Einen Schritt hinter dem Berg

Anna Ceeh und Franz Pomassl von Laton haben das große Musikterritorium des postsowjetischen Raum bereist. Am Sonntag, 24. Mai, laden sie ins Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste zu einem Abend mit "Future Sounds of 'North Asia'".

Sonic Zones Teil 5 zum Nachhören

In Nowosibirsk, erzählt Anna Ceeh, markiert eine Kirche den Mittelpunk von Russland. Dort befindet man sich geographisch gesehen also genau im Zentrum, und doch sei unmittelbar klar, dass man eben schon knapp hinter dem Berg sei, hinter dem Ural nämlich, hinter jenem Gebirgszug, der die Grenze zwischen Europa und Asien definiert. Moskau und St. Petersburg, jene beiden Städte, die das eigentliche gesellschaftliche Zentrum Russlands bilden, sind rund 4.000 Kilometer entfernt.

"Diese riesengroße Fläche gleich hinter dem Uralgebirge ist dünn besiedelt", erzählt Ceeh. "Es gibt nur ein paar wenige große Städte, dazwischen ist Taiga, Tundra, Steppe und Wüste. Das Leben in diesem Gebiet ist anders, härter. Es gibt schon eine elektronische Club-Szene, aber interessante Projekte sind rar, nach denen muss man wirklich suchen."

Novosibirsk vs. Akademgorodok

Den ersten Stopp legen wir in Nowosibirsk ein, beziehungsweise im 20 Kilometer entfernten Akademgorodok, einer Satellitenstadt die in der Sowjetzeit aus dem Boden gestampft wurde, um dort die klügsten Köpfe des Landes aus Wissenschaft und Forschung zu versammeln und im technologischen Wettkampf mit dem Westen ins Rennen zu schicken.

"Die Leute in Akademgorodok sind anders als die in Nowosibirsk", sagt Ceeh. "Es sind die Kinder eben dieser Wissenschaftler, und sie sind feinsinniger, differenzieren mehr. Die Clubs dort sind nicht so kommerziell. Trotzdem wollen sie alle raus, in die sibirische Großstadt, während die Musikerinnen und Musiker aus Nowosibirsk wiederum lieber in Akademgorodok auftreten."

Kinder der Perestroika
Seit rund zehn Jahren ist nun auch in Nowosibirsk und dem nahe gelegenen Akademgorodok eine Szene experimentierfreudiger elektronischer Musik am Wachsen, und sie haben seit der ersten Stunde diese maßgeblich mitgestaltet: Maria Aleynikova und Denis Yashin, gemeinsam bilden sie das Duo Belki. Aleynikova und Yashin sind beide Mitte 20, erzählen Pomassl und Ceeh, und damit Kinder der Perestroika und der Internet-Generation, die die Sowjetunion vor allem aus Erzählungen kennen und der westlichen Kultur mit einem offenen und neugierigen Blick begegnen.

"Es hat sie aber auch die Trägheit Sibiriens frustriert. Und Moskau und St. Petersburg waren für die beiden viel zu weit entfernt, eben rund 4000 Kilometer, das sind vier Stunden Flugzeit oder vier Tage Zugsreise", so Ceeh. "Kommt man aus Sibirien, dann lädt einen niemand nach Moskau oder St. Petersburg ein, die Tickets sind einfach zu teuer. Jemanden etwa aus Berlin einfliegen zu lassen ist für die dortigen Veranstalter viel billiger."

Belki haben den Absprung geschafft, sind Anna Ceeh und Franz Pomassl nach Wien gefolgt, und studieren dort derzeit an der Akademie der bildenden Künste, - unter anderem bei Pomassl selber, dem Begründer und Betreiber des Sound Studios. Und im monatlichen Club Zone von Laton legen Belki als Resident DJs auf.

Unentdeckter Pionier
Den zweiten Halt bei unserer Reise durch die Zeitzone +6 legen wir im kasachischen Almaty ein, in der Heimatstadt von Vadim Ganzha, einem der unentdeckten Pioniere der elektronischen Musik, wie Franz Pomassl meint. Bereits in den 1980er Jahren hat Ganzha damit begonnen, sich erste elektronische Instrumente zu bauen, gewissermaßen aus einer Not heraus, nachdem er zu den bereits existierenden keinen Zugang hatte.

Ganzha veranstaltete auch den ersten Diso-Club in Kasachstan, für den er sich ebenfalls alles nötige, inklusive Tonanlage und ein Instrumentarium für die Lightshow selber kreierte. "Erzählungen zu Folge muss das ein derart individueller Disco-Wahnsinn gewesen sein", erzählt Pomassl, "dass er nicht zuletzt auch wegen dieser Innovationen heute noch im Gespräch und Kult ist."

Homo Sowjeticus
Seit den späten 1970er Jahren folge der 1954 Geborene unbeirrt seinem Weg, so Ceeh weiter. Für sie würde Ganzha gewissermaßen den "Homo Sowjeticus" verkörpern: "Diese Lebensart, in irgendeinem Hinterstübchen von früh bis spät an irgendetwas zu bauen, sich nur auf das zu konzentrieren und vor allem anderen die Augen zu verschließen, das ist sehr sowjetisch. Vadim Ganzha läuft keinen Modetrends hinter her, sondern geht eben seinen eigenen Weg. Er lebt so, wie früher die Individualistinnen und Individualisten in der Sowjetunion gelebt haben."

Hör-Tipp
Sonic Zones, die Vorlese, jeweils im ersten Zeit-Ton-Magazin des Monats

Veranstaltungs-Tipps
Club Zone mit Wall-To-Wall, Zenial, AGGTELEK, Belki (Dabelka, Mr. Belk), Anna Ceeh und Surprise Guests, Freitag, 22. Mai 2009, 19:00 Uhr, Wiener Secession

The Future Sounds of North Asia im Asian Village der Wiener Festwochen mit Antiphodes, Park Modern, Albert Rivkin, Vadim Ganzha und Belki (Dabelka, Mr. Belk), Sonntag, 24. Mai 2009, Haus der Bildenden Künste, Semper Depot

Links
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