Steigerung der Er-Lebens-Qualität
Das Architekturfestival Turn On gibt im März einen Überblick über die österreichische Architekturszene. Die Präsentationen werden durch Vorträge zum Thema Wohnen ergänzt. oe1.ORF.at hat die Vortragenden via E-Mail-Interview zu diesem Thema befragt.
Der gebürtige Niederösterreicher Franz Sam und die Tirolerin Irene Ott-Reinisch betreiben seit 2001 die ARGE sam/ott-reinisch architekten in Wien. Reinisch ist außerdem Konsulentin des Royal Government of Bhutan. Im Rahmen von Turn On präsentieren sie ihre Eissporthalle in St. Pölten sowie die Musikschule in Waidhofen an der Ybbs: "Die Formfindung für die beiden Projekte und die daraus resultierenden Folgen in der weiterführenden Planung und Umsetzung haben den bisher gewohnten Rahmen - auch wenn wir uns in unserer bisherigen Zusammenarbeit schon immer an anspruchsvolle konstruktive und formale Aufgaben mit heterogenen Nutzungen herangewagt haben - bei weitem gesprengt."

Innenansicht der Eishalle in St. Pölten.
oe1.ORF.at: Gebaute Strukturen sind stets auch Ausdruck gesellschaftlicher Wirklichkeiten - auf der Mikroebene des Wohnungsgrundrisses ebenso wie auf der Makroebene der Stadtplanung. Welche Konzepte beobachten Sie augenblicklich in diesen Bereichen, und welche Entwicklungen interessieren Sie - sowohl national als auch international - besonders?
Irene Ott-Reinisch: Da ich derzeit in Asien tätig bin, haben mich in letzter Zeit vor allem verdichtete und extrem verdichtete Strukturen interessiert. Je mehr Verdichtung passiert, desto komplexer werden naturgemäß die Strukturen und desto größer erscheint auf den ersten Blick der organisatorische Aufwand.
Franz Sam: Durch meine Tätigkeit als Vorsitzender des Gestaltungsbeirates für (öffentlichen) Wohnbau in Niederösterreich, sind es Beobachtungen auf der Mikroebene, welche langsame Veränderungen in Richtung Steigerung der Er-Lebens-Qualität der gebauten Strukturen erkennen lassen. Mein allgemeines Interesse an Wohnbauentwicklungen fokussiert sich auf die umfassende Gewinnung des Mehrwertes von Architektur innerhalb der möglichen Bedingungen.
Welche Entwicklungen erhoffen Sie?
Ott-Reinisch: Mit Blick auf Ressourcenschonung wäre es interessant "japanische Verhältnisse" zu studieren und bei uns zu probieren, extrem reduziert, extrem verdichtet und dennoch bis zu einem gewissen Punkt extrem individuell.
Sam: Dass es gelingt, die Nutzer zu sensibilisieren oder zu überzeugen, dass (gute) Architektur gesund ist. Dann würden diese nämlich dazu übergehen, den mit Masse gebauten (Wohnbau-)Mist liegen zu lassen und das bessere Produkt bevorzugen zu beginnen.
Kann Architektur Antworten auf soziale Herausforderungen, wie Migration und Integration geben? Können Sie je ein aus Ihrer Sicht gelungenes und misslungenes Beispiel nennen?
Ott-Reinisch: Wahrscheinlich schon, ich bezweifle allerdings, dass für eine korrekte Zugehensweise unser Informationsstand ausreicht. Um für diese Fragen bauliche Lösungen zu finden, sollte in gemischten Teams gearbeitet werden.
Sam: Es ist vorstellbar, setzt jedoch einen stark soziologisch orientierten Entwurfsinhalt voraus, welcher unter den Nutzern nicht immer die erwarteten, wie erwünschten Verhaltensmuster freisetzt.
In den 1980er und 1990er Jahren wurden plakative "Themenstädte" - von der Stadt der Frauen bis zur autofreien Stadt - forciert. Wie beurteilen Sie rückblickend diese Versuche, ideale Wirklichkeiten unter Laborbedingungen herzustellen?
Ott-Reinisch: Im Übergangsbereich von einigermaßen klaren und geregelten Lebensverhältnissen zu immer schnellerer Veränderung, sehen Themenstädte und deren ideologischer Background für mich "alt" aus. Da sich auch die eigenen Lebensumstände wesentlich rasanter und mittlerweile auch eigenbestimmt ändern können, müsste ein Stadtkörper aus meiner Sicht flexibel sein und verschiedenen Lebensstadien Platz und Möglichkeiten bieten. Gewachsene Städte können das in der Regel.
Sam: Der Versuch im kleinen wie auch großen Stil ist immer zu befürworten. Je anonymer jedoch die Nutzer, oder radikaler die Konzepte sind, desto flexibler sollten die Adaptionsmöglichkeiten der gebauten Einheiten sein.
Die jüngste Energiekrise hat die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern eindringlich ins Bewusstsein gerückt. Wie wichtig ist das Thema der Energieeffizienz für Sie und welche Auswirkungen hat es auf Ihre Architektur?
Ott-Reinisch: Ich war immer schon interessiert an sparsamem Einsatz von Ressourcen, distanziere mich jetzt aber mehr denn je vom etikettierten und instrumentalisierten Energiesparen bei den Häusern alleine. Vor dem Hintergrund gesellschaftlich und kulturell sehr unterschiedlicher Lebensbedingungen erscheint mir die Debatte um noch bessere Energiewerte manchmal wie eine Männerdiskussion über Motoren und Autos.
Sam: Es ist für mich so wichtig, wie es das in der Vergangenheit schon immer war, nämlich ausreichenden Schutz vor Kälte und Sonne sicherzustellen. Wohnungen allerdings ausschließlich durch ein verzinktes Stahlrohr mit 15 Zentimeter Durchmesser zu beatmen, wie das bei Passivhausbauten unabdingbar der Fall scheint, lehne ich ab. Natürliche Verknüpfung von Innen- und Außenraum ist für Wohnbau wichtig.
Wie schätzen Sie das heute sehr aktuelle Thema der Nachhaltigkeit oder auch das Thema der Sanierung in der Architektur generell ein?
Ott-Reinisch: Wir stellen fest, dass die meisten Menschen die Häuser der Eltern nicht mehr bewohnen wollen und ganz generell ist die Benützungsdauer der Häuser kürzer geworden. In diesem Sinne sollte man als Architekt beziehungsweise Architektin deswegen darauf achten, dass ein Haus nach einer gewissen Zeit auch wieder sinnvoll "zerlegbar" ist. Dass ein solches Haus deshalb eine "Kiste" sein muss, finde ich allerdings nicht unbedingt. Sanierung könnte eine spannende Sache werden, man müsste sie aber mit einer gewissen kraftvollen Rücksichtslosigkeit angehen, um zeitgemäße Lösungen zu finden. Bei manchen städtebaulich nicht wertvollen Objekten, finde ich, lohnt sich der Aufwand nicht.
Sam: Würde man alle Gesetze Normen und Standards einhalten, die Kunst des Hochbaudetails beherrschen und das Ganze in gute Architekturbauwerke einbinden, entstünde von alleine ein mehrfach qualitatives wie langlebiges Objekt, dass sich auch in 20 Jahren problemlos umnutzen oder umbauen ließe.
Das Thema Wohnbau ist ein brisantes und wird in Wien besonders auch von politischer Seite sehr forciert. Wie sehen Sie das Thema Wohnbau - architektonisch, politisch, im Rahmen Ihres Werkes und Ihrer Auseinandersetzung?
Ott-Reinisch: Wohnbau ist spannend und herausfordernd, die Rahmenbedingungen lassen zur Zeit aber kaum Umsetzungsmöglichkeiten zu. Wir haben uns im Büro manchmal an Wohnbauten und städtebauliche Fragen herangewagt, bisher aber noch keine Wohnbauprojekte umgesetzt. Das lag wahrscheinlich vor allem an unserer Serie von Sonderbauten, die wegen der vielen Sonderlösungen keine Zeit für grundsätzliche Herangehensweisen ließen. Die sind aus meiner Sicht aber Voraussetzung für die baulichen Gesamtkonzepte.
Sam: Politik sollte möglichst breite offene Rahmenbedingungen schaffen, welche durch die besten verfügbaren Fachkräfte gesetzt und beobachtet werden sollten, um die fehlende Rolle des persönlich positiv mitagierenden öffentlichen Auftraggebers substituieren zu können. Die Verwendung der Fördermittel im Hinblick auf das Erreichen der angestrebten Gesamtqualität ist zu kontrollieren.
Welche Wohnform bevorzugen Sie selbst?
Ott-Reinisch: Abwechselnd städtisch dicht und dann so einsam wie möglich. Das klassische Haus im Grünen war nie eine Wunschvorstellung von mir, vielleicht habe ich auch deshalb noch nie ein Einfamilienhaus errichtet.
Sam: Räume in Bauwerken, welche zugleich mit Innen- und Außenraum mehrfach kommunizieren können. Ob das im x-ten Stock oder mit Wiese vor dem Zimmer ist, ist dabei nicht entscheidend.
Bei Turn On sind Sie mit Eishalle und Veranstaltungssaal Waidhofen vertreten. Was war für Sie zentral an dieser Arbeit und wie fügt sie sich in Ihr Schaffen ein?
Ott-Reinisch: Die Auseinandersetzung mit Sonderlösungen hält uns in Schach. Bei der Eishalle durfte man wie man wollte und beim Schulzentrum musste man verdichten, bis japanische Verhältnisse erreicht waren. Also in beiden Fällen Sonderumstände.
Sam: Beide Bauwerke sind als Sonderbauwerke Beispiele für Formgenese, welche aus Erfordernissen der inneren Nutzung heraus begründet wird.
25.02.2009
Links
Turn On
Radiokulturhaus - Turn On Architekturfestival
sam ottreinisch