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Brief an einen Schatten

Der Arzt als sozialer Aktivist

Héctor Abad war einer der bedeutendsten Ärzte Lateinamerikas, der die Epidemien seines Kontinents besiegen wollte, und schließlich in Kolumbien dem Schlimmsten erlag: der politischen Gewalt. Sein Sohn hat ihm mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt.

Es war eine starke Zuneigung, die Héctor Abad junior für seinen Vater empfand und noch heute empfindet. Es war vielmehr eine ganz starke Liebe, die über eine normale Sohn-Vater-Beziehung im machistisch geprägten Kolumbien der 1960er Jahre weit hinausging.

Manche Onkel und Tanten, und derer gab es viele, waren fest überzeugt, dass aus dem jungen Héctor eine Memme werden würde, weil ihm einfach alles erlaubt war. Vielleicht war es die Tatsache, mutmaßt Hector Abad, dass er der einzige Sohn neben fünf Schwestern war, die ihn zum Lieblingskind seines Vaters machte. Dessen Credo in punkto Erziehung lautete: Wenn du willst, dass dein Kind ein guter Mensch wird, dann mach es glücklich und wenn es ein noch besserer Mensch werden soll, dann mach es noch glücklicher.

Wenn ich ihm etwas vorwerfen kann, dann ist es das Übermaß an Liebe, mit dem er mich überschüttet hat.

Hygienestandard durch Aufklärung heben

Toleranz und Empathie war auch im Beruf eine Maxime des Vaters. Für den Mediziner Héctor Abad stand fest, dass ein Arzt in erster Linie Forscher zu sein hatte. Er sollte die Beziehungen zwischen Ökonomie und Gesundheit verstehen, er sollte aufhören, Medizinmann zu sein und stattdessen sozialer Aktivist und Wissenschaftler werden.

Der von Kollegen und von der Kirche zu Unrecht als Marxist denunzierte Gesundheitsfachmann war der festen Überzeugung, durch Aufklärung und vernünftige staatliche Baumaßnahmen könne ein bestimmter Hygienestandard erreicht werden. Maßnahmen zur Verbesserung des Trinkwassers und für saubere Milch, also ohne Amöben, TBC-Erreger und Fäkalienspuren, könnten mehr Menschenleben retten als alle individuelle Kurativmedizin.

Er vertrat die grundlegende - weil sie für alle und nicht für einige galt, revolutionäre – Idee, solange nicht gesichert sei, dass alle Einwohner Medellíns Zugang zu sauberem Trinkwasser hätten, dürfe kein Geld für andere Dinge ausgegeben werden. Die Epidemiologie hat mehr Leben gerettet als alle Therapien, schrieb er in seiner Doktorarbeit. Vielen Ärzten war er damit ein Dorn im Auge, denn er verteidigte seine Vorstellungen gegen ihre ehrgeizigen Pläne für Privatkliniken, Labors, Diagnosetechniken und Fachpraxen. Ihre Wut war verständlich, denn die Regierung schwankte, wie sie die spärlichen Ressourcen verteilen sollte. Wenn man Wasserleitungssysteme baute, gab es weniger Geld für technisch anspruchsvolle Geräte oder Krankenhäuser.

Todesursache: Gewalt

Ärzte, Politiker und auch das reiche Bürgertum begannen den engagierten Mediziner Héctor Abad zu hassen. Man störte sich daran, schreibt sein Sohn, dass er ständig die Worte "Gleichheit" und "soziales Bewusstsein" im Munde führte. Er galt als Aufhetzer der Armen, denen er ans Herz legte, Forderungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit zu stellen.

Auch die Kolumbien in den letzten Jahrzehnten so negativ prägende Seuche der Gewalt prangerte er an. Schon 1962 hatte er in einem Vortrag die "Epidemiologie der Gewalt" untersucht und forderte, Gewalt auslösende Faktoren einer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen. Es sollte die persönliche Geschichte und die Familiengeschichte gewaltbereiter Menschen untersucht werden, der Grad ihrer sozialen Integration, ihre Hirnstruktur, ihre Einstellung zu Sex und ihre Vorstellung von Männlichkeit.

Mein Vater verfolgte aufmerksam, woran die Menschen starben, und er brauchte sich nur umzusehen und umzuhören, und schon fand er seine Ahnung auch ohne Statistik bestätigt. In Kolumbien breitete sich die zyklisch auftretende Epidemie, die das Land seit Menschengedenken geißelte, wieder aus. Die Gewalt, der seine Schulkameraden zum Opfer gefallen waren und die seine Großeltern in den Bürgerkrieg getrieben hatte. Der Faktor, auf dessen Konto die meisten Todesfälle gingen, waren die Menschen. Längst führten nicht mehr Typhus, Darmkatarrh oder Malaria die Liste der Todesursachen an.

Ermordet 1987

Der Staat, genauer gesagt die Armee, unterstützt durch private Todesschwadronen, die Paramilitärs, die Sicherheitsorgane, manchmal sogar durch die Polizei, so der Autor, tötete politische Gegner, Linke und vermeintliche Linke, um das Land "vor dem Kommunismus zu retten".

Dieser Gewalt fiel Hector Abad senior im August 1987 schließlich selbst zum Opfer. Er wurde erschossen, wenige Tage, nachdem er in einem Artikel in der Tageszeitung "El Mundo" die Abhörspezialisten des Batallón Bomboná bezichtigt hatte, Gefangene tage-und nächtelang gefesselt und mit ausgeklügelten grausamen körperlichen und psychischen Schikanen gefoltert zu haben.

Sein Sohn, der Autor, beschreibt auf beklemmende Art und Weise, wie der Kampf des furchtlosen Arztes für soziale Gerechtigkeit auf die unvermeidliche Tötung durch ein korruptes, gewaltbereites Regime hinausläuft.

Keine Suche nach dem Täter

Die Passagen, in denen der Journalist und Romancier erzählt, wie er zwei Wochen nach den tödlichen Schüssen gebeten wird, die Schubladen im Büro seines geliebten Vaters durchzusehen, zählen zu den eindringlichsten der 170 Seiten des Buches.

Das ist so, als blickt man durch einen Spalt in das Gehirn eines anderen.

Gleich nach dem Besuch im Leichenschauhaus wird dem Sohn klar, dass der von gedungenen Paramilitärs verübte Mord niemals aufgeklärt werden würde.

Man übergab mir dort die Habseligkeiten meines Vaters in einem Plastiksackerl. Und ich nahm es mit in sein Büro. Im Hof packte ich alles aus: die blutverschmierte Kleidung, das blutbefleckte Hemd mit den Einschusslöchern, die Krawatte, die Schuhe. Vom Kragen des Jackets fiel etwas herunter und hüpfte über den Boden. Es war eine Kugel. Die Ermittler hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Kleidung zu untersuchen. Am nächsten Tag brachte ich diese Kugel ins Gericht, obwohl ich wusste, dass es nutzlos war.

Den Tod erzählen

Zwanzig Jahre lang habe Héctor Abad junior jede Woche gespürt, dass er die Pflicht habe, nicht unbedingt den Tod zu rächen, aber ihn wenigstens zu erzählen. Lange habe er sich nicht getraut, es zu tun, gesteht er dem deutschen Herausgeber von "Brief an einen Schatten".

Noch 2001 erschien ihm eine Fahrt über Land zur Finca der Familie zu gefährlich. Es seien in der Umgebung von Medellín Paramilitärs mit Schutzgeldforderungen aufgetaucht. Außerdem fürchte er die Straßensperren, wo die linke Guerilla anhand von Laptops zahlungskräftige Kolumbianer identifizieren könne. Schließlich seien Entführungen nach wie vor ein gutes Geschäft.

Umarmen statt rächen

Die Paramilitärs sind heute durch die Sicherheitspolitik des derzeitigen Präsidenten Alvaro Uribe vorerst zum Schweigen gebracht. Und auch die Guerilla ist entscheidend geschwächt. Héctor Abad hat beschlossen, das blutige Hemd seines toten Vaters zu verbrennen und von seinem Leben und seiner Ermordung zu erzählen – ohne Rachegelüste, denn:

Meinem Vater lag der Gedanke an Rache stets fern. Die wenigen Male, die ich von ihm geträumt habe, in den geisterhaften Bildern der Erinnerung und der Phantasie, die uns erscheinen, während wir schlafen, waren unsere Gespräche eher angenehm als von Furcht geprägt, und immer voll der Wärme und Herzlichkeit, die wir füreinander empfanden. Wir haben nicht voneinander geträumt, um auf Rache zu sinnen, sondern um uns zu umarmen.

Text: Thomas Haunschmid · 20.10.2009

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Héctor Abad, "Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien", übersetzt von Sabine Giersberg, Berenberg Verlag

Link
Berenberg Verlag - Brief an einen Schatten

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