Freie Radios

Civilmedia 09

Medien verändern das Sozialverhalten von Menschen. Kulturpessimisten denken dabei an von Computerspielen inspirierte Amokläufer. Es gibt allerdings eine Sorte Medien, die sich darüber definiert, soziale Entwicklung im positiven Sinne zu beeinflussen.

Community Radio und TV heißen sie im angelsächsischen Raum, hierzulande sind sie unter den Bezeichnungen Freie Radios und offene Fernsehkanäle bekannter. Durch Partizipation, offenen Zugang für alle Bevölkerungsgruppen und Medienbildung im weitesten Sinne wollen sie nicht weniger als die Welt verbessern. Viele Netzinitiativen im Social Media Bereich haben ähnliche Ambitionen.

In Salzburg fand von 4. bis 7. November 2009 die "Civilmedia" statt, eine "UnConfernence" mit EU-Finanzierung, bei der sich Aktivisten, Journalisten, Wissenschaftler, Medienpädagogen und Neugierige aus Österreich und ganz Europa zum Austausch treffen.

Heuer ging es um "Social and Technological Innovation in Open-Access-Media". Mit 160 Teilnehmern aus 20 Ländern hat sich die Civilmedia in ihrem vierten Jahr als Treffpunkt für partizipative Medien in Europa etabliert.

Inforadio von und für Neosalzburgerinnen

Mit der Präsentation eines Projektes des Veranstalters Radiofabrik wurden die Konferenzteilnehmer der Civilmedia 09 begrüßt: "Willkommen in Salzburg - Inforadio von und für Neosalzburgerinnen" ist eine fünfsprachige Radiosendung, die von einer Gruppe von zehn Frauen mit Migrationshintergrund gestaltet wird. Die Frauen kommen aus Russland, Mexiko, Turkmenistan, Australien und der Türkei, vom Balkan und von den Philippinen.

Seit Frühling dieses Jahres produzieren sie gemeinsam das Infomagazin für Neuzugewanderte. Die Sendung dauert jeweils eine Stunde und bringt ihre Inhalte in Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Türkisch, Russisch und Englisch. Die Gestalterinnen leben zwischen einem und 20 Jahren in Österreich und wissen, worauf es am Anfang ankommt. Bis dato gibt es Sendungen über Visum & Co, Deutsch lernen in Salzburg, über das Schulsystem, Gewalt in der Familie, Arbeitssuche und vieles mehr.

Die Radiosendung ist jedenfalls ein Musterbeispiel für das Thema der diesjährigen Civilmedia: Soziale Innovation in partizipativen Medien. Redakteurin Haydee Jimenez erklärt, warum: "Ich habe neue Mittel gewonnen, Mittel für die Kommunikation, Mittel um in meiner Umgebung aktiv zu sein. Ich fühle mich bestärkt, wir fühlen uns alle empowered, weil wir die Möglichkeit haben, öffentlich über Dinge zu sprechen, die wir für wichtig halten."

Menschen eine öffentliche Stimme geben

Genau darum geht es den Community Medien - Menschen eine öffentliche Stimme zu geben, die sonst keine haben. Im Detail tun sie sich aber immer noch etwas schwer mit der Eigendefinition. Schon an einer einheitlichen Bezeichnung scheitert es. Im Deutschen kursiert eine Vielzahl von Begriffen, von Freie Medien über Bürgermedien und partizipative Medien bis hin zu offene Kanäle und nichtkommerzielle Medien oder dem gleich im englischen verbleibenden Community-Medien. Gerne wird auch vom dritten Sektor gesprochen, neben dem öffentlich-rechtlichen und dem privat-kommerziellen.

"Community Media wird von Bürgern für Bürger gemacht. Ich denke das ist die kürzeste Definition", sagt Pieter de Wit, Präsident des Community Media Forums Europe (CMFE) über die Mitglieder seiner Organisation. Kollegin Moica Plansak ergänzt: "Im Grunde vertreten wir alle partizipativen Medien, also Medien die sich mit Minderheiten und benachteiligten Gruppen beschäftigen. Und natürlich mit Inhalten, die in traditionellen Medien nicht vorkommen. Zum Beispiel Musik, experimentelle Kunst - eben alles, was ansonsten marginalisiert ist und einfach nicht vorkommt."

Der dritte Mediensektor

Das Community Media Forum arbeitet seit 2004 auf europäischer Ebene an der Vernetzung und am Lobbying für den dritten Mediensektor. Eine Empfehlung des Europarates und ein EU-Parlamentsbeschluss über "gemeinnützige Bürger und Alternativmedien" wurden bereits erreicht.

Auch in Österreich gibt es einen ersten Erfolg: Seit diesem Jahr gibt es auf Bundesebene eine Förderung für nichtkommerzielle elektronische Medien. Eine Million Euro dürfen sich die 13 Freien Radios, deren österreichischer Verband und der bis jetzt einzige partizipative Fernsehkanal (das ist OKTO-TV in Wien) teilen.

Neben Radio und Fernsehen kam der große Bereich der Neuen Medien und des sogenannten Web 2.0 bei der Civilmedia prominent vor. Auch deren Einfluss auf soziale Veränderungen ist unbestritten. Ein brandaktuelles Beispiel dafür sind die Uniproteste.

Die Uni brennt, auch in Salzburg

Zwei Hörsaalbesetzer der Salzburger Uni haben kurzfristig ihren Platz verlassen, um auf der Civilmedia zu erklären, welche Rolle Blogs, Facebook, Twitter und Co in ihrem basisdemokratischen Protest spielen. Donat Klingersberger, Mitglied der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit: "Die schnelle Verbreitung der Proteste von Wien ausgehend auf die anderen österreichischen Universitäten und bis nach Deutschland wäre ohne die sozialen Medien sicher nicht möglich gewesen. Auch die traditionellen Medien haben ihre Inhalte aus den sozialen Netzwerken bezogen und den Medienhype um die Uniproteste angefacht."

Aber Klingersberger sieht in der schnellen Ausbreitung und massiven Berichterstattung auch eine gewisse Gefahr: Das Risiko, dass aus Uni brennt ein Strohfeuer wird, das schnell hoch aufflackert aber ebenso schnell ausbrennt wird dadurch seiner Meinung nach verstärkt.

Social Media im Iran

Obwohl die Civilmedia eine EU-finanzierte Veranstaltung ist, wurde in Salzburg nicht nur aus und über Europa berichtet. Immer noch aktuell sind die Proteste im Iran. Irfan Rajah von der Universität Huddersfield in UK forscht über den Einsatz von Social Media im Iran nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Ahmadinejad: "Die Zahl aktiver persischer Blogs beträgt aktuell über 60.000 und sehr interessant ist auch, dass Persisch momentan die zweitgrößte Blogsprache im Internet ist. Der Grund dafür ist einfach: Es ist die einzig verfügbare Alternative für die Iraner, andere Medien sind verboten und die staatlichen Medien zeigen nur eine Version der Geschichte."

Social Media in Russland

Die Eindimensionalität staatlicher Berichterstattung ist auch in Russland Alltag. Dort ist allerdings im Vergleich zum Iran der Zugang zu Internet oder Mobiltelefonie wesentlich geringer. Keine zwölf Prozent der russischen Bevölkerung verfügen über einen Internetanschluss.

Im Web gibt es bis dato keinerlei Einschränkungen oder Zensuren von staatlicher Seite. Victor Khroul von der Universität Moskau glaubt nicht, dass in den nächsten Jahrzehnten für die Regierung die Notwendigkeit entstehen werde, das Internet zu kontrollieren, denn "der durchschnittliche russische User wird kein politisches Interesse oder Bedürfnis nach objektiver, unabhängiger und kritischer Information entwickeln. Paradoxerweise hat China trotz Zensur wesentlich bessere Chancen, für eine Veränderung Richtung Demokratisierung und Bürgerrechte."

Victor Khroul zweifelt daran, dass zivilgesellschaftliches Engagement in Russland in den nächsten Jahrzehnten auf breiterer Basis entstehen wird - weder off - noch online. Es gebe in diesem Land keine entsprechende Tradition und deshalb sei auch nicht mit sozialen Innovationen aus dem Bereich neue Medien zu rechnen.

Wenn er mit seiner Analyse der russischen Gesellschaft recht hat, dann haben dort wohl auch Zines wenig Chancen. Zines sind kleine selbstgeschriebene, gebundene und vervielfältigte Magazine, für deren Herstellung keinerlei Internetanschluss oder sonstige technologische Voraussetzung nötig ist. Papier und Buntstifte, idealerweise ein Kopiergerät, mehr braucht es dazu nicht. Außer eben ein gewisses Engagement und Interesse, sich öffentlich zu artikulieren.

Ein reichhaltiges Programm

Im Rahmen der Civilmedia war eine Ausstellung von feministischen Zines zu sehen. Dem Thema feministische Medienproduktion waren außerdem mehrere Civilmedia-Beiträge gewidmet. Der sogenannte Feminismus der 3. Generation steht von Anfang an in Verbindung mit partizipativen Medien und DIY - Do it yourself - in allen, eben auch in medialen Kontexten.

Von Red Chidgey, Rosa Reitsamer und Elke Zobl wurde ein österreichisch finanziertes Forschungs- und Dokumentationsprojekt über feministische Alternativmedien vorgestellt: "Das Projekt versucht, feministische Medienproduktion zu dokumentieren und zu analysieren, wie sie von den 1970ern bis heute ensteht - in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Formaten. Ein Teil des Projektes ist die Website grassrootsfeminism.net. Sie ist als transnationales Archiv angelegt, Inhalte können in jeder Sprachen hochgeladen werden."

Darüber hinaus gab es noch 25 weitere Vorträge, Diskussionen und Workshops an den drei Tagen der Civilmedia. Von "Community Funded Journalism" über Social Innovations in DIY Publishing: Print-On-Demand Technology" bis "Paricipatory culture and technology in on- and offline networks."

Die Veranstaltung ist umfangreich online dokumentiert. Ein Großteil der Beiträge wurde gestreamt und findet sich langfristig zum Nachhören auf der online-Austauschplattform der österreichischen Freien Radios, dem "Cultural Broadcast Archive". Einige Veranstaltungen stehen als Videoaufzeichnung zur Verfügung, darüberhinaus gibt es Berichte, abstracts, unzählige Fotos und Blogbeiträge.

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