Der "schmutzige" Rennfahrer
Ich fahre - also um die Wette
Von Anbeginn der Existenz von Automobilen wird um die Wette gefahren. "Um die Wette" ist eine anthropologische Konstante, von der Tabelle der 2. Liga West bis hin zu irgendwelchen Ranglisten der besten Schönheitschirurgen in Ostösterreich.
8. April 2017, 21:58
Aus Zypern bekam ich den "Practical Motorist". Ich wusste, dass die Ginetta mit der Nummerntafel "25 URO" 1964 von Automobilweltmeister Graham Hill getestet wurde (Es ist der seriöse Herr, der seine linke Hand auf die offene Motorhaube legt). Bei den üblichen Antiquariaten fand ich das Heft nicht, aber in Zypern hat offenbar ein älterer Motorfan ziemlich viele Schätze zurückgelassen. Der freundliche zypriotische Antiquar schickte das Heft und ich nehme an, dass dieses Heft für Ginetta-Besitzer ziemlich toll ist.
Um etwas näher an Graham Hill heranzukommen, wähle ich einen Umweg weiter hinein in die Geschichte des Motorsports - mit einer Erinnerung an den berühmtesten englischen Nie-Automobilweltmeister: Stirling Moss. 80 Jahre ist er heuer geworden, und er hat - so wie der Titel seiner Autobiografie heißt - "Alles nur nicht mein Leben" für seinen Sport gegeben.
Legende Moss
Stirling Moss, 1929 in London geboren, stammt aus einer motorbegeisterten Familie, die Mutter fuhr Trials, der Vater im englischen Brookland oder im amerikanischen Indianapolis im Kreis - auf Ziegelpisten und überhöhten Kurven. Stirling machte schnell Karriere. 1958 wurde er wieder einmal nur zweiter in der WM, diesmal um nur einen Punkt. Warum? Er setzte sich gegen die Disqualifikation seines Landsmannes Mike Hawthorn bei einem WM-Lauf ein, und der wurde dann Weltmeister... Zum Geburtstag widmete das traditionsreiche englische Magazin "Motorsport" viele mögliche Covers dem legendären Fahrer.
Gut und beständig
An dieser Stelle lässt sich ein Bogen zu Ginetta konstruieren. Sie wissen ja, das kleine englische Sportauto, das ich unaufgefordert für Ö1 teste. Graham Hill, ja, der Vater des späteren Weltmeisters Damon Hill, wird in diesem Heft von Stirling Moss so beschrieben: "Ein Fahrer, der mit weniger Fähigkeiten mehr erreichte als die meisten." Immerhin: Hill gewann fünfmal in Monte Carlo, siegte in Indianapolis, war zweimal Weltmeister - ein "sehr guter, beständiger und aufmerksamer Fahrer", aber - und jetzt kommt der Punkt: "Graham could be quite dirty", er konnte "schmutzig" fahren. Hill selbst wurde 1964 in Mexiko von einem Ferrari angefahren, und dann wurde ein anderer Ferrari-Fahrer Weltmeister, aber das meint Moss sicher nicht - Hill war möglicherweise der Auslöser für den Unfall, der Moss fast das Leben gekostet hätte.
Goodwood 1962, Hill war in Führung, Moss fuhr nach einem Boxenstopp überrundet weit hinten liegend Rekordrunden. Er wollte den Führenden überholen, um weiter Rückstand gutzumachen. Unfall, 38 Tage Bewusstlosigkeit.
Als er ungefähr ein Jahr später wieder einen Rennwagen probierte, erreichte Moss sofort wieder sehr gute Rundenzeiten, aber er fuhr nicht mehr so automatisch wie früher - "Ich musste bewusst daran denken, was zu tun war", bemerkte es, und gab am selben Tag den Rennsport auf. - "Alles nur nicht mein Leben".
Fortgesetzte Tradition
Graham Hill starb bei einem Flugzeugabsturz im Jahr 1975, wurde 1962 - im Jahr von Moss' Unfall - Weltmeister und 1968, in dem Jahr als Jim Clark starb.
Im Sommer 1964 also testete Graham Hill für die englische Autozeitschrift "Practical Motorist" eine von der Redaktion zusammengebaute Ginetta G4. Schon damals lief sie 110 Meilen, dem Weltmeister war die Ginetta zu laut, aber "The Ginetta is one of the prettiest small cars I've seen", eines der schönsten kleinen Autos, die er gesehen hat. Und: Die Bremsen waren gut, die Straßenlage und auch der Motor.
Bei meiner Ginetta allerdings herrscht noch immer Stillstand, ganz im Gegensatz zu der von Graham Hills Enkel bzw. Damon Hills Sohn Josh: Er gewann als 17-Jähriger im Vorjahr einige Rennen im Ginetta Junior Wettbewerb...
Und mein Spielzeug wird demnächst zu einer anderen Werkstätte transferiert, die Werkstätte des Teams, das in der Tradition von Curd Barry, Gunther Philip und Jochen Rindt steht. Aber das ist eine andere Geschichte.
Links
Ginetta Heritage
Ginetta - News
MotorSport
Huber & Werginz - Ecurie Vienne
