Ein Lamento in 3.000 Zeichen
Also gut, 3.000 Zeichen. Und keines mehr. Ich trau‘ mich hier eh nichts mehr zu schreiben. Weil’s dann gleich wieder heißt, ich sei insistierend, räsonierend, dozierend oder sonst was Ierendes. Was mich als moralisch angreifbares Wesen natürlich irritiert.
Naja gut, zugegeben: Selbstverständlich bin ich der festen Überzeugung, alles besser zu wissen als alle anderen. Naturgemäß. Das gehört ja zum Besserwissen dazu, dass man auch weiß, dass man besser weiß. Logischerweise.

Ich bin ja keine Maschine und kein Roboter.
Ich meine... Stellen Sie sich vor, Sie reden mit einem Kindergartenkind über, sagen wir, die Grundrechnungsarten. Dann wissen Sie auch, hoffentlich, dass Sie das besser wissen. Eben. – So ähnlich geht’s mir mit allen Leuten bei allen Themen.
Im Übrigen verstehe ich die Aufregung darüber nicht. Die anderen glauben ja auch alle, alles besser zu wissen als alle anderen. Mir kam jedenfalls noch keiner unter, der das nicht geglaubt hätte. Der einzige, kleine Unterschied ist doch, dass es bei mir zutrifft, bei den anderen halt nicht. Nicht zutreffen kann. Weil es ja – nach den Gesetzen der Logik – nur einen geben kann, der alles besser weiß als alle anderen. Naturgemäß.
Naja, in irgendeinem Paralleluniversum könnt’s wohl einen zweiten geben. Aber in einem Universum eben nicht.
Im Übrigen hab‘ ich mir das nicht ausgesucht. Wahrlich nicht, das können Sie mir glauben. Im Gegenteil, ich sehne den Tag herbei, an dem ich, und sei’s nur probeweise für ein Viertelstündchen, nichts weiß. Das muss rein herrlich sein. Man lebt lustig in den Tag hinein, man ist unbedarft, fröhlich und sorgenfrei. Wie ein junger Hund auf der sonnigen Wiese. Ich beneide jeden, dem das gegeben ist.
Sie müssen sich ja meine Situation vorstellen: Als Einziger, der alles besser weiß als alle anderen, lebe ich ja in völliger Einsamkeit. Ich finde meinesgleichen nicht. Nirgendwo. Als Einziger meiner Art falle ich der absoluten Vereinsamung anheim. Glauben Sie mir: Das ist nicht lustig. Überhaupt nicht.
Ich hab’s ja auch schon mit Verstellung probiert. Also so getan, als wüsste ich irgendwas nicht besser als alle anderen. Hab‘ ich ehrlich versucht, mehrfach. Aber das funktioniert natürlich nicht.
Man kann das eigene Besserwissen ja nicht abschalten. So, wie man einen Staubsauger oder einen Handmixer abdrehen kann. So, dass der in der Ecke ruht, bis man ihn bei Gelegenheit wieder einschaltet.
Das geht nicht, der Mensch ist nicht so beschaffen. Letztlich weiß man immer, dass man etwas besser weiß, sobald man’s nun einmal besser weiß. Das lässt sich nicht abstellen, nicht verdrängen, nicht vergessen. Es ist sogar sehr schwer zu verheimlichen. Probieren Sie’s: Es gelingt kaum, sich einen Unsinn anzuhören, ohne irgendwann zu sagen, dass es Unsinn ist. Irgendwann verplaudert man sich. Und wenn nicht, merken es die Leute an der Mine, an der Körperhaltung oder so. Man verrät sich.
Jedenfalls mir geht’s so. Und da ich eben alles besser weiß als alle anderen, passiert mir das ständig. Und dann hab‘ ich wieder den Scherben auf.
Ok. 3.000 Zeichen. Und tschüss.
Text: Thomas Schaller · 08.02.2010