Text: Sabrina Adlbrecht · 23.02.2009

Hör-Tipp
Dimensionen, Montag, 23. Februar 2009, 19:05 Uhr

Buch-Tipps
Anna Schober, "Ironie, Montage, Verfremdung. Ästhetische Taktiken und die politische Gestalt der Demokratie", Wilhelm Fink Verlag

Meike Schmidt-Gleim, "Die Regierung der Demokratie", Passagen Verlag

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