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Wir haben die Wahl

Ein Plan zur Lösung der Klimakrise

Dass Al Gore sein Buch unmittelbar vor dem großen Klimagipfel in Kopenhagen veröffentlicht, ist natürlich kein Zufall. Mit diesem Buch möchte Al Gore insbesondere seinen in Sachen Klimakrise noch etwas nachzügelnden Landsleuten Nachhilfe erteilen.

Al Gore ist sich bewusst, dass er nicht weit kommen würde, wenn er in der Öffentlichkeit zu sehr als Oberlehrer und selbsternannter Retter der Welt auftreten würde. Und so hat sich der Medien- und Marketingprofi Gore entschlossen, die ernsten Inhalte seines neuen Buches primär in populären Unterhaltungssendungen im amerikanischen Fernsehen zu transportieren, etwa in der Sitcom "30 Rock" oder der Satiresendung "Saturday Night Live".

Gore gelang es mit seinem Auftritt in "Saturday Night Live" vor knapp zwei Wochen gekonnt, sein Image als etwas steif wirkender und sich selbst und die Probleme der Welt zu ernst nehmender Eierkopf durch den Kakao zu ziehen. Doch bei aller Selbstironie und Selbstpersiflage, so zwischendrin, zwischen all den Lachern und Applaus, schaffte es Al Gore dennoch, den Inhalt seines Buches in einer Art Telegrammstil in vier Sätzen und knapp 15 Sekunden zusammenzufassen und über die Bildschirme zu bringen: Umstieg von fossilen Energieträgern wie Kohle und Öl auf erneuerbare Energiequellen, Ende der Abholzung und Start einer großangelegten Wiederaufforstung, Ende der Energieverschwendung und Start eines effizienten Umgangs mit Energie. Und schließlich auch: Ende der industriellen Landwirtschaft und Umstellung auf nachhaltige Anbaumethoden und nicht-industrielle Arten der Tierhaltung.

Zahlen, Fakten und Zitate

Im Buch selbst erläutert Al Gore die vielschichtigen Aspekte des Klimaproblems in insgesamt 18 Kapiteln und auf etwas über 400 Seiten. Gespickt mit Zahlen und Fakten und immer wieder auch Zitaten - von Aesop bis Adorno - führt Al Gore in die komplexe Thematik, vor allem aber auch in neue Technologien und Lösungsansätze ein. Als Beispiel sei hier der Aufbau eines Strom-Supernetzes genannt, das wie das Internet dezentral organisiert ist und auf dem modernsten technischen Stand ganz Amerika effizient, kostengünstig und umweltschonend mit Strom versorgen könnte.

Das liest sich bei Al Gore zum Glück nicht wie eine trockene Abhandlung, sondern Gore gelingt eine Zusammenschau. Mit dem Blick eines Systemtheoretikers zeigt er die einzelnen Regelkreisläufe auf und macht nachvollziehbar, wie diese im Großen und Ganzen zusammenwirken und zusammenhängen. Das betrifft Abläufe in der Natur und Technik ebenso wie solche in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Auf den Punkt gebracht

Auch die von den USA ausgegangene Weltwirtschaftskrise, die prekäre Sicherheitslage im Nahen Osten und die Klimakrise sind für Gore systemisch und ursächlich miteinander verbunden.

Die Vereinigten Staaten borgen sich nach wie vor Geld von China, um Öl vom Persischen Golf zu kaufen und es auf eine Weise zu verbrennen, die den Planeten zerstört.

Es sind nicht nur solche, komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringende Sätze, die Al Gores Buch trotz seiner über 400 Seiten zu einer kurzweiligen Lektüre machen. Dazu tragen auch zahlreiche Illustrationen und Bilder bei. Die Kernaussagen im Textteil des Buches illustriert Gore ausgiebig mit Infografiken und großformatigen Bildern.

Regelkreisläufe in der Konsumgesellschaft

Gore weiß nur zu gut, dass Bilder gerade in einem modernen medialen Umfeld mehr sagen als Worte. Und so lässt er zum Beleg seiner Thesen immer wieder Bilder, Grafiken und Fotos sprechen. Ein Foto zeigt etwa die unmittelbar aneinander grenzenden Städte Detroit in Amerika und Windsor in Ontario/Kanada. Das Foto, von der Luft aus und in der Nacht aufgenommen, zeigt unübersehbar den deutlich, ja exzessiv stärkeren Stromverbrauch auf amerikanischer Seite.

Unter den Bildern in Gores Buch findet sich auch eines des berühmten deutschen Fotografen Andreas Gursky, das endlose Regalreihen zeigt, die fast schon obszön vollgestopft sind mit den unterschiedlichsten Produkten. Darunter die Bildunterschrift:

In einem durchschnittlichen amerikanischen Supermarkt wie hier in Portland werden über 45.000 verschiedene Artikel angeboten.

Dieses Bild und die Bildunterschrift finden sich in einem Kapitel, in dem Gore sich kritisch mit den Regelkreisläufen in der Konsum- und Mediengesellschaft auseinandersetzt:

Die Werbeindustrie liefert den Treibstoff für die teuren und allgegenwärtigen elektronischen Medien mit ihrer ständigen Aufforderung, immer mehr zu konsumieren. Ein Amerikaner sieht heute im Durchschnitt 3.000 Werbebotschaften am Tag. Praktisch jeder Pawlow'sche Reflex im menschlichen Gehirn wird heute durch Werbung ausgelöst. Das hat zur Folge, dass der materielle Konsum in unserer Gesellschaft absurde Ausmaße erreicht hat und erst im Gefolge der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression leicht zurückgegangen ist.

Rationalistische Zugangsweise

Auch die Abhängigkeit der Politik von mächtigen Industrielobbys beschreibt Gore in ähnlicher Weise, nämlich wie ein Wissenschaftler ein Problemfeld oder ein Arzt ein Krankheitsbild. Zu Gores rationalistischer Zugangsweise gehört es auch festzustellen, was aus streng wissenschaftlicher Sicht gegen eine Veränderung unserer Denk- und Handlungsweisen spricht, gerade auch in Anbetracht der Klimakrise:

Wir besitzen die Fähigkeit, auf Signale zu reagieren, bei denen wir wiederholt negative Erfahrungen machen mussten. (...) Die Warnsignale, die Wissenschaftler über die Klimakrise ausgeben, sind uns dagegen nicht vertraut, weil sie bislang einmalig in der Menschheitsgeschichte sind. (...) Daher eignen sich die automatischen und halbautomatischen Reaktionen unseres Gehirns, die über Jahrtausende unser Überleben sicherten, nicht dazu, neue Verhaltensweisen und -muster in uns auszulösen, die zur Bewältigung der Klimakrise erforderlich sind.

Kurzzeitdenken überwinden

Hoffnung geben Al Gore da allerdings neueste Erkenntnisse der Gehirnforschung und auch der Glücksforschung, die belegen, dass das uns Menschen eigene und einprogrammierte Kurzzeitdenken durchaus auch überwunden werden kann und wir dazu fähig sind, kollektiv am Erreichen längerfristiger Ziele zu arbeiten.

Stichwort: kollektives Erreichen von Zielen. An diesem "Kollektiven" entzündet sich speziell in den USA eine heftige Kontroverse. Denn die Republikaner lehnen aus Prinzip und aus ideologischen Gründen jede Art von staatlicher Regulierung und kollektiver Handlung ab - auch und gerade bei der Bewältigung der Klimakrise.

Wie dieser Überhitzung der - politischen - Atmosphäre in den USA beizukommen wäre, dafür hat Al Gore allerdings kein Patentrezept parat. Er vertraut auf die "Macht der Information" und darauf, dass die Stimme der Vernunft schließlich doch Gehör finden wird.

Vor diesem Hintergrund ist Al Gores Buch "Wir haben die Wahl" als ein Beitrag zu mehr Aufklärung und Bewusstseinsbildung in Klimafragen zu verstehen. Es ist somit ein Buch, dem man viele, engagierte Leser wünschen möchte, nicht nur in unseren Breiten, sondern vor allem auch in den USA.

Text: Richard Brem · 08.12.2009

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Al Gore, "Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise", aus dem Englischen übersetzt von Enrico Heinemann, Thomas Pfeiffer, Werner Roller, Heike Schlatterer und Dr. Ulrich Mihr, Riemann Verlag

Link
Riemann

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