Raus aus der DDR
Julia Blesken tritt nicht mit dem Ehrgeiz an, zum Zwanzig-Jahre-Jubiläum des Mauerfalls einen DDR-Roman zu liefern. Dabei hält sie die Situation danach sehr genau fest. Der Roman gleitet nie ins Banale ab und verfügt über einen ganz eigenständigen Blick.
Nichts mehr, das sie der Welt entgegenzusetzen hatte. Ihr vertraute Gerüche verloren; den Geruch nach Kamille, den sie sonst selbst im Winter erinnerte. Re fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar, wie um sich zu vergewissern. Der Griff nach etwas Vertrautem. Das reichte. Auch wenn nichts blieb als das Haar, so weich wie Karnickelfell, zwischen den Fingern. Es würde gehen. Den Geschmack von See verloren, den Geruch nach warmem Atem. Von einem Moment auf den nächsten. Ein Mund, der sich selbst fremd war allein. Alles verloren. Doch es würde gehen.
Die junge Frau, die alles verloren hat, hat sich im Winter 1990/1991 Hals über Kopf auf den Weg nach Berlin gemacht. Aus einem namenlosen Dorf der DDR. Von ihrem eigenen Namen erfährt man im Roman nur die beiden ersten Buchstaben: Re - das ist der Kosename, den ihr der Großvater gegeben hat. "Es würde gehen" - so spricht sie sich selbst Mut zu. Doch es geht nicht in der anonymen Großstadt Berlin, auch wenn sie liebevoll in die Wohngemeinschaft in einem besetzten Haus aufgenommen wird. Sie ist zum Studieren gekommen, scheitert aber schon bei den ersten Aufnahmeformalitäten an der Universität. Und versinkt immer tiefer in Apathie. Bis eines Tages eine Ansichtskarte kommt, die sie wegruft - nach Hause.
Die Geschichte ist einfach, doch die bislang so gut wie unbekannte, 1976 in Berlin geborene Autorin Julia Blesken hat daraus ihr erstaunliches Roman-Debüt "Ich bin ein Rudel Wölfe" gemacht. Gerade weil sie nicht auf die Geschichte fixiert ist, sondern auf das genaue Beschreiben. Und darauf versteht sie sich, egal ob es um einen See geht, um eine trostlose Kneipe oder eine Bushaltestelle in der ehemaligen DDR oder um familiäre Beziehungen.
Julia Blesken trumpft nicht auf, tritt nicht mit dem Ehrgeiz an, jetzt - rechtzeitig zum Zwanzig-Jahre-Jubiläum des Mauerfalls - den DDR-Roman zu liefern. Dabei hält sie die Situation danach sehr genau fest - in Berlin, wo Ossis und Wessis gleich zu erkennen sind: an ihren Schuhen, an den Gesten und Blicken - "Trefferquote 99 Prozent", sagt ein Würstchenverkäufer; aber auch im Dorf der Ex-DDR, wo die Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft - der Roman verwendet den sowjetischen Ausdruck "Kolchose" - aufgelöst wurde, die Menschen mit einer Kneipe, mit Fischzucht oder einem kleinen Betrieb ihr Geld zu verdienen versuchen und oft ihre Existenz verlieren. Aber das alles kommt quasi en passant ins Bild, denn der Erzählstrom bleibt konsequent bei Re und ihren Erinnerungen. Und auch da trumpft Julia Bleskens Roman nicht auf.
Wie hier zunächst eine Kindheitsidylle anzuklingen scheint, die dann Schritt um Schritt demaskiert wird, das gehört zu den großen Stärken des Buches. Die liebevolle Beziehung zum Großvater und die geheime Komplizenschaft mit ihm gegen die Großmutter, die verschworene Nähe zum Bruder und die Allgegenwart von Natur - das alles könnte ein Stoff sein, aus dem eine glückliche Kindheit gemacht ist. Doch das grüne Wasser des Sees entpuppt sich als von Algen verseucht, und Res Familie schwimmt nur deswegen darin, weil sie ohne Auto nicht an den schönen Badesee gelangen kann, wo die anderen schwimmen.
Der Großvater stellt sich immer mehr als der einzige Erwachsene heraus, zu dem Re überhaupt eine Beziehung hat, denn die Großmutter ist nur daran interessiert, dass Re einen Beruf erlernt, der Vater hat nichts über für Kinderträume und die Mutter entgleitet ihr immer mehr. Sie war Pianistin, kam aus der Stadt und ist nie heimisch geworden am Hof. Der Vater hat ihr das Klavier zugenagelt, und als sie auf dem geschlossenen Deckel noch immer Schubert spielen will, hat er es kurzerhand in die Scheune verfrachtet.
Die Mutter bricht immer wieder aus, verfällt in Depression, wird im Krankenhaus medikamentös behandelt und kommt zurück mit einem Lächeln - ihrer letzten Waffe. Langsam, sehr langsam lässt der Roman dieses Drama sichtbar werden, und er verfällt dabei nie in billiges Psychologisieren. Schon gar nicht, wenn es um Res einzige Liebe geht: um ihren Bruder Marc.
Die Schilderung der Berührungen und des Beieinander-Liegens verweigern sich dem voyeuristischen Blick. Marc ist der Starke und Unzähmbare, der sich schon in DDR-Zeiten weder zum Singen noch zum Sport zwingen ließ, obwohl er zu beidem begabt war. Nach der Wende wird er zum Außenseiter und zum Beschützer seiner Schwester. Als sie einmal zu ihrer ehemaligen Lehrerin geht, um Bücher auszuleihen, trifft sie die volle Aggression der Jungen des Dorfes. Und Marc schützt sie nicht, er ist gegen die Bücher. Die Entscheidung für das Studium, für Berlin, muss Re ganz alleine treffen. Und sie scheitert daran, weil sie in ihren Erinnerungen gefangen bleibt. Erst auf dem Heimweg stellt sich heraus, wie schmerzhaft sie sind.
Das Ineinander von Heimweg und Erinnerungen macht, eingerahmt von drei kurzen Kapiteln am Anfang und zweien am Schluss - den Hauptteil des Romans aus. Nur über ihre Vergangenheit spricht Re aus der Ich-Perspektive, in der Gegenwart wird von ihr in der dritten Person erzählt. Immer wieder sind beide Ebenen durch bestimmte Situationen miteinander verklammert. Und hier knirscht gelegentlich auch die allzu systematische, wie auf dem Reißbrett entworfene Konstruktion.
Wenn sie beschreibt, folgt man Julia Blesken gerne, doch der Perspektivenwechsel ermüdet zunehmend - weil die Autorin zu wenig daraus macht und er eben ein Schema bleibt; ein ziemlich bekanntes noch dazu.
Um Bleskens Debüt in diesem Punkt an Thomas Bernhards "Ursache" zu messen, was zugegebenermaßen ungerecht ist: Bei Bernhard tut es weh und schafft Distanz zur Vergangenheit, wenn der Ich-Erzähler über sich selbst in der dritten Person spricht; im Roman "Ich bin ein Rudel Wölfe" droht der Wechsel zum leeren Prinzip zu verkommen.
Doch das ist auch der einzige Einwand gegen diesen außerordentlichen Debüt-Roman, der sich nicht nur an keiner einzigen Stelle im Ton vergreift oder ins Banale abgleitet, sondern über einen ganz eigenständigen Blick verfügt - und über die Sprache, ihm Ausdruck zu verleihen. Es ist eine außerordentliche erzählerische Leistung, wie viel Schönheit dem Schrecken dieser Kindheit abgewonnen wird. Und wie sich am Ende die Heimkehr auflöst in eine neuerliche Abfahrt. Eine überzeugende Prosa-Autorin ist angetreten.
Text: Cornelius Hell · 24.11.2009
Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr
Buch-Tipp
Julia Blesken, "Ich bin ein Rudel Wölfe", Jung und Jung Verlag
Link
Jung und Jung - Ich bin ein Rudel Wölfe