An der Schwelle von Europa zu Asien

Im vierten Teil der Reihe Sonic Zones brechen wir mit Anna Ceeh und Franz Pomassl von Laton zu einer musikalischen Wanderung entlang des Uralgebirges auf. Die Reise durch die Zeitzone +5 führt an der Schwelle von Europa zu Asien entlang.

Sonic Zones Teil 4 zum Nachhören

Das gesamte Jahr über jeweils einmal im Monat laden Anna Ceeh und Franz Pomassl von Laton Musikerinnen und Musiker aus dem postsowjetischen Raum in ihren Club "Zone" in der Wiener Secession. Gipfeln wird diese Veranstaltungsreihe schließlich in der Veröffentlichung des Buches "Sonic Zones", das Ende des Jahres erscheinen soll.

Zeit-Ton bringt jeweils im ersten Zeit-Ton Magazin des Monats und parallel dazu auf oe1.ORF.at die Vorlese. Über insgesamt elf Zeitzonen spannt sich das Territorium der ehemaligen UdSSR, beginnend in der Zeitzone +2. Die Reise durch die Zeitzone +5 führt an der Schwelle von Europa zu Asien entlang.

Auf den Spuren von Polivoks

Den ersten Reisestopp legen wir in Jekaterinenburg ein, in der Geburtsstadt des legendären Polivoks-Synthesizers, der, wie Anna Ceeh und Franz Pomassl erzählen, eigentlich ein Nebenprodukt der Weltraum- und Waffentechnologieforschung sei. Auch heute noch seien die Produktionsstätten, in denen er gefertigt wurde, nur für Eingeweihte zugänglich. Die meisten Menschen in Jekaterinenburg würden nicht einmal wissen, dass der Polivoks-Synthesizer in ihrer Stadt gefertigt wurde. Diese Informationen, so Anna Ceeh, die auch soeben an ihrer Dissertation zum Thema russische Synthesizer arbeitet, würden nur die finden, die so wie sie offensiv danach suchen.

Legendärer Synthesizer
Gebrauch fand der Polivoks-Synthesizer zuerst einmal in diversen populären Musikformen. Erst in den 1990er Jahren, als er dort weitgehend ausgedient hatte, führt Franz Pomassl aus, entdeckten ihn schließlich die Elektronikmusikerinnen und Elektronikmusiker.

"Die Situation ist also vergleichbar mit jener im Westen", so Franz Pomassl. "Die ersten Drum-Machines wurden von kommerziellen Musikbands als Schlagzeuger-Ersatz eingesetzt. Im Techno standen diese Maschinen dann, entgegen ihrem ursprünglichen Verwendungszweck, im Zentrum und prägten die Sound-Charakteristik von Techno. Ähnlich verlief auch die Geschichte im postsowjetischen Raum."

Verwirrspiel mit LLAC

Eine Musikformation, die unter anderem auch den Polivoks-Synthesizer verwendet, ist die Band LLAC, die es versteht für Verwirrung zu sorgen. "Manchmal klingen LLC komplett chaotisch, manchmal greifen sie eins zu eins den neuesten Trend aus London auf", erläutert Franz Pomassl, "im Zentrum steht stets die Verwirrungstaktik.

Nahe der kasachischen Grenze

Auch die russische Stadt Tscheljabinsk nahe der Grenze zu Kasachstan ist eine Geburtsstätte, die Geburtsstätte der Stalinorgel nämlich, so nannte man einen im Zweiten Weltkrieg entwickelten Mehrfachraketenwerfer, weil die Anordnung der Raketen an eine Orgel erinnerte, und dieser Mehrfachraketenwerfer beim Abschießen der Raketen ein pfeifendes Geräusch von sich gab.

Tscheljabinsk ist aber auch die Heimat von Oleg Semenovyh und seinem Label Dars Records, das Musikerinnen und Musiker sowohl aus den diversen Winkeln der ehemaligen Sowjetunion als auch aus dem Westen zusammenführt. Und Oleg Semenovyh ist einer jener wenigen, führt Franz Pomassl weiter aus, die über einen längeren Zeitraum hinweg auf ihren Internetseiten neue Alben besprechen.

"Nachwuchs-Produzenten, die Oleg Semenovyh ihre neuen Alben schicken, werden durch die mediale Dynamik seines Blogs schnell überregional bekannt", verrät Pomassl.

Deficit in Taschkent
Zum Abschluss unseres Streifzugs durch die Zeitzone +5 dringen wir noch ein Stück weiter in den Süden vor. In Usbekistan würde es dann kaum noch experimentelle elektronische Musik geben, so Anna Ceeh.

"Alles was dort experimenteller als Techno ist, klingt für die Leute in Taschkent wie Musik vom Mars. Es gibt bereits eine aktive Videoszene, demgegenüber befindet sich die elektronische Musikszene wirklich noch in ihrer Anfangsphase. Die Entwicklung die man dort beobachten kann ist überhaupt für den postsowjetischen Raum typisch. In den 1990er Jahren gab es einen gewissen Aufschwung, dann kamen Finanz- und Wirtschaftskrisen, danach gab es wieder eine ruhige Phase, die überging in eine Zeit des Konsums, in der nun nur wenige eine Gegenkultur aufbauen wollen", so Ceeh.

Anna Ceeh und Franz Pomassl suchen nach diesen Wenigen und finden sie auch. In Taschkent haben sie einen Kulturaktivisten und Elektronikmusiker ausfindig gemacht, der sich - wie geschaffen für diesen Beitrag - Deficit nennt. Sein erstes Album trägt, ebenfalls sehr passend, den Titel "Introduction".

Hör-Tipp
Sonic Zones, die Vorlese, jeweils im ersten Zeit-Ton-Magazin des Monats

CD-Tipps
VA, "Melodia", Latona 001

Ili, "Ask Me What Is It", Dars Records (RU) DR04CD

Deficit (aka Vyacheslav Ismagilov), "Introduction...", AudioTong online release, tng1017

Veranstaltungs-Tipp
Club Zone mit Zavaloka, Kritchev vs Ban, Valera Chemadurau, Dabelka, Mr. Belk und Anna Ceeh, Freitag, 17. April 2009, 19:00 Uhr, Wiener Secession

Links
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