Was bedeutet das Internet für die Gesellschaft?

Die Erkundung der Online-Gesellschaft

Es wurde vor 20 Jahren entwickelt, um wissenschaftliche Dokumente leichter verfügbar zu machen und dient mittlerweile Menschen in aller Welt als Werkzeug zum Arbeiten und für die Freizeit: das World Wide Web. Doch was ist es eigentlich?

Das World Wide Web ist innerhalb von nicht einmal 15 Jahren zu einer Technologie geworden, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Sie hat die Art der Informationsbeschaffung und die Kommunikation, die Zusammenarbeit, das Pflegen von sozialen Beziehungen, die Arbeit, die Wirtschaft, die Kriminalität, internationale Beziehungen und Bedrohungen wesentlich verändert.

Was das für die Gesellschaft bedeutet, was für gesetzliche Bestimmungen oder neue technische Lösungen, und warum das World Wide Web so massive Auswirkungen in so kurzer Zeit haben konnte, sind Fragen, die viele Bereiche von Forschung und Entwicklung beschäftigen.

Da viele dieser Fragen nicht nur von einer Disziplin oder aus einem Blickwinkel beantwortet werden können, haben Pioniere des World Wide Web die Web Science Research Initiative WSRI gegründet, die eine neue wissenschaftliche Disziplin befördern möchte. Vergangene Woche fand die erste Web Science-Konferenz in Athen statt.

WWW statt Arbeitsfrust

Sir Tim Berners-Lee, britischer Staatsbürger, Professor an der University of Southampton und Direktor des World Wide Web Konsortiums, hat vor zwanzig Jahren am Forschungszentrum CERN in Genf das World Wide Web erfunden, das mit einer einzigen Seite startete und mittlerweile schätzungsweise 15 Milliarden Seiten hat.

Das Web hat sich zu einem unglaublichen Werkzeug für alle Aspekte des Lebens entwickelt, dabei wollte Tim Berners-Lee ursprünglich nur ein praktisches Werkzeug für sich und seine Wissenschaftler-Kollegen schaffen, um das Problem unterschiedlicher Dokumentenformate, Programme und Betriebssysteme zu lösen.

Verlinkte Dokumente

Dieses einheitliche Informationssystem, das Tim Berners-Lee in den Sinn kam, sollte alle Dokumente in einem einheitlichen System versammeln, außerdem sollte es Referenzen zwischen den Dokumenten geben, also Links. Die Idee für HTTP, das Hypertext Transfer Protocol, und HTML, die Hypertext Markup Language, war geboren.

Ein Jahr später hatte Tim Berners-Lee die Gelegenheit, am CERN dieses System zu realisieren, die Software zu schreiben, einen Webbrowser zu entwickeln und einen Server dafür aufzusetzen. Andere Wissenschaftler an anderen Orten nützten dieses System ebenfalls und schickten Tim Berners-Lee die Adressen ihrer Dokumente, die er auf einer Website sammelte, damit sie verlinkt werden konnten.

Innerhalb von nur vier Jahren wurde das Web von der Allgemeinheit entdeckt und für Informationsbeschaffung weit über den wissenschaftlichen Bereich hinaus verwendet. Der Rest ist Geschichte. Heute gibt es so viele Websites, wie das menschliche Gehirn Neuronen hat, und das Web wächst und wächst immer weiter.

Das Web ändert alles

Das World Wide Web hat die Gesellschaft massiv verändert. Neue Anwendungen, neue Plattformen und neue Sites geben diesen Veränderungen immer wieder neuen Schwung und eine neue Richtung. Web Science sei deshalb sehr wichtig, um zu erforschen, was die neuen Web-Technologien für die Gesellschaft bedeuten, sagt Dame Wendy Hall, Professorin für Computerwissenschaften an der University of Southampton, Präsidentin der Association for Computing Machinery und eine der Gründerinnen der Web Science Research Initiative.

"Als wir auf die Idee kamen, dass man eine Wissenschaft des Webs braucht, sprachen wir darüber, wie sich das Semantic Web - oder das Web der verlinkten Daten, wie wir es nennen - entwickeln würde. Wir fragten uns, was Firmen und Regierungen dazu bringen würde, ihre Daten in standardisierter Form zur Verfügung zu stellen, sodass diese wie Dokumente im Web verlinkt werden können. Wir stellten fest, dass wir die Antworten auf diese Fragen nicht wissen, und dass wir das Web nicht wirklich verstehen. Der Grund dafür ist, dass es nicht nur eine Technologie ist. Die Menschen sorgen dafür, dass das Web wächst, und das menschliche Verhalten kann man nicht vorhersagen - zumindest nicht in einer exakten Wissenschaft wie der Informatik.", so Wendy Hall.

Mehr als die Summe aller Teile

Dass eine neue Disziplin für die Erforschung des Webs nötig ist, davon ist auch Jim Hendler überzeugt, der Computerwissenschaftler am Rensselaer Polytecnic Institute im US-Bundesstaat New York ist und einer der Begründer des Semantic Web und stellvertretender Direktor der Web Science Research Initiative.

"Wir sehen es so, dass die Summe aller Wissenschaftler, die sich mit dem Web beschäftigen, viel zu groß wäre, die Überschneidungsbereiche aber viel zu klein wären. Es wird wohl so sein, dass sich im Laufe der Zeit ein neuer Kern an Wissenschaftlern herausbildet, die aus verschiedenen Bereichen kommen und dieses neue Feld entwickeln. Es ist egal, ob man das dann eine Disziplin, eine Wissenschaft oder was auch immer nennen wird. Es war sehr schwer, einen Namen dafür zu finden, und ich glaube, ich war der erste, der den Begriff Web Science vorschlug. Wir haben entschieden, den Fokus auf dem Web zu halten, weil es so große Bedeutung für die Welt erlangt hat. Wenn man das Web morgen abschalten würde, dann wäre das so, als ob man den Strom abschalten würde oder es plötzlich kein Benzin mehr gäbe. Die meisten Leute könnten ihre Arbeit nicht mehr machen ohne das Web. Was das Web zerstören könnte, wissen wir jedoch nicht. Wir müssen lernen, das Web zu verstehen - nicht nur, wie man eine Website macht, sondern wie das ganze Ding funktioniert und welche Auswirkungen es auf die Gesellschaft hat."

Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 29. März 2009, 22:30 Uhr

Links
Web Science Konferenz Athen
WSRI
World Wide Web Foundation
Tim Berners-Lee
Jim Hendler
Wendy Hall

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