"Eine sehr lange, harte Zeit"
Internet- und Unterhaltungselektronik-Unternehmen haben in den letzten Monaten hunderttausende Mitarbeiter entlassen. Manch einer fühlt sich an den Zusammenbruch der Web-Wirtschaft Anfang des Jahrzehnts erinnert. Insider sehen wichtige Unterschiede.
Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Technologie-Konzern eine neue Kündigungswelle verkündet. Das Online-Magazin "Techcrunch" geht davon aus, dass die High-Tech-Branche seit dem letzten Sommer insgesamt 300.000 Stellen abgebaut hat. Selbst bei Börsenlieblingen, wie dem Suchmaschinenkonzern Google, gibt es plötzlich Stellenstreichungen.
"Man glaubt, dass es eine sehr lange, harte Zeit sein wird", erklärt der in San Francisco lebende Online-Journalist Paul Boutin zur derzeit in der Branche vorherrschenden Stimmung. Besonders nervös ist man im Silicon Valley - der kalifornischen High-Tech-Schmiede im Großraum von San Francisco, die Firmen wie Yahoo, Google und Facebook beheimatet.

Ein wesentlicher Grund für dieses Unbehagen ist, dass sich hier viele noch an die letzte Krise erinnern können. Anfang des Jahrzehnts gingen zahlreiche Internet-Unternehmen nach einer von explosionsartigem Wachstum dominierten Periode Ende der Neunziger plötzlich pleite. Allein im Silicon Valley wurden damals rund 200.000 Mitarbeiter entlassen.
Insider glauben jedoch, dass die derzeitige Krise nicht mit dem damaligen Zusammenbruch verglichen werden kann. So weiß der Dotcom-Unternehmer Philip Kaplan zu berichten, dass es damals einfach zu viele Unternehmen mit unsoliden Geschäftsmodellen gegeben habe. "Leute kamen zu mir und sagten Sachen wie: Wir haben uns eine Millionen Dollar Startkapital organisiert, und wir werden Stifte online verkaufen", erinnert sich Kaplan.
Die Internet-Wirtschaft hat nach Meinung vieler aus der damaligen Krise gelernt. Gerade diese Lektion führe jedoch dazu, dass jetzt so viele Mitarbeiter entlassen werden, um Kosten zu sparen, glaubt Kaplan. "Die Branche ist definitiv dieses Mal offensiver", so seine Einschätzung. "Einfach, weil wir uns alle an 2000 erinnern können, und niemand plötzlich ohne Geld da stehen will."
Gleichzeitig ist vielen Insidern klar, dass diese Krise weit weniger mit der Branche selbst zu tun hat als der Zusammenbruch Anfang des Jahrzehnts. "Der Unterschied ist, dass es damals einen bestimmten Teil einer bestimmten Branche betraf", erklärt Boutin. "Heute gibt es Krisen in so vielen verschiedenen Bereichen der Wirtschaft. Hypotheken, Produktion, Auto-Verkäufe."
Viele Internet-Unternehmer erwarteten deshalb, dass diese Krise viel länger dauern werde. Boutin dazu: "In den USA glaubt man derzeit, dass jeder möglicherweise für eine sehr lange Zeit arbeitslos sein könnte."
08.03.2009
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 8. März 2009, 22:30 Uhr