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Gesellschaft

Gehört mein Bauch mir?

35 Jahre Diskussion um Fristenlösung

35 Jahre nach Einführung der Fristenlösung gehen die Wogen nach wie vor hoch. Vor den Wiener Ambulatorien für Schwangerschaftsabbruch patrouillieren christliche fundamentalistische Gruppierungen, Frauen in schweren Krisen sind ihnen ausgeliefert.

Abtreibungen sind in Österreich nach wie vor ein tabuisiertes Thema. Seit Jahren wird über die Einführung von Schutzzonen vor den Wiener Ambulatorien für Schwangerschaftsabbruch diskutiert, doch bis jetzt hat sich die Politik zu keiner effizienten Gesetzesregelung durchgerungen - und das trotz der politisch dominanten Stellung der SPÖ in Wien.

Christliche Fundamentalisten terrorisieren Frauen

Was beispielsweise in Frankreich schon längst eingeführt wurde, ist in Österreich ein Politikum. Und so kommt es, dass Patientinnen auf dem Weg ins Ambulatorium oder auch Passantinnen am Fleischmarkt von christlichen Gruppierungen mit Informationsflyern oder kleinen Plastikembryonen versorgt werden - gegen ihren Willen.

Auch wenn manche Frauen die Beratung und Hilfestellung dieser Gruppierungen durchaus annehmen mögen, so empfinden die meisten deren "Gehsteigberatungen" als Belästigung oder sogar als Psychoterror - vor allem jene Patientinnen, die kurz nach dem Schwangerschaftsabbruch das Gebäude verlassen, in körperlich und psychisch instabilem Zustand.

Beschimpft und verfolgt
Aber auch sie sind der Verfolgung durch christliche Gruppen schutzlos ausgeliefert, Augenzeugen berichten gar von Beschimpfungen, dass deren PKW-Nummern notiert würden oder von Verfolgung bis in die U-Bahn hinein - ein Vorwurf, den die betreffende Organisation Human Life International vehement zurückweist. Trotzdem gibt es in Österreich keine rechtliche Handhabe gegen derlei Aktivitäten.

Wird Häupl exkommuniziert?

Die katholische Kirche jedenfalls lehnt die Fristenregelung vehement ab, und in den letzten zwei Monaten werden die Stimmen aus den oberen kirchlichen Reihen lauter: Weihbischof Andreas Laun etwa wünscht sich eine "strafrechtliche Verfolgung" von Abtreibungsärzten und möchte den Wiener Bürgermeister Michael Häupl exkommunizieren, weil dieser die Ambulatorien für Schwangerschaftsabbruch unterstütze.

Teenager schlecht aufgeklärt

Auch die Aufklärung in Schulen liegt im Argen. Zahlreiche Teenager sind beispielsweise der Überzeugung, dass man beim ersten Mal nicht schwanger werden könne. Dringend notwendig wäre auch, dass die "Pille danach" so wie in zahleichen anderen Ländern rezeptfrei gestellt würde, fordert Petra Schweiger vom Salzburger Frauengesundheitszentrum Isis, denn im Falle einer Verhütungspanne zählt jede Minute. Sie wünscht sich einen flächendeckenden Zugang für Frauen zum Schwangerschaftsabbruch für ganz Österreich. Denn derzeit müssen beispielsweise Tirolerinnen extra nach Wien oder Salzburg fahren.

Westeuropäischer Standard in Österreich utopisch?
Abbrüche sollten gratis an allen öffentlichen Spitälern möglich sein. Die Verhütungspille sollte auf Krankenkassenrezept abgegeben werden, damit sie auch für Teenager und sozial Schwache leistbar ist. All diese Maßnahmen zählen in den meisten westeuropäischen Ländern zum Standard, in Österreich ist es noch ferne Utopie.

Wie viel sexuelle Selbstbestimmung der Frau ist in Österreich gesellschaftlich erwünscht? Und was sind die Konsequenzen von zu wenig Aufklärung? Österreich liegt, was Teenager-Abortraten betrifft im Ranking Westeuropas an dritter Stelle. Auch was die Gesamtzahl der Abtreibungen anbelangt, liegt Österreich mit geschätzten 30.000 bis 40.000 Abbrüchen jährlich zu den Top-Abreibungsländern in Europa, nach Russland und Rumänien, etwa gleichauf mit Ungarn und Bulgarien.

Gestaltung: Teresa Arrieta · 13.10.2009

Hör-Tipp
Journal Panorama, Dienstag, 13. Oktober 2009, 18:25 Uhr

Links
Frauengesundheitszentrum Isis
Verhütungsmuseum
Frauengesundheitszentrum Graz

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