Zwei Uraufführungen beim Osterklang-Festival
Ein zweites letztes Abendmahl
Ein Schwerpunkt des heurigen Osterklang-Festivals ist zeitgenössischer Musik gewidmet. Erstmals wird in Österreich Harrison Birtwistles Oper "The Last Supper" aufgeführt - dabei geht es um eine spannende Neuauflage des letzten Abendmahls.
8. April 2017, 21:58
Harnoncourt, Sauseng, Hermann im Interview
Im hohen, langgestreckten Raum des Semper-Depots probt Walter Kobéra gemeinsam mit dem Ensemble und Regisseur Philipp Harnoncourt "The Last Supper" von Harrison Birtwistle. Die Bühne vermittelt Bunker-Atmosphäre. Das Werk, das hier am Samstag, 4. April 2009 in Kooperation mit der Neuen Oper Wien seine österreichische Erstaufführung erleben wird, zeigt eine Neuauflage des folgenreichsten Abendessens in der Geschichte des Abendlandes. Und, wie beim englischen Komponisten nicht anders zu erwarten: "The Last Supper" ist komplex und ausgefeilt.
"Wir haben hier nur scheinbar eine Kammeroper vor uns", gibt Kobéra zu bedenken. "Denn der Aufwand ist ziemlich groß. Wir haben ein 33-köpfiges Musikerensemble und dazu gesellt sich eine große Anzahl von Solisten. Die Chorpassagen sind vor-aufgenommen und werden zugespielt. Dazu kommen gesprochene Texte. Das bringt große Komplexität in die Partitur." Birtwistle arbeite mit etlichen Ebenen: "Die machen es für den Zuhörer sehr interessant, allerdings für den Ausführenden schwierig".
Emotionelle Partitur
"The Last Supper" sei eine sehr emotionelle Partitur, manchmal sehr eruptiv, aber auch mit lyrischen Passagen, so Kobéra. Birtwistles Oper bringt eine spannende Versuchsanordnung auf die Bühne: Nach 2.000 Jahren treffen sich die Jünger Jesu noch einmal zum Abendmahl. "Während dieses Abendmals kommt es zu verschiedenen Elementen, die schon vor 2.000 Jahren passiert sind", erläutert Philipp Harnoncourt. "Es kommt auch zu einer Fußwaschung, bei der auf eine rituelle Weise Jesus versucht, die Jünger von dem Dreck, der sich symbolisch an den Füßen der Jünger gesammelt hat, zu reinigen."
Zur Sprache kommen dabei Verbrechen, die mit der christlichen Kirche in Verbindung gebracht werden. Ist "The Last Supper" ein kirchen- oder ein religionskritisches Stück? "Es ist sicher ein kirchenkritisches Stück", sagt Harnoncourt. "Es ist aus einem starken religiösen Bewusstsein und Verständnis heraus geschrieben. Ich finde es aber mindestens ebenso interessant, es als religionskritisch zu sehen. Es stellt die Frage, was Menschen überhaupt mit einer Religion anfangen können, welche es auch sei."
Nachtstück und Totentanz
Auch zwei Uraufführungen gibt es beim Osterklang: Helmut Jasbar präsentiert als Komponist und Textdichter sein sogenanntes "Nachtstück" mit dem Titel "Es ist Freitag und Gott ist nicht da". Uraufführung ist am kommenden Dienstag im Wiener Konzerthaus.
Für den Karfreitag - an dem ja bekanntlich des Kreuztodes Jesu Christi gedacht wird - ist ein Werk mit dem Titel "Totentanz" angesetzt. Komponiert hat diesen Totentanz Wolfgang Sauseng auf ein Libretto von Wolfgang Hermann.
Ein Reigen Todgeweihter
Ein Totentanz ist die bildliche Darstellung der Gewalt des Todes über das Menschenleben - gemalt auf Kirchen- oder Klosterwände. Ein Reigen von Todgeweihten, die ihren letzten Tanz vollführen und der Tod hält sie an der Hand. Die strenge Abfolge von Tod und Todgeweihten spiegelt sich auch in der Komposition wider.
Librettist Wolfgang Hermann hat den mittelalterlichen Figurenkanon aktualisiert - der Tod ist ein Trafikant, der Figuren wie etwa eine Maus im Tretrad ins Jenseits holt. Ein Mensch von heute? "Ja. Das ist für mich ein Verzweifelter. In der modernen psychiatrischen Sprache würde man vielleicht von einer Neurose sprechen. In einer anderen Kultur ist so ein Mensch vielleicht ein Erleuchteter", so Hermann. Alles liege nur an der Perspektive, aus der man die Dinge sehe.
Überraschungen vorprogrammiert
Diese Maus im Tretrad wird in Sausengs "Totentanz" als erstes vom Tod geholt. Dargestellt wird sie vom Dirigenten Johannes Hiemetsberger, Auftraggeber des Stückes und Leiter des Chorus sine nomine.
Auch die Instrumentalisten - das Ensemble Amarcord - werden im wörtlichen Sinne des Wortes eine Rolle spielen. Alles möchte Sauseng noch nicht verraten. Nur so viel: "Die Aufführung beginnt als normales Konzert und wird dann ein bisschen entgleisen. Und die wunderbaren Musiker von Amarcord werden natürlich zum Tanz aufspielen."
Hör-Tipps
Intrada, Freitag, 3. April 2009, 10:05 Uhr
Mittagsjournal, Samstag, 4. April 2009, 12:00 Uhr
Links
Osterklang
Neue Oper Wien
