Raus aus dem Klimawandel
Der Global Deal
2006 sorgte der "Stern-Report" für Aufsehen. Darin listete der Ökonom Sir Nicholas Stern erstmals die Kosten eines weltweiten Klimawandels auf. In seinem neuen Buch zeigt er konkret auf, wie und um welchen Preis sich Klimaschutz verwirklichen lässt.
8. April 2017, 21:58
Der Stern-Report gilt als Meilenstein in Sachen Klimaschutz. In der von der britischen Regierung in Auftrag gegebenen Studie bezifferte der frühere Chefökonom der Weltbank Nicholas Stern erstmals die wirtschaftlichen Folgekosten der globalen Erwärmung. Das Fazit: Noch ist es möglich, mit vergleichbar geringem Aufwand entgegenzusteuern - mit nur einem Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts kann die weltweite Staatengemeinde eine katastrophale Entwicklung des Klimawandels abwenden. Im Buch "Der Global Deal" revidiert Nicholas Stern diese Kosten: Der Report habe die Zunahme an Treibhausgasen unterschätzt, räumt der Ökonom ein - inzwischen wären es wohl schon zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die weltweit in den gezielten Klimaschutz fließen müssten.
Auszahlen würden sich die Kosten für die notwendige Treibhausgasreduktion allemal. Die durch Nichtstun entstehenden Klimaschäden kämen fünf- bis 20-mal so teuer, rechnet Nicholas Stern vor. Gelingt es nicht, den für die globale Erwärmung verantwortlichen Kohlendioxid-Ausstoß innerhalb der nächsten fünf Jahre drastisch zu senken, so drohen Dürrekatastrophen und Überschwemmungen, sowie weltweite Konflikte um die immer knapper werdenden Ressourcen.
"Das ist die erste Generation, die durch ihre Nachlässigkeit das Verhältnis zwischen Menschen und dem Planeten nachhaltig zerstören könnte, nicht zu sprechen von den anderen Lebewesen", so Stern im Gespräch. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden die Temperaturen mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis zum Ende dieses Jahrhunderts um fünf Grad höher sein als sie im 19. Jahrhundert waren. Als Antwort auf den starken Temperaturanstieg wird es eine massive Völkerwanderung geben, die auf lange Sicht heftige weltweite Konflikte auslösen wird."
Ausbau erneuerbarer Energien
War der Stern-Report noch eine nüchterne Bestandsaufnahme der Folgekosten des Klimawandels, so versteht sich "Der Global Deal" als ein Wegweiser zur Verhinderung der drohenden Klimakatastrophe. Damit das Ziel, die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf weniger als zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2050, erreicht werden kann, müssen alle Staaten der Welt vermehrt in Klimaschutzmaßnahmen investieren - zum Beispiel in den Ausbau erneuerbarer Energien und in den Kampf gegen die Abholzung der Regenwälder.
In den nächsten 40 Jahren sollen so die Kohlendioxid-Emissionen um die Hälfte reduziert werden. Damit die armen Länder nicht auf ihr Wirtschaftswachstum verzichten müssen, sollen die Industrieländer den Löwenanteil an Emissionen einsparen - nämlich etwa 80 Prozent. Dieses notwendige Ziel ist nur zu schaffen, wenn eine Technologie-Revolution zu Gunsten erneuerbarer Energien einsetzt. In der Entwicklung neuer Technologien sieht Nicholas Stern aber auch die wichtigste Triebfeder für nachhaltiges Wachstum:
"Wenn wir uns diesem Problem stellen und nachhaltig handeln, könnten wir ein Zeitalter von Wachstum und Wohlstand schaffen - der Wandel zu einer CO2-Ausstoß-armen Wirtschaft wird eine der aufregendsten Phasen der Weltökonomie sein. Eine Ära der Innovation, der Investition und Entdeckung. (...) Wenig zu tun ist sehr gefährlich, während nachhaltig zu handeln ein verlockender Weg nach vorn ist."
Entscheidend, schreibt Nicholas Stern, seien die Entwicklungen der nächsten 20 Jahre. In dieser Zeit müssen CO2-arme und erneuerbare Energien, etwa die Windkraft oder Solarenergie, die fossilen Brennstoffe nach und nach ersetzt haben. Ein weltweiter Emissionshandel soll ebenfalls helfen, den Kohlendioxidausstoß in Grenzen zu halten und nach und nach zu vermindern.
CO2-Preis gefordert
Zusätzlich fordert der britische Ökonom Kostenwahrheit: Der Preis einer Ware sollte auch die Folgekosten für die Umwelt miteinbeziehen. Dieser - nennen wir ihn CO2-Preis - sollte die tatsächlichen Kosten der Treibhausgas-Emission widerspiegeln.
"Wir brauchen einen CO2-Preis - ohne den zahlen die Leute nicht für die Kosten, die sie anderen zufügen", meint Stern. "Aber ich denke, wir brauchen viel mehr als das. In manchen Bereichen werden Regulierungen nötig sein. In anderen Bereichen benötigen wir tatkräftige Unterstützung für die Entwicklung und Bereitstellung neuer Technologien."
Den reichen Ländern komme laut Nicholas Stern die Schlüsselrolle zu: Sie sind die Hauptverursacher des Klimawandels, auch wenn ein Schwellenland wie China mittlerweile als größter CO2-Verursacher gilt.
Verpflichtung der Industrieländer
Warum sollen gerade die Schwellenländer auf ihr Wachstum verzichten?, fragt der Autor und bringt auch ethische Fragen mit ins Spiel. Es gelte neu zu definieren, was "gerechte" Lösungen sind, welche Maßnahmen die ärmeren Länder tragen können und welche Verantwortung die reichen Staaten übernehmen müssen. Immerhin werden vom Klimawandel genau die am härtesten getroffen, die am wenigsten für die bestehende Treibhausgaskonzentration können. Den Entwicklungsländern gegenüber haben die Industrieländer eine Verpflichtung zu helfen, mahnt Nicholas Stern.
"Wir als reiche Nationen müssen konkrete Zahlen für unsere Hilfeleistung nennen, damit die Entwicklungsländer fortfahren können mit ihren Klimaschutzprogrammen", so Stern. "Ich plädiere dafür, im Jahr 2015 mindestens 50 Milliarden Dollar dafür aufzuwenden. Und das ist bescheiden. Das sind etwa 0,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes eines reichen Landes. Wenn wir uns das nicht leisten können, nehmen wir das Problem nicht ernst!"
Klimagipfel in Kopenhagen
Im Dezember 2009 trifft sich die Weltgemeinschaft in Kopenhagen, um bei der 15. UN-Klimakonferenz über die Zukunft der Emissionsreduzierung zu beraten. Auf der Agenda steht der Beschluss eines Nachfolgevertrages für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll von 1997.
Das Kopenhagener Abkommen muss ehrgeiziger und internationaler sein als sein Vorgänger, schreibt Nicholas Stern in "Der Global Deal". Die Verhandlungen in Kopenhagen werden schwierig sein, meint er, denn die Industriestaaten bangen angesichts der Wirtschaftskrise um ihre Wettbewerbsfähigkeit, während die Entwicklungsländer eine Behinderung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung befürchten. Nicholas Stern warnt vor einem Scheitern des Klimagipfels, denn jede Verzögerung bedeute eine Erhöhung der CO2-Konzentration und damit einen schwierigeren Ausgangspunkt für späteres Handeln.
"Ich glaube, dass ein vollständiges Versagen in Kopenhagen sehr schädlich wäre", meint Stern. "Es würde die Zuversicht derer zunichte machen, die investieren müssen. Es würde den Emissionsmarkt aushöhlen. Es würde vermutlich zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und zu Streitigkeiten führen - und das würde von den Zukunftsperspektiven ablenken. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. So viele Menschen wollen, dass es ein Erfolg wird, dass etwas weitergeht, dass wir gute Chancen haben."
Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Nicholas Stern, "Der Global Deal. Wie wir dem Klimawandel begegnen und ein neues Zeitalter von Wachstum und Wohlstand schaffen", aus dem Englischen übersetzt von Martin Richter, Verlag C. H. Beck
