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Politik
Kolumne

Fest der Freiheit

Von realen und virtuellen Mauern

Zum Jahrestag des Mauerfalls haben in Berlin rund 300.000 Menschen ein "Fest der Freiheit" gefeiert. Die Bevölkerung des ehemaligen Ostblocks hatte auch allen Grund zu feiern. Im ehemaligen Jugoslawien wiederum gibt es wenig Anlass dazu.

Im ehemaligen Jugoslawien verfolgten wir den Fall der Berliner Mauer übers Satellitenfernsehen. Die damals übergroßen "Teller" schmückten überall die Landschaft der Städte und Dörfer. Wir betrachteten quasi von oben herab, wie sich unsere östlichen Nachbarn darüber freuten, Grenzen überqueren und reisen zu dürfen.

Wir selbst waren ja damals in der privilegierten Lage, dass wir diese Freiheiten ohnehin hatten. Und so dachten wir, dass der Realsozialismus in Jugoslawien von derart dramatischen Ereignissen verschont bleiben würde. Wobei es natürlich heute schwierig zu sagen ist, was wir uns damals wirklich dachten. Liegt doch der Filter einer 20-jährigen Erfahrung über den Erinnerungen.

(c) Meinhart, ORF

Wer hat heute was zu feiern?

Die Internationale wird nationalistisch

Wir gingen damals unserem alltäglichen Leben nach und taten so, als ob uns das alles eigentlich gar nichts anginge. Dabei war schon nach Titos Tod im Jahre 1980 irgendwie klar gewesen, dass unsere Variante des "dritten Weges" nicht ewig funktionieren würde. Wurden wir doch ständig zwischen Ost und West hin und hergespielt.

Die ehemalige titoistische kommunistische Partei Jugoslawiens hatte sukzessive dem ursprünglichen "Internationalismus" den Rücken gekehrt und zerfiel in stark nationalistisch geprägte Parteien der jeweiligen Teilrepubliken. Und es kümmerte damals selbst die Kommunisten nicht, dass das Verlassen des "Internationalismus" eigentlich ein Verrat an der kommunistischen Idee war. Der Kommunismus orientiert sich schließlich nicht an Nationen, sondern an Klassen.

Aber all das war für uns damals noch nicht Grund genug, um sich Sorgen über die Zukunft des jugoslawischen Sozialismus zu machen. Wir dachten, die Mauer und ihr Fall sei eine Angelegenheit der Deutschen. Die Demokratisierung der anderen sozialistischen Staaten sei allein deren Sache. Wir waren überzeugt, Jugoslawien würde wieder seinen eigenen Weg gehen. Und das tat es dann leider auch. Es war ein blutiger Weg, gepflastert von 200.000 Toten.

Doch bis zum Beginn des Krieges hätte sich das kaum jemand vorstellen können. Milosevics Aktivitäten waren bereits voll im Gange, die Nationalisten machten öffentlich Stimmung. Aber wir gingen seelenruhig unseren täglichen Beschäftigungen nach.

(c) Grahovac

Panzer für die "Dritte Welt".

Die Panzer von Sarajewo

Während jener Tage des Mauerfalls, war ich gerade dabei einen Film zu drehen. Einen Industriefilm im Auftrag der größten jugoslawischen Marketingfirma mit Sitz in Zagreb. Es handelte sich um ein einstündiges Video, das den Stolz der jugoslawischen Industrie präsentieren sollte: einen Panzer, den wir an Staaten in der "Dritten Welt" verkaufen wollten. Die Fabrik lag in einem Vorort von Sarajewo.

Nach der Winterolympiade im Jahr 1984 genoss Sarajewo einen ganz speziellen Status im damaligen Jugoslawien. Die Stadt florierte, das Leben dort war voll und bunt, wie man es sich heute nur noch schwer vorstellen kann.

Zwei Ingenieure der Fabrik betreuten uns während unseres Aufenthalts. Einer hieß Muris und den anderen riefen wir nach seinem Familiennamen Petkovic. Muris war Moslem und Petkovic ein Serbe. Unser Filmteam bestand aus Kroaten aus Zagreb. Das war, aus heutiger Sicht gesehen, eine "Multikulti"-Angelegenheit. Damals hingegen spielte das alles keine Rolle. Es war völlig irrelevant, ob jemand Moslem, Serbe oder Kroate war.

Während also 1989 Mauern fielen, ganze Systeme zerfielen, neue freie Staaten entstanden, waren in Jugoslawien Muslime, Serben und Kroaten gemeinsam damit beschäftigt, Panzer an Entwicklungsländer zu verkaufen.

Blutiger Zerfall des Musterbeispiels

Nur wenige Jahre später, am 5. April 1992 begann die Belagerung Sarajewos. Ich habe keine Ahnung, was dann aus Muris und Petkovic geworden ist. Ich weiß auch nicht, wie viele der Panzer aus der Fabrik tatsächlich ihren Weg in die "Dritte Welt" gefunden haben und wie viele schließlich ihre Salven auf ehemalige Mitbürger und Nachbarn verschossen.

Heute ist Sarajewo der Sitz zahlreicher internationaler Organisationen, die sich vergeblich darum bemühen, aus Bosnien-Herzegowina wieder einen "multi-ethnischen" Staat zu machen.

Bis heute rätsle ich, wie dieses "Musterbeispiel an Realsozialismus" auf so schreckliche und blutige Art zerfallen konnte, während die Staaten Osteuropas, die einen wesentlich härteren Sozialismus durchleben mussten, einen vergleichsweise undramatischen Weg in die Freiheit gefunden haben.

Die verbliebenen Mauern

Wenn ich mir heute die Feierlichkeiten zum Mauerfall anschaue, finde ich es irgendwie bedauerlich, dass wir diesen Geschehnissen damals nicht mehr Beachtung geschenkt haben. Trotz aller Übergangsprobleme, trotz aller offenen Fragen hat die Bevölkerung des ehemaligen Ostblocks heute Grund zu feiern.

In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens hingegen gibt es nichts zu feiern. Denn dort sind die Mauern nicht gefallen. Im Gegenteil: sie sind massiver geworden. Das Schlimmste daran ist, dass diese Mauern nicht aus Lehm und Ziegeln erbaut sind. Denn Mauern aus Ziegeln und Beton sind bekanntermaßen leichter niederzureißen, als jene in den Köpfen.

14.11.2009

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