Soziale Unsicherheit

Die Zukunft der Jungen

Welche Chancen haben Junge, sich zu profilieren? Wie sollen sie unter prekären Arbeitsverhältnissen Familien gründen? Brisante Fragen, zu deren Diskussion das Radiokolleg seine Hörerinnen und Hörer am 17. September 2009 ins ORF KulturCafe einlädt.

Die Gestalterin der Sendereihe "Alt gegen Jung?", Margarethe Engelhardt-Krajanek und ihre Interviewpartner und -partnerinnen, Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung, Edeltraud Hanappi-Egger von der Wirtschaftsuniversität Wien, Reinhold Popp vom Zentrum für Zukunftsstudien in Salzburg und Florian Zuckerstätter von der ÖGB Jugendabteilung, werden sich der Diskussion über die Generationengerechtigkeit stellen.

Das Motto am 17. September 2009 im ORF KulturCafe lautet "Diskurs im Viertelstundentakt!" Nach einem kurzen Input der Experten und Expertinnen kommen jeweils die Zuhörer und Zuhörerinnen zu Wort. Diese Dynamik soll das klassische Schema einer Podiumsdiskussion aufbrechen und das Publikum von Beginn an als Akteur ansprechen. Ziel ist es, ein partizipatorisches Format zu entwickeln. "Radiokolleg zum Mitreden" wird mehrmals im Jahr im ORF-KulturCafe stattfinden.

Kinder bringen wenig Status

Die Fertilitätsrate in Österreich liegt derzeit bei 1,4 Kindern pro Frau. Im Gegensatz zu den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist es heute in Mitteleuropa nicht mehr selbstverständlich, Kinder groß zu ziehen. Der Rückgang der Geburtenraten hat mehrere Gründe.

Wolfgang Lutz vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat die Ursachen der europaweit sinkenden Geburtenraten untersucht. Erste Befragungen zeigen, dass es vor allem die Männer sind, die sich dem Kinderwunsch verweigern. Ein Drittel der befragten 35-Jährigen wollen keine Kinder. Denn Kinder bringen in mitteleuropäischen Gesellschaften keinen Status und kosten Geld. Anders bei den Frauen: Nur zehn Prozent der Befragten verzichten freiwillig auf Kinder.

Ob Kinder als Belastung wahrgenommen werden oder einen anerkannten sozialen Status innehaben, ist eine Frage der gesellschaftlichen Normen, sagt Wolfgang Lutz. Und das entscheidet die Politik.

"Innerhalb von Europa gibt es große Unterschiede. In Frankreich oder Skandinavien, zum Beispiel, liegt der Kinderwunsch von Frauen und Männern bei durchschnittlich zwei Kindern pro Familie. In diesen Gesellschaften müssen sich Frauen nicht zwischen Beruf und Familie entscheiden. Kinder repräsentieren einen sozialen Status und gehören zum gesellschaftlichen Selbstverständnis dazu", meint Wolfgang Lutz.

Einer der wichtigsten Faktoren, um eine Familie zu gründen, ist die soziale Sicherheit. Sind die individuellen Perspektiven unsicher, steht kein geregeltes Einkommen in Aussicht, wagen viele junge Leute nicht, sich auf das Abenteuer Familie einzulassen.

Keine soziale Sicherheit für die Jungen

Die Situation der jungen Menschen heute ist paradox, so der Soziologe Hans Peter Blossfeld vom bayrischen Staatsinstitut für Familienforschung. Denn einerseits sind die jungen Menschen besser ausgebildet, sie sprechen mehrere Sprachen und weisen Auslandspraktika nach. Andererseits erhalten sie aber nur befristete Verträge, die schlecht bezahlt sind oder sie werden in eine prekäre Selbständigkeit gedrängt. Faktoren, die für die Fertilität einer Generation entscheidend sind.

Die Gewinner der Globalisierung heute sind Männer im Alter von 40 bis 55 Jahren. Ihre Verträge sind gesichert, die Pensionen garantiert. Gleichzeitig profitieren sie vom wachsenden Lebensstandard und den sinkenden Preisen, die durch den internationalen Wettbewerb verursacht werden.

Die Benachteiligung der Jungen zeigt sich auch in der Gestaltung von Lehrverträgen, die zwischen Jugendlichen und Arbeitgebern abgeschlossen werden, sagt Florian Zuckerstätter von der Österreichischen Gewerkschaftsjugend, denn mit dem Jahr 2008 wurde gesetzlich die Klausel verankert, dass ein Lehrvertrag vom Arbeitgeber einseitig gekündigt werden kann. Das sei das falsche Signal für die jungen Leute, meint der junge Gewerkschafter. Eingeführt wurde diese Klausel mit dem Argument, dass damit die Hemmschwelle für Betriebe geringer würde, Lehrlinge einzustellen und auszubilden. Doch davon sei in der Praxis nichts zu merken. Das Resultat ist, so Florian Zuckerstätter, dass noch mehr Druck auf die jungen Leute ausgeübt wird.

Dieser Druck macht sich auch auf den Universitäten bemerkbar. 40 Prozent der Studenten brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab. Grund dafür sind eine mangelnde Infrastruktur, ein anonymer Massenbetrieb und fehlende individuelle Betreuung der jungen Leute.

Langsames Umdenken

Wenn Lehrlinge und Studenten die zahllosen Selektionsverfahren durchlaufen und Lehre oder Studium erfolgreich absolviert haben, dann warten auf sie befristete Teilzeitjobs.

Wenn immer weniger junge Menschen Kinder bekommen, wird die Dynamik einer alternden Gesellschaft immer stärker. Dieser Prozess lässt sich kurzfristig nicht einfach korrigieren, schon gar nicht mit utopischen Erwartungen, meint Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg: "Zukunft ist Herkunft. Was die Vergangenheit geprägt hat, wird auch die Zukunft prägen. Wer den Prozess des sozialen Wandels beobachtet, muss in Generationenrhythmen denken".

Das bedeutet, Werte und Normen einer Gesellschaft verändern sich nur langsam. Um zukunftsfähige Konzepte zu schaffen, sagt der Politologe, müssen nachhaltige Strukturreformen eingeführt werden. Die Grundlage ist ein sorgfältiger Umgang mit natürlichen und sozialen Ressourcen.

Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 14. September bis Donnerstag, 17. September 2009, 9:05 Uhr

Veranstaltungs-Tipps
Radiokolleg zum Mitreden: Alt gegen Jung?, Donnerstag, 17. September 2009, 19:30 Uhr, ORF KulturCafe, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien

Mehr dazu in radiokulturhaus.ORF.at

Links
Institut für Demographie Wien
Staatsinstitut für Familienforschung Bayern
Österreichische Gewerkschaftsjugend
Stiftung für Zukunftsfragen