Gelingt die Quadratur des Kreises?
In Zeiten der Krise soll die Wunderwaffe Wirtschaftswachstum für Arbeitsplätze sorgen. Dürfen dafür Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen und ökologische Probleme in Kauf genommen werden? Oder kann Wohlstand auch ohne Wachstum erreicht werden?
Schrumpfen ist ein Wort, das mit Verzicht, mit Rückschritt in Verbindung gebracht wird. es ist negativ behaftet, es macht uns Angst. Aber in Anbetracht des Klimawandels scheint es dringend nötig, auf weiteres Wirtschaftswachstum in der "Ersten Welt" zu verzichten, meint Norbert Reuter, seines Zeichens Referatsleiter für Wirtschaftspolitik der deutschen Gewerkschaft Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft und Dozent für Ökonomie an der Universität Aachen.
Die deutsche Bundesregierung hat daher vor wenigen Tagen im Eilverfahren ein "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" beschlossen, das steuerliche Entlastung von Familien, Unternehmen und Erben in Milliardenhöhe vorsieht. Mit diesem Gesetz, so Reuter, wird den Unternehmern, den Erben, den Reichen durch Steuererleichterungen geholfen. Ob aber auf diesem Weg Arbeitsplätze geschaffen werden, ist äußerst fraglich.

Sollen wir für das Wachstum der Wirtschaft ungleiche Verteilung und ökologische Probleme in Kauf nehmen?
Der Wachstumskurs, der irgendwann zu Vollbeschäftigung führen soll, wird ausbleiben, ist Norbert Reuter überzeugt. Die Kollateralschäden hingegen werden mit Sicherheit eintreten. Reuter plädiert für eine Arbeitszeitverkürzung, die eine höhere Beschäftigungsrate zur Folge haben soll.
Reiner Kümmel, emeritierter theoretischer Physiker, er lehrt Thermodynamik und Ökonomie an der Universität Würzburg, ist der Meinung, dass die Kosten der Energie eine zentrale Rolle spielen. Energie sei nämlich billig und trage viel mehr zu Wirtschaftswachstum bei, als die teure, menschliche Arbeit.
Reiner Kümmel fordert daher eine Verlagerung der Steuerlast vom schwachen Produktionsfaktor Arbeit hin zum starken Produktionsfaktor Energie. Denn durch die steuerliche Entlastung der Arbeit und die steuerliche Mehrbelastung von Energie, so der Physiker, würde der Abbau von Arbeitsplätzen verhindert und arbeitsintensive Dienstleistungen würden bezahlbar werden. Außerdem würde der Wachstumszwang zur Schaffung neuer Arbeitsplätze gemildert werden.
Weit bevor wir an die ökologische Grenze des Wachstums stoßen, ist Sepp Zuckerstätter, Ökonom der Arbeiterkammer Wien, überzeugt, erreichen wir die soziale Grenze des Wachstums. Diese deutlich stärkere Grenze des Wachstums ist dann erreicht, wenn große Bevölkerungsgruppen nicht mehr bereit sind, die verschlechterten Lebensbedingungen in materieller, ökologischer aber auch in sozialer Hinsicht zu akzeptieren, so Sepp Zuckerstätter.
Es ist also weniger die Höhe oder die Geschwindigkeit des Wachstums ausschlaggebend. Die Verteilung des Wohlstandes ist zentral, so Sepp Zuckerstätter. Damit stellt er sich gegen die vorherrschende Wirtschaftslehre, in der ein "Trickle Down" Effekt, zu Deutsch ein Sicker-Effekt nach unten angenommen wird, demnach der Wohlstand der Reichen automatisch zu mehr Wohlstand der Ärmeren führt. In Zeiten der Debatte über vermögensbezogene Steuern einerseits und Transferkonten andererseits, zeigt sich, wie umkämpft die Begriffe Wohlstand und Wachstum sind.
Jörg Mahlich, Ökonom der Wirtschaftskammer Österreich, fordert die Abschaffung der Mindestlöhne, um Vollbeschäftigung zu erreichen.
Hinter der Vorstellung, dass die Abschaffung von Mindestlöhnen zu mehr Beschäftigung führt, steht die Annahme, dass Arbeitslosigkeit nur deshalb vorherrscht, weil der Preis für die Arbeit zu hoch ist. Denn wenn Arbeit für die Unternehmen billiger wird, würden sie mehr davon haben wollen. Norbert Reuter von der deutschen Gewerkschaft Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft widerspricht heftig und bringt Deutschland als Beispiel.
Deutschland sei auch aufgrund der drastischen Lohnreduktionen Exportweltmeister, weil die Nachfrage nicht im Land generiert wird, sondern im Ausland. Aber diese Art des Wachstums sei keinesfalls nachhaltig und auch kein geeigneter Weg aus der Krise.
Norbert Reuter, von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft in Deutschland stellt einen Trend zur Stagnation in reichen Gesellschaften, wie den europäischen oder US-amerikanischen, fest, wo die Märkte weitgehend gesättigt sind und dennoch Arbeitslosigkeit herrscht.
Er erklärt sich diesen Trend zur Wachstumsreduktion in entwickelten Gesellschaften mit der Theorie des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, nach der die Konsumrate mit steigendem Wohlstand abnimmt und die Sparquote zunimmt. Wer mehr verdient, spart auch mehr. Die Antwort heißt Arbeitszeitverkürzung, meint Norbert Reuter.
Das Wirtschaftswachstum geht in Europa und den USA von selbst zurück. Um dem Ziel der Vollbeschäftigung näher zu kommen, wäre Arbeitszeitverkürzung sehr sinnvoll, sagen die einen. Die anderen sind der Meinung, dass man die Löhne senken muss, um eine höhere Beschäftigungsrate zu erzielen. Und wieder andere sind überzeugt davon, dass nur eine klare Beschränkung der Ressourcen das ökologische Problem lösen kann.
Wohlstand ist in reichen Industrieländern nicht unbedingt an Wachstum gekoppelt. Ein wenig anders sieht es für jene Menschen aus, deren Lebensumstände man nicht in einem Atemzug mit Wohlstand nennen sollte. Denn für arme Menschen in Entwicklungsländern kann Wachstum durchaus mehr Wohlstand bedeuten, erklärt die renommierte Umweltökonomin Sigrid Stagl.
50 Millionen US-Amerikaner und Amerikanerinnen, so eine Untersuchung des Agrarministeriums, können es sich nicht mehr leisten, genügend Lebensmittel zu kaufen, um gesund zu bleiben. Die Wirtschaftskrise zeigt ihr Krallen und verschärft die Kluft zwischen Arm und Reich selbst in den wohlhabendsten Regionen der Welt.
Auch für Arme in reichen Ländern, so Sigrid Stagl, sollte es möglich sein, mehr Einkommen zu generieren. Aber das ist wiederum nur durch mehr Wachstum möglich. Oder durch Umverteilung", ergänzt Sigrid Stagl.
Text: Rosa Lyon · 19.11.2009
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Journal Panorama, Donnerstag, 19. November 2009, 18:25 Uhr
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