Persönliche Notizen von Beate Firlinger

Ich blogge, also bin ich

Weltweit breiten Millionen Menschen ihr Leben in Weblogs vor anderen aus. Sie führen Tagebücher oder Journale online und schreiben, meist aus der Ich-Perspektive, über ihre Gedanken oder Gefühle. Das "Ich-Format" wurde zum globalen Massenphänomen.

Ich brach 2005 in das kommunikative Neuland auf. Das grassierende Blogfieber hatte auch mich erwischt. Nicht so sehr als Privatperson, sondern mehr als Medienschaffende wollte ich die Welt der Weblogs zum Zwecke der Public Relations erkunden. Ich bin freie Journalistin und betreibe Öffentlichkeitsarbeit, etwa für den Verein MAIN, der sich mit Behinderung und Barrierefreiheit befasst.

Meine Kolleginnen und ich beschlossen, ein MAIN-Blog aufzubauen. Wir entschieden uns für ein gängiges Open-Source-System, das wir für unsere neue Plattform installierten. Ich erinnere mich an die ersten Schritte im Maschinenraum der Blog-Engine. Die Benutzeroberfläche hieß uns mit "Hallo Welt!" willkommen und erklärte: "Dies ist der erste Artikel. Sie können ihn bearbeiten oder löschen. Aktivieren Sie, um Spam zu vermeiden, doch gleich mal die entsprechenden Plugins. So, und nun nichts wie ran ans Bloggen!" Das war aber doch leichter gesagt als getan.

In der Folge hielt uns die technische und inhaltliche Pflege des Netzwerkzeugs jedenfalls ganz schön auf Trab. Ein Blog ist zwar laut Wikipedia "ein einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu spezifischen Themen". Das problemlose Publizieren im Blog-Format will dennoch geübt sein. Zumal das Editieren von Beiträgen und Bildern sehr wohl ein gewisses Maß an technischen Kenntnissen erfordert.

Abgesehen davon handelte es sich nicht um ein privates Blog, wo wir einfach schreiben konnten, was uns gerade in den Sinn kam. Es ging um ein Fach-Blog mit persönlich gefärbten und gleichzeitig informativen Artikeln, die unseren Anliegen öffentliches Gehör verschaffen sollten.

Alles in allem erwies sich das Weblog für unsere kleine Organisation als äußerst effektives Instrument der Öffentlichkeitsarbeit. Bloggen ist billig, schnell, aktuell, interaktiv. Es brachte uns Imagegewinn und intensive Kontakte ein. In Phasen mit vielen Postings konnten wir jede Menge Kommentare und immerhin rund 15.000 Einzelbesuche pro Monat verzeichnen. Verglichen mit anderen Online-Medien ist das vielleicht mager, aber für ein kleines Team mit begrenzten Ressourcen doch ein dickes Plus unterm Strich. Auf der Sollseite sind natürlich auch Minuspunkte zu verbuchen. So ist die Redaktion mitunter höchst zeitintensiv und Abschalten manchmal unmöglich.

Nach vier Jahren hat unser Vereinsblog vorerst einmal eine Verschnaufpause eingelegt. Auch meine private Blogpage nutze ich derzeit nur gelegentlich, als persönlichen Notizzettel und für Terminhinweise, die mir wichtig erscheinen. Dies auch, weil ich wenig Bedürfnis verspüre, mich permanent auf den Aufmerksamkeitsmärkten des Social Web selbst zu thematisieren.

"Slow Blogging" lautet sozusagen mein persönliches Motto, um mich nicht von diesem Zwang zur Mediatisierung des Alltäglichen stressen zu lassen. Dem Hype der Bekenntnisformate kann ich mich aber nicht entziehen. Und so stellte sich auch mir vor einigen Monaten die Frage: "Bloggst du noch oder twitterst du schon?" Ich kannte Twitter nicht und wusste nur, dass angemeldete Personen hier kurze Textnachrichten an andere User/innen senden und von diesen empfangen können. Und dass dieser Dienst die technologiebegeisterten Karawanen aus den Weiten des Webs magisch anzieht.

Ich eröffnete also einen Account, weil ich neugierig war, wie das sogenannte Micro-Blogging funktioniert. Meine ersten Gehversuche im Gelände der Twitterer waren wenig elegant. Ich fühlte mich wie eine Analphabetin, die den "Tweets", "Followers" oder "Hashtags" nicht gleich folgen konnte. Doch die Initiationsriten waren schnell überstanden.

Seither weiß ich Twitter als Tool sehr zu schätzen. Es bietet mir Zugriff auf aktuelle oder abseitige, persönliche oder politische, witzige oder weltbewegende Informationen, die ich sonst nicht hätte entdecken können. Zugegeben, persönlich bin ich dabei nicht ganz so firm wie viele andere Freunde auf Twitter, deren Hyperaktivität, Wissen und Humor mich bisweilen verblüffen.

Mein Eingabefeld "Was machst du gerade" bleibt manchmal tagelang leer. Aber damit kann ich mittlerweile ganz gut leben. Schließlich ist das ja auch meine Art zu bloggen, eben mein eigenes Ich-Format.

Worüber bloggen Sie?

Wie nutzen Sie ihren Blog? Posten Sie ihre Blog-Erfahrungen im Forum am Ende des Artikels.

Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 9. November bis Donnerstag, 12. November 2009, 9:30 Uhr

Veranstaltungs-Tipp
Radiokolleg zum Mitreden, "Ich blogge, also bin ich", Gäste: der twitternde ZIB-2-Moderator Armin Wolf, der Web-Experte und Blogger Max Kossatz, der Kulturtheoretiker Ramón Reichert und die Medien- und Twitterforscherin Jana Herwig, Donnerstag, 12. November 2009, 18:30 Uhr, ORF KulturCafe.

Die Veranstaltung "Radiokolleg zum Mitreden" wird als Audiostream übertragen.

Mehr dazu in radiokulturhaus.ORF.at

Sie können wie schon bei der ersten Veranstaltung dieser Art über Twitter mitdiskutieren. Der Hashtag dazu lautet: #rkblog

Links
Twitter - Radiokolleg zum Mitreden
BILDblog - Das Watchblog für deutsche Medien bietet Notizen und Hintergründiges zum Boulevardjournalismus.
digiom - Die Medienwissenschafterin Jana Herwig schreibt einen Studienblog über das Leben in und mit digitalen Onlinemedien.
Digitalks - Veranstaltungsreihe mit informativer Website, die digitale Medien in verständlicher Sprache erklären und praxisnah zeigen, wie sie funktionieren und eingesetzt werden können.
Global Voices - Internationales Projekt, das Weblog-Meldungen aus allen Teilen der Welt verbindet und ein Beispiel für den neuen, globalen BürgerInnen-Journalismus bietet.
HiperBarrio - Projekt einer engagierten Gruppe von BloggerInnen im kolumbischen Medellín.
netzpolitik.org - Deutsches Weblog zu aktuellen Themen der Informationsgesellschaft, Open Source und Bürgerrechte im digitalen Zeitalter.
Niggemeier - Weblog des deutschen Medienjournalisten Stefan Niggemeier.
Podcasterin - Susanne Mandls Blog und Podcast über Umweltschutz und andere "naturkluge" Sachen.
Wissen belastet - Der Webspezialist und österreichische Topblogger Max Kossatz über Medien, Technologie, Social Software, Web 2.0, u.v.m.